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Knockin' on Heaven's Door

Cäcilia Savier Bacher ist Sterbebegleiterin. Im BARFUSS-Interview erklärt die Mühlbacherin, warum wir keine Angst vor dem Tod haben müssen.

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Bild: privat

Es lässt sich nicht vermeiden: Irgendwann müssen wir alle sterben. Während die meisten am liebsten nicht darüber nachdenken, wusste Cäcilia Savier Bacher sehr bald, dass sie sich bewusst mit dem Sterben auseinandersetzen will und wurde schließlich Sterbebegleiterin. Seither hat sie viele Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug begleitet und ihre ganz eigene Art entwickelt, damit umzugehen. Bei ihr zu Hause erzählt sie, was Sterbenden am Ende des Lebens wirklich wichtig ist und weshalb wir alle keine Angst vor dem Tod haben müssen. 

Warum genau Sterbehilfe?
Kurz nach meinem 18. Geburtstag habe ich das erste Mal jemanden sterben sehen. Meine Mama fragte mich, ob ich mitkommen möchte, als eine Großtante von mir im Sterben lag. Ich war sofort einverstanden und bin meiner Mama heute noch dankbar, dass sie mir damals diese Möglichkeit gegeben hat. Wir waren bei ihr, als sie ging, und wir haben sie dann gewaschen und schön angezogen. Dies waren heilige Momente, die mich sehr beeindruckt haben. Dann habe ich meinen Tata beim Sterben begleitet. Jahre später bin ich dann dem Impuls meines Herzens gefolgt und habe mich für einen Pflegeberuf entschieden. Nach meiner Ausbildung in der Landesfachschule habe ich eine Zusatzausbildung zur Sterbebegleiterin gemacht und gleich gespürt: „Das ist meins." In meinem beinah 18-jährigen Wirken, davon 12 Jahre nachts, war die Sterbebegleitung mein Auftrag und meine Erfüllung.

Was kann man sich unter diesem Beruf vorstellen?
Sterbebegleitung bedeutet, einen Sterbenden zu begleiten. Dabei ist die Frage, ob ich bei oder mit einem Sterbenden sein will, sehr zentral. Abgesehen davon kann sich Sterben ja lange hinziehen. Es gibt Menschen, die viele Monate, manchmal auch Jahre in Phasen des Sterbens sind. Es geht darum, geschehen zu lassen, präsent zu sein, teilzuhaben an dem, was sich vollzieht, in Achtsamkeit, Wertschätzung und Dankbarkeit. Kein Sterben ist wie das andere. Es gibt Menschen, mit denen man bis zum letzten Moment verbal kommunizieren kann, es gibt aber auch Menschen, wo dies schon Wochen oder Monate vorher nicht mehr möglich ist, sie aber dennoch sehr feinfühlig sind und alles wahrnehmen. Man spürt dabei manchmal auch die Lebenszüge von einem Mensch – wie viel schon geheilt, geklärt, gelöst ist. Was mir persönlich immer wichtig ist, ist, die Angehörigen miteinzubeziehen, da dies für die Trauerarbeit sehr wertvoll ist. Natürlich immer so, wie es für sie stimmig ist.

Gibt es einen erkennbaren Unterschied, zwischen einem Sterbenden, der an ein Leben nach dem Tod glaubt, und einem Atheisten?
Wenn jemand ein Leben mit viel Egostruktur und Widerständen gelebt hat, kann sich das Sterben etwas schwieriger vollziehen. Gerade ältere Menschen, weil sie auch so geprägt sind, haben viele Schuldgefühle und beschäftigen sich mit Sünde und so weiter. Das kann manchmal eine Herausforderung mehr sein, weil damit oft Ängste verbunden sind und viele Gedanken rund um „das habe ich nicht getan und das hätte ich gesollt“ hochkommen. Manchmal ist es auch so, dass sich mentale Strukturen lösen, jemand in liebevollere Energien kommt und ein anderer Zugang dadurch möglich wird. Sehr entscheidend ist, ob jemand mit dem eigenen Leben im Frieden ist und offen ist, für das was kommt. Jede Seele ist einzigartig und vollkommen, egal was jemand als Mensch im Leben geglaubt oder nicht geglaubt hat.

Welche Rolle spielt die Angst?
Ängste können bei Sterbenden da sein. Wichtig ist zu schauen, was ich nähre, die Angst oder das Vertrauen. Und es gilt natürlich auch, Ängsten achtsam zu begegnen, sie anzusprechen, die Möglichkeit zu geben, diese zu äußern. Vor allem Sterbende fragen ganz oft zwischen den Zeilen. Es ist wirklich ganz wichtig, sich einzufühlen und versuchen zu verstehen, auch wenn es ganz einfache Dinge sind. Aber im Grunde sind wir eingebettet in ein göttliches Ganzes und auch beim Sterben, wenn jemand den Körper verlässt, sind so viele Helfer und Begleiter da, da braucht man im Grunde keine Angst zu haben.

Es gibt also ein Leben nach dem Tod?
Sterben ist für mich ein Entwicklungsschritt. Ähnlich wie wenn hier ein Kind geboren wird, da kommt die Seele auch von irgendwo her. Genauso ist es, wenn jemand geht, dabei verlässt eine Seele den Menschen und kommt auf eine andere Ebene. Auch in ganz schlimmen Situationen, wenn zum Beispiel ein Kind geht, sind das Lernfelder für das ganze Umfeld. Das ist natürlich eine große Herausforderung, aber in einem größeren Kontext gesehen hat alles immer einen Sinn. Es passiert nichts einfach nur so. Wenn jemand das so annehmen kann, hilft das sehr bei der Trauerarbeit. Außerdem: Es ist nicht eine äußere Instanz, die entscheidet. Die Seele entscheidet selbst, wann sie gehen möchte.

Eine individuelle Entscheidung: Auch bei einem Mord oder einem Autounfall?
Wir haben ja alle einen freien Willen und jede Seele entscheidet selbst, wann sie kommen will, wohin sie kommt und wann sie wieder gehen möchte – auch wenn das mit dem Verstand nicht erklärbar ist. Und wenn eine Seele entscheidet zu gehen, warum auch immer, dann wird sie unter Umständen eine Situation anziehen, die das unterstützt. Die schicksalsergebene Denkweise „ich muss jetzt und das ist eben entschieden“ bringt dabei niemanden in seiner Entwicklung weiter.

Was war ein besonders einprägsames Erlebnis in der Sterbebegleitung?
Ich durfte einmal eine Mama und ihren Sohn begleiten, bei denen die Beziehung nicht so harmonisch war. Es kam zu Verletzungen in der Kindheit, die nie geheilt wurden. Ich habe mit ihm ein Gespräch geführt, bei dem er sich öffnen und seinen Schmerz zulassen konnte. Wir sind dann gemeinsam zur Mama hin und auch bei ihr hat sich in der Zwischenzeit viel getan. Es war dann so schön, die Vergebung zu spüren und zu erleben, wie die Liebe geflossen ist. Sie konnte dann in Frieden gehen. Das hat mich tief berührt. Wenn die Liebe fließen kann, geschieht immer Heilung.

Was ist Sterbenden in ihren letzten Stunden am wichtigsten?
Ruhe, Offenheit, Gelassenheit und authentische Zuwendung. Sie ernst nehmen, egal in welcher Situation sie sich befinden, sie über Handlungen informieren und auf ihre Wünsche eingehen. Sterbende wollen oft noch ungeklärte Situationen im Leben bereinigen. Es zeigt sich wirklich immer wieder, dass Sterbende auf jemanden warten, dass sie jemanden noch sehen möchten und erst gehen, wenn diese Person dann gekommen ist. Manchmal ist es auch andersrum: Verlässt zum Beispiel ein Angehöriger für kurze Zeit den Raum, geht der Sterbende genau in diesem Moment, weil er so leichter loslassen konnte. Auch das ist in Ordnung und soll keine Schuldgefühle bei Angehörigen hervorrufen.

Sieht man als Sterbebegleiterin das Leben anders?
Also ich bin davon überzeugt, dass das generell oft so zutrifft. Ich kann das von mir jetzt nicht so sagen, weil ich schon immer etwas anders war, bereits als Kind. Ich war immer schon ein sehr tiefsinniger Mensch und diese Themen haben mich immer schon interessiert. Für mich sind es einfach die Begegnungen mit den Menschen, wo ich spüre, was im Leben wirklich zählt: Wenn jemand geht, ist es im Grunde egal wie viel Ansehen er hatte oder ob er unter der Brücke gelebt hat – was letztendlich zählt ist die Liebe. Vergebung, Vertrauen, Liebe, Loslassen sind für mich eng mit dem letzten Abschiednehmen verbunden. Die Leichtigkeit in der Tiefe ist mir in meinem Wirken dabei eine große Unterstützung. Wenn die Liebe fließen kann bei einem Sterbenden und deren Angehörigen, dieses heilige Geschehen zu begleiten, ist etwas Schönes und Erfüllendes, wofür es keine Worte gibt. Ich nehme viele schöne Erfahrungen mit und fühle mich reich beschenkt und das trage ich wie einen Schatz in meinem Herzen.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Maria Laura Ebensberger

wollte schon als kleines Mädchen Journalistin werden. Oder Schauspielerin. Wenn ersteres nicht klappt, seht ihr sie demnächst im Kino, an der Seite von Johnny Depp.
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