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Interview mit dem Dramatiker Martin Plattner

Ein Stück als Medikament

Im Dachgeschoss der VBB wird gerade „antimortina“ gespielt. Autor Martin Plattner über die Enge in sich selbst und das Zeichnen als Motor seines Schaffens.

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Foto: 
Bernhard Aichner

„Ich habe einen Hang zu absurden und grotesken Momenten“, sagt Martin Plattner von sich selbst. Vielleicht hat er gerade deshalb ein Stück geschrieben, in dem ein gelbes Radio den Platz des Erlösers einnimmt und ein Panoramafenster plötzlich das Leben der Hauptfigur verändert. Inspiriert von den Werken seines Großonkels hat der 42-jährige Wiener „antimortina“ verfasst und damit vor zwei Jahren die Bozner Autorentage gewonnen. Im Interview erzählt er selbst, was er sich beim Schreiben des Stücks gedacht hat.

Vom 4. bis zum 17. März wird „antimortina“ in Bozen aufgeführt. Das Stück, mit dem du 2015 die Bozner Autorentage gewonnen hast. Worum gehts darin?
Es geht um eine alte Frau, die mit ihrem Leben hadert, um ein imaginiertes Kind, um Schlager, Alkohol, Tabletten und Erdäpfelgulasch.

Warum hast du vor zwei Jahren den Wettbewerb gewonnen?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich bin damals mit Maria C. Hilber, Brigitte Knapp und Wolfgang Nöckler angetreten, deren Texte ich sehr, sehr schätze, und ich hätte es jeder und jedem vergönnt.

Hat der Regisseur das auf die Bühne gebracht, was du geschrieben hast?
Alexander Kratzer ist dem Text gefolgt, ohne sich von ihm einengen zu lassen. Das finde ich großartig! Unsere Kommunikation und unsere Zusammenarbeit waren von Offenheit und Freude am Austausch geprägt.

Du hast dich von den Bildern Karl Plattners inspirieren lassen. Ihr tragt denselben Nachnamen. Seid ihr verwandt?
Ja, Karl Plattner war mein Großonkel. Leider habe ich ihn persönlich kaum gekannt.

Was lässt aus seinen Werken deine Stücke wachsen?
Ich bin mit seinen Bildern aufgewachsen und seine Blicke auf Menschen, Landschaften und Situationen haben in mir tiefe Spuren hinterlassen. Vermutlich habe ich mich schon in früheren Stücken unterbewusst von seinem Werk anregen lassen – in „antimortina” ist dies nun ganz explizit geschehen.

Holst du deine Inspirationen immer von der Kunst?
Ja, bildende Kunst und Musik inspirieren mich sehr, am meisten inspirieren mich aber immer Menschen.

Dramatiker und Autor von „antimortina“ Martin Plattner

Foto: 
Steffi Dittrich

Du hast selbst auch angewandte Malerei und Bildhauerei gelernt. Bist du darin noch tätig?
Ich zeichne noch viel, ansonsten eher wenig.

Holst du dir auch beim Zeichnen Inspiration?
Zeichnen und Schreiben sind ja sehr ähnliche Prozesse – ich schreibe auch nach wie vor das meiste mit Hand und tippe es erst am Schluss in den Rechner. Und manchmal, wenn ich bei einer Szene nicht weiterkomme, dann zeichne ich mir die jeweiligen Figuren und Situationen auf und das Schreiben „springt wieder an“.

„Antimortina“ klingt sehr klassisch. Orientierst du dich an klassischen Formen oder sind deine Stücke eher modern? 
Eine Schülerin aus Brixen, die circa 18 Jahre alt ist, hat mir gestern ihre Interpretation des Titels verraten: „Antimortina klingt wie ein Medikament“. Diese Interpretation gefällt mir besonders. Ein Medikament gegen Lebens- und Sterbensängste! Und zu den Texten: In meinen Stücken arbeite ich immer mit Figuren und Handlungsbögen, aber klassisch sind sie nicht, da ich auch häufig sogenannte postdramatische Mittel einsetze.

„Ich bin deshalb von Tirol nach Wien gegangen, weil es mir in mir selbst zu eng geworden ist.”

Thema im aktuellen Stück ist die ländliche Lebensart zwischen Tradition und Ausbruch. Du bist selbst in Nordtirol geboren und lebst nun in Wien. Bist du auch ausgebrochen?
Ich bin deshalb von Tirol nach Wien gegangen, weil es mir in mir selbst zu eng geworden ist.

2013/14 hast du das Große Literaturstipendium des Landes Tirol ergattert. Wie kriegt man einen solchen Preis?
Ich habe mich damals dafür beworben, mir aber wenig Chancen ausgerechnet. Als mir dieses Stipendium zuerkannt wurde, konnte ich es kaum glauben. Die Bewerbungsunterlagen dafür waren sehr umfangreich, aber jede durchgearbeitete Nacht hat sich gelohnt.

Bildhauerei, Kunst, vier Studien und schließlich doch Texte schreiben. Warum?
Ich schreibe einfach sehr gerne, manchmal hat das in meinem Fall schon auch etwas Zwanghaftes.

Du warst unter anderem auch als Ghostwriter tätig. Wie ist es, wenn andere den Ruhm für deine Werke kassieren?
Es war eine Möglichkeit, Geld zu verdienen und mir dadurch Schreibzeit für meine eigenen Texte leisten zu können.

Welchen Gedanken sollen deine Zuschauer denn mit nach Hause nehmen, wenn sie „antimortina“ gesehen haben?
Dass wir alle, immer wieder aufs Neue, unseren Weg finden müssen und ihn auch gehen dürfen.

Und wie gehst du aus dem Stück?
Ich bin sehr glücklich mit der Umsetzung durch die Vereinigten Bühnen Bozen. Und ich hatte eine wirklich tolle Zeit mit dem Team. Der Weg geht jetzt weiter.

Welche sind denn deine nächsten Projekte?
Meinen Schreibtisch aufräumen!

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