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Eine Frau mit GAS

Elda Dalla Bona gründete die erste GAS-Einkaufsgruppe in Südtirol und entdeckte später auch die „Banca Etica“ für sich. Sie setzt auf Nachhaltigkeit in allen Lebenslagen.

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Bild: Maria Lobis

Sie aß nicht mehr, verlor an Gewicht, suchte Ärzte auf, fühlte sich unruhig und untätig. Als Grundschullehrerin war Elda Dalla Bona im Jahr 2003 pensioniert, ihre beiden Kinder waren erwachsen. Seit sie denken kann, hat die Meranerin ein Gespür für soziale Notlagen. Doch die Kriege in vielen Ländern der Erde, Egoismus und Profitgier drückten nach der Jahrtausendwende besonders auf ihr Gemüt. Mit ihrem Mann Valerio Greghi und zwei weiteren Familien gründete sie die erste GAS-Gruppe Südtirols (Gruppo di aquisto solidale). Mit einem Kleinlastwagen fuhr sie ins sizilianische Innenland und versprach den verarmten Bauern, für Orangen, Tomaten, Olivenöl oder Mehl faire Preise zu zahlen. Sie hielt Wort, zahlte bei Bedarf im Voraus, ihre GAS-Gruppe wurde zu einer zuverlässigen Abnehmerin und vergrößerte sich ständig: 43 Familien gehören ihr heute an. GAS-Gruppen bedeuten für Elda Dalla Bona direkte Demokratie. Jede und jeder ist mitverantwortlich, kontaktiert Bauern und Produzenten  und koordiniert den Einkauf für die gesamte Gruppe – abseits von Handelsketten, die den größten Gewinn einstreichen und die Produzentenpreise drücken.

Bald darauf begegnete Elda Dalla Bona der „Banca Etica“. Die Idee begeisterte sie, obwohl die ethische Bank zu Beginn der Nullerjahre italienweit noch in den Kinderschuhen steckte. Sie bietet ihren Kunden wie jede andere Bank Homebanking an, Kredit- und Bankomatkarten und übernimmt die Einzahlung von Daueraufträgen. Es gibt in Südtirol zwar keinen Schalter der „Banca Etica“, aber dank einer Konvention mit den Raiffeisenkassen ist das Abheben an deren Bankomatgeräten kostenlos. Interessierte haben in Alessandro Alberini in der Siemensstraße 23 in Bozen einen Ansprechpartner, der über Ethik und Nachhaltigkeit der Bank, über Festgeldanlage, ethischen Aktienkauf oder Mitgliedschaft informiert. Manchmal ist Elda Dalla Bona mit dem Vorwurf konfrontiert, „Banca Etica“ sei eine Bank für Menschen, die ihr Geld zu verschenken hätten. Sie verweist darauf, dass die Bank gewinnbringend arbeitet und faule Kredite im Vergleich zu anderen Banken verschwindend klein seien. 304 Mitglieder hat die Bank in Südtirol, italienweit sind es 40.299. Sie verwaltet ein Geschäftsvolumen von 1,2 Milliarden Euro. Mehr als eine Milliarde Euro ist an 9.100 Kreditnehmer verliehen. „Banca Etica“ hat klare ethische Richtlinien, schüttet keine Gewinne aus, investiert in nachhaltige Betriebe, setzt auf Sicherheit und Transparenz und ist im Crowdfunding aktiv. In Südtirol vergibt sie Kleinkredite an ökologische Landwirtschaftsbetriebe, an Kleinunternehmer mit klugen Ideen, an Genossenschaften oder eingewanderte Menschen, die bei anderen Banken abblitzen: „Wir schauen uns unsere Kreditnehmer genau an“, sagt Elda Dalla Bona.

Eine andere Art des Wirtschaftens ist nicht nur möglich, sie ist unumgänglich.

Mit ihrem zunehmenden sozialen Engagement verschwanden die Schmerzen bei der heute 65-Jährigen. Längst ist sie Gruppenleiterin der 22 Koordinatoren der „Banca Etica“ Nordostitaliens. 70 Gruppen sind italienweit aktiv, eine Niederlassung hat sie in Spanien. Europaweit gibt es zehn ethische Bankengruppen, die in einer Konföderation verbunden sind. Sensibilisierung betreibt „Banca Etica“ mit Informationsarbeit von Tür zu Tür, in Schulen, mittels Informationsständen und im Austausch mit Gruppen. Auch nach 13 Jahren intensiver freiwilliger Arbeit ist Elda Dalla Bona mit Engagement dabei. Dass seit einigen Monaten ein junger Asylsuchender aus Mali in ihrem Haushalt lebt, findet sie nicht weiter erwähnenswert: „Wir tragen alle Verantwortung für das, was auf der Welt geschieht“, sagt sie. Dafür nimmt sie in Kauf, dass sie weniger Zeit für die beiden Enkel hat. Diese haben inzwischen akzeptiert, dass Elda Dalla Bona keine übliche Oma ist. Eine andere Art des Wirtschaftens sei nicht nur möglich, sagt sie ihnen und vor allem den Erwachsenen: Eine andere Wirtschaft sei unumgänglich.

von Maria Lobis

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