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Hansjörg by Moroder

Giorgio Moroder hat den Discosound erfunden und preisgekrönte Filmmusik komponiert. Nun ist er als DJ unterwegs – BARFUSS hat ihn in Wien getroffen.

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Bild: Offizielle Facebookseite Giorgio Moroder

Szene eins, 23.30 Uhr, im Museumsquartier, Halle E: Ein dunkler Raum voller junger Menschen, auf der Bühne ein Tisch, auf dem Tisch ein MacBook. Ein älterer Herr kommt hinter dem Vorhang hervor, er lächelt, winkt in die Menge. Der Mann macht sich an Mischpult und MacBook zu schaffen, der Beat geht los, die Melodie setzt ein. Das junge Publikum beginnt zu tanzen. Auftritt von Giorgio Moroder in Wien.

Szene zwei, ein paar Stunden früher, eine Hotellobby am Opernring: Eine Gruppe von älteren Autogrammjägern hat sich um Giorgio Moroder geschart. Sie haben vergilbte Platten mitgebracht, die Soundtracks der Filme, die er mit seiner Musik untermalt hat: Midnight Express, Cat People, Flashdance, Over The Top, Scarface und Never Ending Story. Sie halten ihm die Platten hin, Moroder signiert. Es sind seine anderen Fans, die von früher. Die noch Platten hören, keine MacBooks haben.

Giorgio Moroder, Star zweier Generationen. Geboren und aufgewachsen als Hansjörg Moroder in Gröden, von dort ausgezogen, um in München als Hit-Produzent durchzustarten und dann in Hollywood Film-Soundtracks zu schreiben, die einen jahrzehntelang als Ohrwürmer begleiten. Irgendwann wird es ruhiger um ihn. Doch als ihm im vergangenen Sommer das Duo Daft Punk auf deren neuen Album mit dem Hit „Giorgio by Moroder“ ein Denkmal setzt, entschließt sich der heute 73-Jährige, nochmal als DJ um die Welt zu reisen. Gefeiert vom jungen Publikum. Verehrt von den Fans von damals.

„Früher war ich fast immer nur im Studio und habe produziert“, erzählt Moroder beim Interview in Wien, „da macht es schon Spaß, jetzt auch als DJ aufzutreten.“ In Mexico legt er vor geschätzt 20.000 Menschen auf, in Tokio vor 15.000. „Es sind fast nur junge Leute zwischen 17 und 30 Jahren im Publikum“, sagt Moroder. „Die kennen fast jedes Lied. Keine Ahnung, woher sie die alle kennen. Durchs Internet und YouTube, die Hits sind 30 Jahre alt, da waren die meisten noch nicht auf der Welt.“

Giorgio Moroder am Mischpult. Hinter dem Nebel der weiße Schnauzbart, die weißen Haare, sie stehen ein wenig zu Berge, Albert-Einstein-mäßig, ein Album von Moroder heißt E=MC2, wie die Formel, mit der Albert Einstein die Äquivalenz von Masse und Energie definiert hat. Moroder ist, wenn man so will, der Albert Einstein der Discomusik, in den 1970ern beginnt er in seinem legendären Münchner Studio Musicland mit Synthesizern zu experimentieren, mit dem Hit „Son of my father“ revolutioniert er die Musikwelt. Moroder wird zu Mr. Disco und hat mit „Love to love you baby“ und „I feel love“ zwei Welthits mit Donna Summer.

Von da an wollen alle in seinem Studio und mit ihm arbeiten. Er produziert für David Bowie, Freddie Mercury, Barbra Streisand, Blondie, Cher, Falco, Agnetha Fältskog (die Blonde von ABBA), Nina Hagen, Janet Jackson, Olivia Newton-John, Bonnie Tyler. Moroder zieht nach Hollywood, er gewinnt drei Oscars, drei Grammys, vier Golden Globes, er schreibt die Songs für die Olympischen Spiele in Los Angeles und Seoul und das unvergessliche „Un' estate italiana“, gesungen von Gianna Nannini und Edoardo Bennato zur Fußball-WM 1990 in Italien.

„Giorgio! Giorgio!“-Rufe in der Halle E. Moroder nimmt ein Mikrofon in die Hand. Mit verstellter Darth-Vader-Stimme fragt er ins Publikum, ob denn Südtiroler da sind. Natürlich sind welche da. Moroder hebt das Weinglas, das er am Tisch stehen hat, dann geht sein Hit-Medley weiter.


Zuvor im Hotel, Moroder erzählt von seiner Jugend: „In Gröden gab es keine Disco. Die Musikkapelle im Dorf hat mich eher nicht interessiert. Ich bin mit amerikanischer Musik aus dem Radio aufgewachsen, Elvis, Bill Haley.“ Ein Junge aus Gröden, der im Radio Elvis hört und loszieht, um sich seinen amerikanischen Traum zu erfüllen. „Einen Plan B hat es nie gegeben“, erzählt Moroder weiter. Mittlerweile lebt er seit Jahrzehnten in Los Angeles. Manchmal zur Sommerfrische kehrt er nach Gröden zurück, „nach Hause“, wie er immer noch sagt.

Weit nach Mitternacht in Wien. Auf dem Weg nach Hause. Den Never-Ending-Story-Ohrwurm vor sich hinsummend. Nächstes Jahr will Moroder neue Lieder komponieren und weiter als DJ auftreten. Die Giorgio-Moroder-Story geht weiter.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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