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Poetry Slammer Felix Maier

Je provokanter, desto besser

Felix Maier ist erst 16 und rockt bereits als Poetry Slammer die Bühnen. Der Zweitplatzierte der Südtiroler Poetry Slam Landesmeisterschaften will mit Gedichten entsetzen.

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Bild: Valentin Luther

Wer denkt, dass Gedichte heute nur noch an runden Geburtstagen der Großeltern vorgetragen werden, der täuscht sich: Poesie ist mitten in der Jugendszene gelandet. Bei Poetry-Slam-Veranstaltungen tragen seit einigen Jahren in und außerhalb Südtirols nicht wenige junge Menschen eigene Gedichte vor. Einer davon heißt Felix Maier und ist 16 Jahre alt.

Für ihn war Poetry Slam Liebe auf den ersten Blick. Als er mit zwölf Jahren dem Ruf einer Broschüre auf Mutters Schreibtisch folgte und sich in die Bibliothek von Auer traute, war es um ihn geschehen. Die Südtiroler Poetry-Slam-Größen Lene Morgenstern und Giovi gaben dort ihr Bestes. Einige Zeit später war Felix Maier 2015 als jüngster Teilnehmer in einem mehrtägigen Workshop von Morgenstern auf der Brunnenburg oberhalb von Meran mit dabei.

„Man muss nicht unbedingt jeden Satz vergewaltigen, um einen Reim zu erhalten. Es kann vorerst auch ungereimt bleiben.“

„Poetry Slam ist nicht klassisch, es ist jung und ungestüm“, beschreibt Felix die Dichtkunst. Beim Workshop auf der Brunnenburg erhielt der Traminer Tipps für das Schreiben der eigenen Texte und auch für den Auftritt. Morgenstern gab ihm dabei etwas sehr Wichtiges mit auf den Weg, erinnert sich Maier: „Man muss nicht unbedingt jeden Satz vergewaltigen, um einen Reim zu erhalten. Es kann vorerst auch ungereimt bleiben.“

Wieso aber interessiert sich ein Schüler mitten in der Pubertät für Poetry Slam? Felix Maier repräsentiert nicht den Durchschnitt seiner Altersgenossen. „Fast jeder Jugendliche hat mal einen Roman über Liebe oder Abenteuer gelesen. Für Lyrik interessieren sich aber die wenigsten“, sagt er. Wenn er nicht Akkordeon spielt oder sich mit Freunden trifft, greift er zu Lyrikbänden.

Der Humor und die Selbstironie in der Poesie wie der von Hans Bötticher beflügeln seinen Alltag. Der deutsche Lyriker und Matrose lebte an der Wende zum 20. Jahrhundert. Er veröffentlichte seine Werke unter dem Künstlernamen Joachim Ringelnatz und beschäftigte sich mit der See. Für Felix ist Ringelnatz’ Poesie Inspiration für das eigene lyrische Schaffen: „Es ist wichtig, offen durchs Leben zu gehen, für Details ein Auge zu bekommen. Ein zynischer Blickwinkel hilft mir oft.“

Dass er in Latein, Deutsch und Geschichte die besten Noten schreibt, überrascht nicht. Felix Maier besucht das Bozner Gymnasium „Walter von der Vogelweide“. Bei der diesjährigen Meisterschaft der Oberschule meldeten sich von zahlreichen Schülern weniger als ein Dutzend dafür, eigene Gedichte vorzutragen. „Es sind nicht viele. Aber ich freue mich, dass es überhaupt welche machen“, sagt er.

Wenn Felix als Poetry Slammer auftritt, schätzt er vor allem die Unterstützung seiner Schulfreunde: „Zuerst ist man als Dichter etwas Exotisches, besonders wenn man jung ist. Es ist etwas Ungewohntes. Aber gleichzeitig ist es sehr cool wie in meiner Klasse, die mich beim schulischen Poetry Slam unterstützt. Einige sahen sich meinen Auftritt an und freuten sich darüber, dass ich die Ehre meiner Klasse vertrat.“

„Ich bin kein so braves Individuum. Ich muss immer ein wenig reizen, sticheln und will das Publikum entsetzen.“

Felix mag das direkte Feedback der Menschen, wenn er auf der Bühne steht. „Du weißt sofort, wie dein Text beim Publikum angekommen ist. Du bringst etwas und erhältst darauf eine Reaktion.“ Dabei behandelt er das Publikum nicht zimperlich, wählt zuweilen wie in Rage seine Wörter und greift heraufbeschworene Gefühle auf, um sich darüber mit einem Augenzwinkern lustig zu machen. Bei der letzten Poetry Slam Meisterschaft an seinem Gymnasium holte er sich so den Sieg: In seinem Text geht es um detailliert beschriebene Liebkosungen seiner vermuteten Herzensdame, die er mit sogfältiger Betonung der Wörter vorträgt. Erst am Ende offenbart sich die wahre Angebetete, seine ehemalige Zahnspange. Provokation wird zum Stilmittel. „Ich bin kein so braves Individuum. Ich muss immer ein wenig reizen, sticheln und will das Publikum entsetzen.“

Wer sich fragt, wie Felix Maier die Zuschauer in seinen Bann ziehen kann, wird merken, dass der junge Traminer das Erfolgsrezept des Showbusiness längst verstanden hat. Darauf angesprochen, nennt er einen Vergleich: „Man ist nackt auf der Bühne, präsentiert sich. Aber wenn man das tut und den Mut hat, fast schon die Arroganz dazu, sich zu zeigen, genießt man es viel mehr. Auch wenn die anderen keinen Spaß daran haben, man muss es für sich selbst tun, man muss es genießen.“

Angehenden Poetry Slammern empfiehlt Felix, die Rampensau in sich zu entdecken und bei Fehlern nicht zu kleinlich zu sein. Schließlich könne jeder Mensch auf die Bühne, um sich eine Meinung zum eigenen Text zu holen. Der deutschsprachige Raum ist ganz vorne dabei: Obwohl Poetry Slam im US-amerikanischen Chicago seinen Ursprung hat, machten sich einige bereits mit deutschsprachigen Texten einen Namen. Auch Felix Maier interessiert die internationale Konkurrenz: Mitte September fährt er zu den deutschen U20-Meisterschaften in Paderborn.

Anna Luther

faszinieren Menschen mit Idealismus. Lesestoff und Kuchen sind für sie wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Lebens.
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