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Der mit den Worten spielt

Grand Slam

Poetry Slammer Haris Kovacevic fragt sich, warum Kühe keine Treppen hochkommen, und ob er es als blonde Schwedin in der Quästur leichter hätte.

Haris Kovacevic ist im Gespräch so, wie man ihn von der Slam-Bühne kennt: Ruhig, besonnen, mit subtilem Humor, der nicht von lauten Witzen lebt. Wenn er erzählt, wie er an seinen Texten feilt und Formulierungen präzisiert, dann hat man den Beweis für die sprachliche Detailverliebtheit schon in Echtzeit auf dem Tonband, auf dem das Gesagte festgehalten wird. Seine Sätze sitzen. Keine Ähs, keine Rumhaspelei. Unterläuft dem 22-jährigen Slammer ein Versprecher, korrigiert er sich gleich selbst, selbst wenn es nur Kleinigkeiten sind, die ungeübten Ohren eh entgehen: Ein Poetry Slam sei ein „Wettbewerb für die Kunst des Publikums“, sagt er, und nach einer Sekunde Stille, in der er seine Worte in Gedanken überprüft, stellt er gleich richtig: „Um die Gunst des Publikums“, natürlich. Grammatik gilt hier noch was, und Worte sind hier mehr als Gerede, weit mehr als Mittel zum Zweck für den sprachlichen Stuhlgang.

Der gebürtige Bosnier erzählt von seinen Anfängen auf der Bühne, die Poesie vom rein geschriebenen Wort zum Ereignis macht. In der Oberschule habe es angefangen, im Humanistischen Gymnasium in Bozen. Mittlerweile studiert er in Innsbruck und tritt dort regelmäßig mit seinen Texten auf.

Merkst du an den Reaktionen des Publikums gleich, ob ein Text gut kommt oder nicht, oder bist du da mehr bei dir und blendest die Leute aus?
Haris Kovacevic: Nein, ich bin schon auf die Reaktion des Publikums angewiesen. Das kann gut, aber auch furchtbar sein. Wenn ich einen ernsten Text schreibe, und im Publikum ist es total ruhig, dann kann ich es nicht einschätzen. Dann weiß ich nicht, haben die das jetzt verstanden, oder sind sie nur ruhig, um höflich mir gegenüber zu sein? Kommen bei lustigen Texten gleich die Lacher, ist man bestätigt und liest mit Freude weiter. Es kann aber auch passieren, dass du eine Pointe bringst, und niemand im Publikum lacht, und du musst noch vier Minuten weitermachen. Man kann wie ein Depp oben auf der Bühne stehen, das ist ein Risiko.

Dass Haris Kovacevic wie ein Depp auf der Bühne steht, kommt in der Praxis kaum mehr vor. Seine Texte finden Zuspruch beim Publikum, in der Szene ist er weitum bekannt. Letztes Jahr hat er sich über den Südtiroler SUD-Slam für die österreichische Meisterschaft in Salzburg qualifiziert und wurde nach Graz eingeladen. Auf seinen Auftritt bei der Vorrunde des Morgenstern-Poetry Slams in Bozen folgte eine Einladung nach Wolfsburg in den hohen deutschen Norden.

Bist du bei Auftritten nervös, oder recht entspannt?
HK: Nein, ich muss wirklich sagen, dass ich vor den Auftritten richtig entspannt bin. Weil ich weiß, ich bin allein auf der Bühne – wenn ich es verscheiß, muss ich es allein ausbaden. Wenn wir in Teams auftreten, ist das etwas anderes, da haben anderen die Konsequenzen meines Tuns mitzutragen. Bei den Sachen bin ich nervös, bei meinen Auftritten eigentlich nicht.

Auch nicht in den Anfangszeiten?
HK: Nein, vor allem da nicht. Bei meinen ersten Auftritten bin ich mit so einem komischen Selbstbewusstsein auf die Bühne gegangen, so geh ich jetzt nicht mehr auf die Bühne. Da wundere ich mich heute auch drüber, wenn ich darüber nachdenke. Auch wenn ich die Texte von damals lese – das ist jetzt nicht Angeberei, aber ich hab mich ein wenig verbessert. Es gibt Texte, wo ich denke: Wie hab ich mich getraut, da auf der Bühne zu stehen?

Was gehört nicht in einen Text?
HK: In einem meiner Texte (vollständig unten zum Nachlesen) sage ich ja, dass es Sätze gibt wie etwa: „Es sind die kleinen Dinge im Leben, die das Leben lebenswert machen.“ Und ich finde wirklich, dass es Wahrheiten gibt, die man nicht niederschreiben muss, die zwar schön sind, wenn man sie hört, aber nicht das Niveau von irgendwelchen Facebook-Sprüchen übersteigen: „Hinter den Bergen ist die Erde rund“, „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens“… Vielleicht schmunzle ich auch kurz darüber, aber das will ich nicht in einem Text hören. Es gibt viel bessere Sachen, die man in den fünf Minuten einbauen kann, auch total sinnlose. Wenn du dir einen Text anhörst, vielleicht zwei-, dreimal lachst, und am Ende hast du nichts daraus gelernt – das kann trotzdem schön und gut sein.

Gibt es auch viele, die da einen Weltverbesserer-Ansatz verfolgen?
HK: Ja, so war ich auch. Am Anfang war ich so, dass ich darüber geschrieben habe, wie man besser leben soll. Aber dann habe ich gedacht, es ist viel schwieriger, die Welt zu verbessern, als bloß einen Text darüber zu schreiben. Auch wenn sich den viele anhören – aber nach den fünf Minuten geht das Leben weiter. Ich glaube, man macht sich das Leben ziemlich einfach, wenn man einen Text auf der Bühne vorliest und dann denkt: Gut, jetzt hab genug für die Welt getan. Ich glaube, richtig die Welt verbessern fängt man im Kleinen an: Wenn man einer alten Oma die Tür aufhält, solche Sachen. Es ist jeden Tag eine Verantwortung, die man mit sich trägt, und man muss mit sich selbst anfangen, und nicht die anderen rügen. Deswegen habe ich mich ein wenig abgewandt davon und schreibe mittlerweile Text, die Pointen haben und wo die Leute lachen. Oft denke ich mir, wenn ich dem Publikum fünf Minuten gute Laune verschaffe, dann habe ich auch was geschafft.

Wenn einer lacht, dann hat es sich schon gelohnt?
HK: Jaja, eben.

Jetzt sind wir auch bei den simplen Wahrheiten gelandet. Es gibt wohl kein Entkommen. Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum.

Natürlich gibt es Sachen, die gesagt werden müssen, meint er. Sein erster richtiger Poetry Slam-Text sei entstanden, als auf das Flüchtlingsheim in Vintl Molotowcocktails geschmissen wurden. Damals griff er die Ausländerthematik auf. Wenn er darüber spricht, sagt er:  „Die Ausländer – also im Grunde wir“, und dass er da ja auch dazugehöre. Geboren in Bosnien und dort aufgewachsen, kam er mit dreizehn Jahren nach Südtirol. Als braver Interviewer wirft man sich natürlich auf das Gesagte, das Thema ist ja ein dankbares: Bosnier kommt nach Südtirol, triumphiert hier durch seinen Umgang mit der deutschen Sprache – das macht sich doch gut. Doch bevor man den Slammer auf seine Herkunft reduzieren kann mit den immer selben klischeegetränkten Fragen (Hast du dich am Anfang schwer getan?), sagt der Befragte das einzig Richtige: „Das spielt eigentlich keine Rolle.“ Stimmt, es geht doch um sein Tun und seine Texte. Trotzdem erzählt er bald doch etwas von seiner Südtiroler Realität, als nicht hier Geborener:

HK: Ich bin mittlerweile seit neuneinhalb Jahren in Südtirol ansässig, und ich darf nicht wählen, ich habe keinerlei politische Rechte. Ich bin ja immer noch bosnischer Staatsbürger. Ich darf erst im November die italienische Staatsbürgerschaft ansuchen. Wenn ich eine blonde Schwedin wär, ginge das sicher schneller (lacht). Das bringt einen Haufen Probleme mit sich, von denen die Südtiroler vielleicht nicht mal wissen. Dass man teilweise vier bis fünf Stunden in der Quästur sitzen muss, bis man aufgerufen wird. Da habe ich Bücher über Bücher gelesen in der Quästur. Ich glaube, dass nicht realisiert wird, dass es in Südtirol überhaupt ein Problem sein kann, sich zu integrieren. Ich glaube halt, dass die Realität, die ich von Südtirol mitgekriegt habe, ein anderer Südtiroler gar nicht mitbekommt.

Gerade weil er sich in Südtirol wohlfühle, gingen ihm solche Sachen „auf die Nerven“. Wir gehen weiter im Text und tasten uns von einer unliebsamen Thematik (Ausländer und so) direkt zur nächsten:

Was sagst du denn zu Julia Engelmann?
HK: Ich hab gewusst, dass die Frage kommt (grinst und sucht nach Worten). Ich finde, die Julia Engelmann – Ich hab einen von ihren Texten gehört ... Es ist ein ambivalentes Verhältnis, ich finde den Text an sich nicht schlecht. Ich finde, dass die Leute ein bisschen übertreiben. Poetry Slam, muss man bedenken, gibt es seit den 1990er-Jahren, das ist so alt wie ich. Und es hat in den zwanzig Jahren sicher Texte gegeben, die die gleiche Thematik behandeln … (Er unterbricht sich selbst).
Ach, ist schwierig. Ich bin immer recht direkt, wenn ich mit den Leuten rede, und ich hab jetzt ein bissl Angst, dass ich jetzt was Falsches sage (lacht). Ja also, ich finde den Text ganz nett. Ich finde nur, die Leute sollten sonst auch zu Poetry Slams kommen und sich das selbst anhören, und nicht nur auf YouTube – das ist ganz was anderes. Wenn man selbst dabei ist, man selbst klatschen kann, wenn einem was gefällt, selbst reinschreien kann … Auch in Südtirol gibt es Slams, zur Zeit etwa den Morgenstern-Poetry Slam. Jetzt war auch gerade die erste Vorentscheidung in Meran, wo auch wirklich viel Publikum war. Das hat mich auch sehr gefreut. Vielleicht auch durch Julia Engelmann, vielleicht hat Südtirol das gebraucht (lacht).

Was ist wichtiger: Performance oder Text?
HK: Ich glaube, dass das eine Mischung ist. Es gibt Leute, die sagen, der Text sei viel wichtiger, aber dann frage ich mich: Warum lesen wir den dann vor, und schicken wir ihn nicht einfach irgendwo ein? Es ist auf jeden Fall wichtig, dass man den Text auch gut vorlesen kann, dass man sich dabei sicher fühlt. Es ist im Grunde ein Dialog mit dem Publikum, weil man etwas vom Publikum erwartet, und das Publikum erwartet etwas von dir.
Als ich angefangen habe, habe ich verstanden, dass das eine stark mündliche Form ist, dass die Leute dir zuhören, wenn du redest. Also muss ich auch so schreiben, wie ich reden würde. Ich habe begriffen, dass man in den fünf Minuten viel mehr sagen kann, und die Leute das auch verstehen. Deshalb sitze ich mittlerweile auch ziemlich lang an den Texten und feil an denen herum und überlege mir andere Sachen, die man einbauen kann. Was will man hervorheben, wie will man eine Pointe aufbauen? Die Formulierungen sind ebenso wichtig. Deshalb finde ich, dass das ausgewogen sein muss.

Zum Text "Eine geistige Abhandlung über die Physiognomie der Kuh":
HK:
Dass Kühe keine Treppen hochgehen können – das hab ich so tatsächlich gelesen, in einem Internetportal. Dann hab ich mir gedacht, wieso schreibt man das überhaupt hin? Warum will man die Leute darüber informieren? Ich dachte mir, es gibt einen Haufen Sachen, die veröffentlicht werden, die aber niemanden interessieren sollten. Und dann lacht man halt über diese sinnlosen Sachen. Das hat auch etwas von einer gewissen Dekadenz.

Ich hasse Türschwellensteher

Haris Kovacevic mit seinem Text beim diesjährigen Poetry-Slam-Finale in Bozen.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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