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Social Media und Migration

Hass im Netz

Hasskommentare sind Alltag in sozialen Netzwerken. Zeithistorikerin Eva Pfanzelter hat die Diskussion über Migration in Südtirol untersucht und sagt: Wir User wissen nicht, was wir tun.

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Bild: fotolia

Zeithistorikerin Eva Pfanzelter erforscht Migration in Südtirol und den Onlinediskurs in den sozialen Netzwerken. Die Facebookseiten „Südtiroler Diskussionsplattform zur aktuellen Flüchtlingsthematik“, „Iats reichts“, „Solidarität mit Flüchtlingen – solidarietà con i profughi“, und „Menschen gegen Flaschen – solidarietà con i minacciati“ waren in den vergangenen beiden Jahren die größten migrationsrelevanten Diskussionsgruppen im Land. Pfanzelter hat mehrere tausend Einträge im Rahmen des Projekts „(Arbeits-)Migration in Südtirol seit dem Zweiten Autonomiestatut“ untersucht.

Wie ist es Ihnen bei dieser enormen Analyse denn ergangen?
Tausende und abertausende von Kommentaren durchzulesen ist schon eine Fusselarbeit, bei der man teilweise auch wegen der Inhalte sehr grantig wird. Wir hatten zum Glück technische Hilfsmittel und ich habe immer abwechselnd mal migrationsbefürwortende, mal radikal kritische Positionen analysiert. Dabei konnte ich feststellen, dass der Onlinediskurs über Migration in Südtirol nach denselben Mechanismen wie in London oder anderen großen Städten und Ländern funktioniert.

Bild: Julia Tapfer

Welche Gemeinsamkeiten gibt es?
Es war in der Vergangenheit eine Zeit lang notwendig, ausländische Arbeitskräfte nach Südtirol und vor allem nach Europa zu holen, um sehr anstrengende, schlecht bezahlte Jobs zu erledigen. 2007 kam die Finanzkrise und – wie fast immer als Folge von wirtschaftlich negativen Entwicklungen – der Wunsch nach einem Migrationsstopp. Krisen machen sich immer durch die Entstehung stereotyper Feindbilder bemerkbar, eine Gruppe von Menschen wird für die schlechte Entwicklung verantwortlich gemacht. Im Nationalsozialismus haben wir ein ähnliches Beispiel einer vorverurteilten „schuldigen“ Gruppe, das sich jahrzehntelang aufgebaut hat. Der Antisemitismus war ja nicht plötzlich da, aber die Nationalsozialisten haben sich dieser Stimmung bedient. Stereotype Feindbilder gibt es immer wieder, nur jetzt werden sie online verbreitet. Und: In einer schnelllebigen Welt voller Krisen und politischer Machenschaften dienen konservative Abschottungstendenzen als Schutzmechanismen. Globalisierungsängste gibt es überall.

Welche Stimmungen sind in Sachen Migration aus der Südtiroler Onlinewelt zu vernehmen?
Auf Facebook wurden viele Gruppen gegründet, um über Zuwanderung zu diskutieren. Einige davon sind zu vordergründigen Sprachrohren geworden. Ein Phänomen ist besonders sichtbar geworden: Gleich und gleich gesellt sich gern und interagiert in der selben Filterblase. Tolerantere Menschen treffen sich in einer Gruppe, patriotische, radikale, liberale und so weiter in einer anderen.

Und sie alle wollen in der Gruppe ihre Meinung bestätigt wissen?
Ganz genau, das sieht man auch anhand der geteilten Links und der Medien, die als Quelle fungieren. In konservativeren, zuwanderungsskeptischen Gruppen werden nur Links zu deutschsprachigen lokalen Medien geteilt, liberalere Gruppen nutzen auch mehrsprachige, italienische und internationale Quellen. Hier war der Diskurs auch offener, solidarischer und toleranter. Für alle gilt: Das, was geteilt wird, verstärkt die Filterblase.

„Wenn die Schwarmintelligenz nicht als Korrektiv einschreitet, sondern lieber eine eigene Gruppe gründet und somit eine neue Filterblase aufmacht, bleibt der Austausch eben schwierig.“

Wäre zwecks Erkenntnisgewinnung nicht eine andere Austauschform sinnvoller? Gutmenschen, die sich mit Patrioten unterhalten, um es überspitzt zu formulieren?
Manche Foren wurden anfangs ja zum vielfältigen Meinungsaustausch gegründet. Es diskutierten sogar Migranten mit, also endlich auch die direkt betroffene Gruppe! Aber: Große Diskussionsgruppen haben auf Facebook eine Lebenserwartung von maximal zwei Jahren. Dabei kehren negative Stereotypen immer wieder zurück, während moderate Stimmen an den fortwährenden, immer gleichen Diskussionen ermüden. So bleiben häufig nur noch die negativen Stimmen übrig und hinterlassen einseitige Eindrücke. Es wäre besser, immer dagegen anzuschreiben.

Sind Onlinegruppen die digitale Antwort auf die Stammtisch-Streitkultur?
Leider ja. User liefern teilweise grenzwertige Meldungen ab, etwa konkrete Aufforderungen zu Gewalttaten, die strafrechtlich relevant sind, oder auch naive Sichtungen angeblicher Verbrecher. Und wenn die Schwarmintelligenz nicht als Korrektiv einschreitet, sondern lieber eine eigene Gruppe gründet und somit eine neue Filterblase aufmacht, bleibt der Austausch eben schwierig.

In Wirklichkeit setzen Hassposter zum Glück selten ihre Parolen in die Tat um …
Klar, niveaulose Stammtischparolen und Hasspostings vom Stapel zu lassen, oder tatsächlich mit Schlagstöcken Leute verprügeln zu gehen sind zwei verschiedene Paar Schuhe, die es aber an allen Fronten gibt.

Sind Facebook und Co. deshalb schlecht?
Im Grunde sind soziale Medien nur eine neue Technologie, deren Handhabung von uns Menschen abhängt. Wir haben sie noch nicht ganz im Griff, diese Mediensysteme, die auf Freundschaft, Liken, Teilen, Stimmungsmache und Gruppenbildung ausgelegt sind, aber sie sind Teil eines Demokratisierungsprozesses mit ganz vielen Hintertüren. Gefühlte Bedrohungen und Äußerungen von Meinungen in Gruppen, wo sie verstanden und bestätigt werden, sind ein Thema. Deshalb begegnen wir online Usern und Trollen, die sich in vermeintlicher Anonymität wähnen und drauflos pöbeln. Ich glaube aber, dass wir alle nicht ganz abschätzen können, was wir hier eigentlich tun.

„Unflätige Kommentare à la „solln sie decht im Mittelmeer ersaufen“ schreiben fast nur Männer.“

Südtirol gilt doch als Musterbeispiel für ein gelungenes Nebeneinander mehrerer Sprachgruppen. Warum tun ausgerechnet wir uns mit dem Thema Migration so schwer?
Als wir mit dem Projekt anfingen, war die sogenannte Flüchtlingskrise noch kein Thema. Bei der Migration ging es hauptsächlich um Arbeitsmigranten, um Erntehelfer und „badanti“, es entstand ein positiv konnotiertes Bild von fleißigen, arbeitswilligen Personen aus Osteuropa. Dann kam diese Aufgeregtheit rund um die Flüchtlingskrise, und das Thema wandelte sich auch politisch. Selbst am Anfang war die Stimmung noch positiv. Man plädierte gerade wegen der angeblichen Multikulturalität für Verständnis gegenüber Hilfesuchenden. Der traditionell katholische Wertekanon zeigte sich auch in den sozialen Netzwerken. Durch diese neue Migration haben sich aber die traditionellen Trennlinien zwischen den drei Landessprachen verhärtet, zumal Migranten als erstes die italienische Sprache lernen. Das ist an und für sich ein logischer Vorgang, weil sie in Italien den Asylantrag stellen. Die rechten Parteien orten deshalb eine Verstärkung der italienischen und eine Bedrohung der deutschen Sprachgruppe. Trotz funktionierenden Zusammenlebens sind die traditionellen Trennlinien wichtiger als ein kollektives Gefühl, bei dem sich deutsche, italienische und ladinische Sprachgruppen gemeinsam einem Problem stellen. Die neuen Südtiroler machen bereits fast neun Prozent der Gesamtbevölkerung aus und werden zunehmend als Wählergruppen interessant. So stehen sich zwei konträre Interessen gegenüber, die einerseits die Homogenität in der jeweiligen Volksgruppe schützen wollen und andererseits neue potenzielle Wählerschaften erreichen möchten. Eine schwierige Gratwanderung.

Der Großteil der abwertenden Hasskommentare in den untersuchten Foren stammt von männlichen Nutzern. Warum?
Unsere Analyse ergab, dass negative, flüchtlingskritische Stimmungen bei Männern vorwiegen, während Frauen in eher neutralen bis ausländerfreundlichen Foren signifikant dominant sind. Ich kann es mir nicht erklären, aber es hat wohl damit zu tun, dass Frauen ganz grob formuliert weniger politisch, aber dafür sozialer denken und auch in der praktischen Flüchtlingsarbeit weniger emotionale Hürden haben, um aktiv zu werden. Unflätige Kommentare à la „solln sie decht im Mittelmeer ersaufen“ schreiben fast nur Männer. Auffallend war auch die Sprache: Je ausgewogener die Diskussion, desto eher wird die Hochsprache benutzt. Die Ausdrucksweise wird bei ausfälligeren Argumenten umso dialektaler. Dies kann entweder als Ausdruck ehrlicher Aufregung, echten Patriotismus’ oder auch als Zeichen mangelnder Sprachkenntnisse verstanden werden. Für Frauen ist in den untersuchten Foren hauptsächlich der Schutz der eigenen Familie ein Thema, das teilweise auch naiv angegangen und geteilt wird. Reißerische Meldungen wie „Ich habe gehört, dass … “ werden geglaubt, ohne die Quelle zu hinterfragen, manchen fehlt teilweise die notwendige kritische Medienkompetenz.

Welche Rolle spielt das bei der Verbreitung von (Fehl-)Informationen?
Das ist ein weiteres Facebook-Phänomen: Je mehr ein „Fakt“ verbreitet wird, umso plausibler und wahrer wird er in unserer Wahrnehmung – selbst wenn es sich um belanglose oder falsche Informationen handelt. Diese können von jemandem mit viel Medienkompetenz bewusst verteilt worden sein, um Aufmerksamkeit zu erlangen, die dem Thema gar nicht zusteht. Das zu durschauen ist tatsächlich nicht einfach. Kein Wunder also, wenn es bald heißt: „Eigentlich haben wir festgestellt, dass die Erde doch eine Scheibe ist.“

Eva Pfanzelter leitet mit Dirk Rupnow das 2014 gestartete Projekt „(Arbeits-)Migration in Südtirol seit dem Zweiten Autonomiestatut" am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.  Der Band „einheimisch - zweiheimisch - mehrheimisch. Geschichte(n) der neuen Migration in Südtirol" liefert eine Übersicht über die Projektergebnisse und wird am Montag, 3. April in der Landesbibliothek Teßmann in Bozen und am Dienstag, 4. April im Dom-Café in Brixen jeweils um 20 Uhr präsentiert. Am Mittwoch, 5. April findet darüber hinaus eine internationale Tagung mit wissenschaftlichen Vorträgen und einer Podiumsdiskussion an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Bozen in Brixen statt.

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