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Hinterm Tresen

Miriam ist 24 und jobbt schon seit acht Jahren als Barista. Ein Gespräch über nervige Gäste, Schwarzarbeit und die schönen Seiten des Jobs.

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Bild: Photo by mnm.all on Unsplash

Was ist das Schönste an deinem Job?
Das Schönste ist, wenn jeden Abend die Stammkunden hereinkommen, man ihnen ihr Stammgetränk hinstellt, schon bevor sie sitzen, und sie sich sichtlich darüber freuen. Oder wenn schüchterne, einsame alte Männer, die mit sonst niemandem sprechen, plötzlich Vertrauen fassen und aus ihrem Leben erzählen. Über einen Besuch im Krankenhaus zum Beispiel. Nach all den Jahren hinter der Theke bilden sich da schon sowas wie Freundschaften. Am Anfang war es schwierig, weil man erstmal kritisch beäugt wird. Aber mittlerweile bekomme ich sehr viel Anerkennung, sie sprechen von „unserer“ Mirjam und lassen immer wieder alte Geschichten von der Bar aufleben.

Und das Nervigste?
Das Nervigste am Job ist das ständige Drehen im Rad. Jeden Abend bricht das Chaos aus, Gläser stapeln sich auf der Theke, jeden Abend räumt man auf und putzt – nur um am nächsten Abend wieder im selben Chaos zu versinken. Man kommt nicht weiter, irgendwie ist es eine Sisyphusarbeit.

Hat sich das Gästeverhalten über die Jahre hinweg geändert?
Sie sind immer mehr unter Zeitdruck. Oder verhalten sich zumindest so. Hey, ihr seid im Urlaub und werdet nervös, weil ihr eine halbe Stunde warten müsst? Das ist verrückt. Tendenziell sind italienische Touristen gelassener.

„Ein Kellner hat mir häufig an den Hintern gegriffen, der Abspüler hat mich in einem Jahr ständig gefragt, ob ich mit ihm Sex haben will. Vor einigen Jahren war da ein Koch, der mir auch jedes Mal auf den Hintern schlug, als ich in die Küche kam.”

Wurdest du schon einmal sexuell belästigt?
Ja, auf jeden Fall. Ist zwar nicht an der Tagesordnung, aber da muss wohl jede Barista durch. Wenn ein Kunde flirtet, fällt das bei mir noch nicht unter sexuelle Belästigung, auch nicht, wenn es etwas aggressiver ist. Da muss man halt freundlich abweisen und daran denken, dass man ihn vermutlich eh nie wieder sieht. Das ist bei Stammkunden schon schwieriger, da wird das erfahrungsgemäß mit der Zeit immer schlimmer. Körperkontakt ist natürlich ein No-Go, dass Kunden kurz die Hand festhalten, meinetwegen einen auch auf die Hand küssen, das sollte man dagegen abkönnen. Die Grenze setze ich dort, wo ich merke, dass mein Inneres erstarrt, es ist also rein intuitiv. Solange ich auf Anmachen und Berührungen noch locker reagieren kann, ist es für mich keine Belästigung – erst in dem Moment, wo da Schrecken und Angst sind, ist es kein Spaß mehr.

Sind deine männlichen Kollegen in ähnliche Situationen gekommen?
Eher im Gegenteil, mitunter sind die männlichen Kollegen die schlimmsten. Ein Kellner hat mir häufig an den Hintern gegriffen, der Abspüler hat mich in einem Jahr ständig gefragt, ob ich mit ihm Sex haben will. Vor einigen Jahren war da ein Koch, der mir auch jedes Mal auf den Hintern schlug, als ich in die Küche kam. Das hat dann meine Arbeit dermaßen eingeschränkt, weil ich nicht mehr in die Küche wollte, dass ich mit der Chefin drüber gesprochen habe. Sie hat dann wohl ein Gespräch mit ihm geführt, danach war es jedenfalls deutlich besser. Männliche Kollegen, die belästigt werden, habe ich noch nicht erlebt.

Was ist die unheimlichste Situation, die dir je passiert ist?
Es gibt da einen Stammkunden, der sich über die Jahre bei mir sehr beliebt machte. Er gab mir immer einen Euro als Trinkgeld, regelrecht verschwörerisch hat er ihn mir zugeschoben und immer darauf geachtet, dass es ja kein anderer sieht. Einmal habe ich ihn dann auf der Straße im Auto getroffen und er nahm mich ein Stück mit, redete dann aber ganz komisches Zeug und sagte, dass er eine Zuneigung für mich habe. Irgendwann habe ich gemerkt, dass er Momente abzupassen versuchte, in denen ich alleine hinter der Bar stand. An so einem Abend begann er plötzlich von sich zu erzählen, dass er nie Schwierigkeiten gehabt hätte, Frauen aufzureißen. Erzählte mir von Sexgeschichten. Schließlich hat er mich nach meinem Freund gefragt, wie der Sex sei, ob ich Jungfrau sei. Zusammen mit diesem geheimnistuerischen Trinkgeld hat sich mir da ein richtig ekliges Bild ergeben. Ich habe das alles sofort meiner Chefin und meinen Eltern erzählt. Und schließlich auch einer jungen Barista, die mich vertreten hat. Sie sagte mir, bei ihr mache er das gleiche.

„Ganz ehrlich, angemeldet zu arbeiten lohnt sich in der Gastronomie überhaupt nicht.”

Arbeitest du schwarz?
Ganz ehrlich, angemeldet zu arbeiten lohnt sich in der Gastronomie überhaupt nicht. Die ersten Jahre war es immer schwarz, dann, als die Kontrollen zunahmen, wurde ich die Hälfte der Zeit angemeldet, die andere arbeitete ich schwarz. Schwarz verdiene ich etwa zehn Euro die Stunde, aber häufig wird dann einfach noch ein Zehner am Ende des Abends draufgelegt. Wenn ich angemeldet werde, sind es etwa acht Euro die Stunde.

Wie viel Trinkgeld verdienst du?
Da ich ja in einem Restaurant hinter der Bar arbeite, kommt da nicht so viel zusammen wie bei einem kassierenden Kellner. An guten Tagen etwa fünf Euro.

Hast du das Trinkgeld schon mal abgelehnt?
Bei besagtem Typen, der mich mit diesem Euro zu kaufen schien, habe ich es letztendlich ignoriert.

Was machst du bei Gästen, die zu viel trinken?
Normalerweise frage ich in dem Moment die Chefin und überlasse die Entscheidung ihr. Gerade bei Stammkunden, die ohnehin jeden Abend betrunken sind, bin ich aber auch nicht bereit, irgendeine Verantwortung zu übernehmen. Das sind erwachsene Menschen.

Ist dein Beruf eine Leidenschaft oder hast du dir eigentlich etwas Anderes vorgestellt?
Leidenschaft? Auf keinen Fall! Ich mache das nur die drei Monate über den Sommer und das reicht mir dann auch erstmal. Ich würde in meinem Leben dann doch lieber etwas Sinnvolleres machen. Wie gesagt, irgendwie ist es halt eine Sisyphusarbeit und auf Dauer frustriert mich das.

„Ich hasse es, wenn Gäste darauf bestehen, dass ich Alkohol trinken soll.”

Trinkst du selber bei der Arbeit?
Nein, im Gegenteil. Selbst Säfte oder so, auf die man zu Hause immer wieder Lust hast, reizen mich bei der Arbeit nicht. Und Alkohol erst recht nicht. Ab und zu wollen Kunden was spendieren, aber da lass ich mich maximal auf einen Radler, wenn überhaupt, ein. Ich hasse es, wenn sie darauf bestehen, dass ich Alkohol trinken soll.

Bist du in deiner Freizeit gerne in Bars?
Ja und nein. Einerseits genieße ich es, mich auch mal bedienen zu lassen. Andererseits klingt alles nach Arbeit: Das Gläserklirren, das Kassentippen … Was ich mir als Gast tatsächlich angewöhnt habe: Ich bringe nach dem Essen das leere Geschirr an die Theke. Da bricht mir kein Zacken aus der Krone, und es erleichtert die Arbeit der Kellner ungemein.

Das Interview führte Silva Albertini.

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