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Porträt über Schauspielerin Anna Unterberger

Emotion auf Knopfdruck

„Die Arbeit am Set ist wie ein Boxkampf“, sagt Anna Unterberger. Die Schauspielerin hat nichts für Daily Soaps übrig und setzte ihr Talent auch schon beim Schwarzfahren ein.

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Bild: Stefan Klüter

Wie so eine Aufnahme am Filmset aussieht? „Es ist wie ein Boxkampf“, antwortet Anna Unterberger und lacht. Gefühlte fünfzig Leute stehen dann um sie herum, darunter drei Kameraleute, zehn Personen, die allein für das Licht zuständig sind, dutzende Assistenten – und Maskenbildner. Jedes Mal, wenn die Schauspielerin den letzten Satz einer Szene beendet und den Schlussblick Richtung Kamera wirft, setzen sie sich zusammen mit den Hairstylisten in Bewegung: zupfen am Kostüm, machen die Haare zurecht, klatschen ihr eine weitere Schicht Puder ins Gesicht oder ziehen den Lippenstift nach. Bis ein hektisches „Und, bitte!“ vom Regisseur ertönt. Dann ziehen sie ab, wie ein Vogelschwarm bei einem Schuss und Unterberger muss die eben gezeigte Emotion auf Knopfdruck wieder abspielen.

„Das ist die große Herausforderung beim Film. Eben alles, was um einen passiert, auszublenden und sich nur auf die Situation zu konzentrieren“, erklärt die zierliche Frau. Sie sitzt auf der Terrasse des Bozner Museion und nippt an ihrem Wasserglas. Seit sechs Jahren arbeitet die 30-Jährige als Schauspielerin. Zurzeit ist sie für eine Woche in Südtirol, zur Premiere des Films „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit". Der Südtiroler Bergsteiger und Filmemacher Luis Trenker, gespielt von Tobias Moretti, reist darin im Sommer 1948 zu den Filmfestspielen nach Venedig, um die Tagebücher von Eva Braun zur Verfilmung anzubieten. Gleichzeitig wird über die Echtheit dieser Tagebücher verhandelt. Ein Film, der Trenker in einem anderen Licht zeigt. In der Lagunenstadt trifft Trenker auf eine junge Journalistin – gespielt von Anna Unterberger.

Bild: Petra Schwienbacher

Die harte Arbeit vor der Kamera

„Ich habe mich sehr über die Anfrage vom Trenker-Film gefreut“, sagt Unterberger. Zu dieser Zeit kennt sie die Geschichte von Trenker, wie sie im Film erzählt werden soll, noch nicht. Sie kennt aber den österreichischen Regisseur Wolfgang Murnberger, dessen Arbeit sie interessant findet. Unterberger ergattert schließlich eine Rolle als Journalistin im Film. „Beim Trenker-Film finde ich das Thema sehr spannend, vielleicht öffnet er einigen Leuten die Augen”, sagt Unterberger. „Zudem liebe ich es, in eine andere Zeit zu schlüpfen, das ist eine der vielen tollen Seiten des Berufes.” Ihr Beruf sei aber auch anstrengend. Stundenlang sitzt die gebürtige Boznerin in der Maske, bei Großaufnahmen muss jedes noch so kleine Blinzeln sitzen und ein Arbeitstag kann locker bis zu zwölf Stunden dauern.
Die Vorbereitung auf eine neue Rolle ist einsam: Immer und immer wieder muss die Schauspielerin Dialoge durchgehen und sich die Rolle Stück für Stück aneignen. „Aber es lohnt sich allemal fürs Spielen danach“, sagt die Wahlberlinerin. Sie hat ihren Traumberuf auf der Bühne und im Film gefunden.

„Im Film muss man funktionieren,” sagt Anna Unterberger.

Ihr Herz, sagt sie, hänge ein bisschen mehr am Theater: „Im Film muss man funktionieren. Im Theater probt man sechs Wochen, darf Fehler machen und scheitern, um dann wieder etwas Neues auszuprobieren und so seine Rolle zu finden.“ Dafür bliebe im Film meist keine Zeit, noch weniger Zeit hätte man dafür aber bei den Daily Soaps. Bei Aufnahmen zu einem Kinofilm werden etwa drei Filmminuten am Tag gedreht, für eine Serie sind es bis zu 45 Minuten täglich. „Kein Wunder, dass da kein Schauspieler zum Glänzen kommt“, findet Unterberger. Deshalb hat sie auch schon Anfragen für Serien abgelehnt. Welche Serien das waren, will sie nicht verraten.

Unterberger will sich in jede ihrer Figuren einleben, Schnittstellen in ihr finden und vor allem einfach nur spielen dürfen. Sie arbeitet hart, um jeder Rolle gerecht zu werden und verändert sich so selbst ein bisschen mit jeder Rolle. „Man ist sein eigenes Instrument und muss sich dadurch sehr viel mit sich selbst beschäftigen“, sagt die Schauspielerin, die sich für eine gute Rolle sogar eine Glatze schneiden würde. Ihre Schauspielkunst setzt sie auch im Alltag ein: Wie an dem Tag, an dem sie ohne gültigen Fahrschein in die U-Bahn stieg. „Ich habe alles gegeben“, sagt sie und lacht. „Und glücklicherweise hat es geklappt.“

Vom Film und vom wahren Leben

Schon als Kind ist Anna Unterberger klar, dass sie im späteren Berufsleben etwas Kreatives machen will. Beeinflusst durch ihre Mutter, die Theaterstücke gemeinsam mit Menschen mit Beeinträchtigungen inszeniert, und einem Lehrer, der ihr die Welt des Theaters näher bringt, beginnt sie 2005 ihre Schauspielausbildung am Konservatorium in Wien. Ihre erste Filmrolle hat Unterberger 2011 als blondes Mädchen Gretchen in der Verfilmung des Theaterstücks „Mein Kampf“, an der Seite von Götz George und Tom Schilling. „Ich war sehr angetan von der Figur. Das erste Mal mit so jemandem wie Götz George zu spielen, das war eine prägende Erfahrung“, sagt sie heute.

Von da an geht ihre Karriere steil bergauf. So steht sie beispielsweise 2011 in der Rolle der Minna in „Die Vermessung der Welt” vor der Kamera, 2014 als Anna in „Elser – Er hätte die Welt verändert”, einem historischen Drama um den Hitler-Attentäter Georg Elser. Parallel dazu folgen Auftritte im Salzburger Landestheater und auf den Vereinigten Bühnen Bozen.

Heute kann sie von ihrer Schauspielerei gut leben und ihre – wie sie selbst sagt – „kleine Popularität“ nutzen, indem sie sich sozial engagiert. Zusammen mit anderen hat sie das Hilfsprojekt Sternenzeit auf die Beine gestellt, um Flüchtlingen in Griechenland aktiv zu helfen. Ausschlaggebend war ein gemeinsamer Urlaub im Sommer 2015 auf den Inseln Kos und Leros, wo die Gruppe die Situation der Flüchtlinge hautnah miterlebte: Zwischen den Urlaubern hingen die Kleider der Flüchtlinge zum Trocknen, sie hatten kein Wasser, nichts zu essen. „Und auf einmal wirkte mein Beruf so unwichtig“, sagt Unterberger und wirkt bedrückt, als sie auf die Mauer hinter dem Museion blickt, wo eine Gruppe Flüchtlinge sitzt. „Ich finde, jeder sollte helfen, wenn er die Möglichkeit dazu hat“, sagt sie. Dann muss sie los zum Reitunterricht – er gehört zur Vorbereitung auf ihre nächste Rolle, bei der Unterberger eine Rumänin spielt.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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