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Interview mit Bergretter

Ein Restrisiko bleibt

Mit jedem Winter folgen Nachrichten über neue Lawinenunglücke. Siegi Patscheider ist selbst begeisterter Skitourengeher und weiß als Bergretter, wo die Gefahren lauern.

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Traumhafte Skitour auf die Mitterlochspitze

Bild: Siegi Patscheider

Skitourengehen und Freeriden boomt. Gerade in diesem Jahr aufgrund von außergewöhnlichen Schneemengen und den wegen Corona geschlossenen Skibetrieben. So wagen sich auch zahlreiche unerfahrene Laien zum ersten Mal ins Gelände.

Den Langtauferer Siegi Patscheider zieht es regelmäßig mit den Skiern in die Berge. Seit 20 Jahren arbeitet er als Skilehrer in Nauders, seit 29 Jahren ist er bei der Bergrettung Langtaufers. Seine Arbeit macht er aus Überzeugung. Die Leidenschaft dafür wurde ihm in die Wiege gelegt, schon unter seinen Vorfahren waren Bergführer in der Familie.

Heute bewirtschaftet der 50-Jährige zusammen mit seiner Frau, seiner Tochter und seinen beiden Söhnen den elterlichen Bauernhof mit Ferienwohnungen „Beim Gruber“ und arbeitet nebenher in der Erlebnisschule Langtaufers. Diesen Winter hat Siegi – wie so viele – mehr Zeit als sonst für seine Skitouren.

Siegi, was bedeutet dir das Skitourengehen?
Skitourengehen ist eine bärige Sache. Schon in der Mittelschule habe ich meine ersten Versuche gestartet, Skitouren zu unternehmen. Man kann dem Alltagsstress entfliehen, ist draußen in der Natur und es ist einfach wunderschön. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben könnte – vielleicht wie einen Rausch. Skitourengehen hat Suchtpotential. (lacht)

Siegi Patscheider ist seit fast 30 Jahren bei der Bergrettung und selbst begeisterter Skitourengeher.

Bild: Siegi Patscheider

Skitourengehen ist aber auch nicht ganz ungefährlich. Welche Gefahren lauern auf der Piste?
Wenn man am Tag die Piste hochgeht, rechnen Skifahrer einfach nicht mit Gegenverkehr. Man sollte sich daher vorab informieren, ob Skitouren im jeweiligen Skigebiet überhaupt erlaubt sind, und wenn, dann immer nur ganz am Rand aufsteigen.

Einige Skigebiete bieten auch nachts den Skitourengehern die Möglichkeit zum Aufstieg, trotzdem sind manche auch dann unterwegs, wenn es nicht erlaubt ist – oder ganz in der Früh zum Ärger mancher Liftbetreiber. Wenn man nachts geht, lauern natürlich andere Gefahren als am Tag. Dadurch, dass häufig mit Seilwinden gearbeitet wird, kann man mit Pistenmaschinen in Konflikt kommen. Auch Schneekanonen sind gefährlich, weil man die Wasserleitungen oder Stromleitungen nicht sieht.

Und im freien Gelände?
Die Gefahren im Gebirge sind in erster Linie die Lawinen. Aber auch Absturzgefahr, Kälte, Wind, Unterkühlung, Selbstüberschätzung, mangelnde Fitness und Erschöpfung sind nicht außer Acht zu lassen und können schnell gefährlich werden.

Unterschätzen manche Skitourengeher oder auch Freerider die Gefahren von Lawinen?
Ja, vor allem Neueinsteiger. Sie können manche Situationen nicht richtig beurteilen. Die Gefahr eines Lawinenunglücks hängt von mehreren Faktoren ab: von der Erfahrung und dem Verhalten der Wintersportler, vom Schnee und den Wetterverhältnissen, aber auch die Selbstüberschätzung und Unwissenheit, sowie eine unvollständige Ausrüstung können eine Rolle spielen. Zudem sind die Exposition eines Hanges und die Steilheit des Geländes zu beachten.

Es nutzt die beste Ausrüstung nichts, wenn man sich damit nicht auskennt und nicht entsprechend geübt ist.

Welche Ausrüstung gehört bei einer Skitour unbedingt dazu?
Ich sage immer: So viel, wie nötig, und so wenig, wie möglich. Natürlich gehört die Standardausrüstung mit Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS-Gerät), Sonde und Schaufel dazu. Genauso sollte ein Minimum an Erste-Hilfe-Material dabei sein und ein Biwak-Sack. Dieser wiegt nicht viel und kann bei Unfällen oder plötzlichen Wetterumschwüngen eine große Hilfe sein und vielleicht sogar Leben retten. Der Lawinenrucksack, also ein spezieller Airbag-Rucksack, hat sich auch sehr bewährt.

Ansonsten Sonnenschutz, Sonnenbrille, Wechselkleidung, ein Helm für die Abfahrt und gut präparierte Skier. Natürlich ist auch ein aufgeladenes Handy ganz wichtig, um eventuell Hilfe holen zu können. Leider denkt man über solche Kleinigkeiten oft nicht nach, aber im Ernstfall werden sie einem zum Verhängnis.

2011 hat die Bergrettung in Südtirol eine Erhebung durchgeführt, in der Wintersportler an 22 vielbegangenen Orten Südtirols eine Woche lang zu ihrer Ausrüstung befragt wurden. Drei Viertel der Tourengeher hatten ein LawinenVerschüttetenSuchgerät (LVS) mit dabei, zwei Drittel die Standardausrüstung (mit Sonde und Schaufel).

Heutzutage gibt es spezielles Lawinenequipment, aber wie sieht es mit den Kenntnissen und dem Umgang damit aus?
Es nutzt die beste Ausrüstung nichts, wenn man sich damit nicht auskennt und nicht entsprechend geübt ist. Damit man sich oder andere nicht in Gefahr begibt, sollte jeder Skitouren- oder Freeride-Anfänger einen entsprechenden Kurs besuchen, um sich ein Grundwissen anzueignen.

Wie sehen diese Kurse aus?
Man lernt bei diesen Kursen unter anderem, wie man den Lawinenlagebericht korrekt interpretiert, wie man mit dem LVS-Gerät umgeht oder wie man sich verhält, wenn es zu einem Lawinenunglück kommt. Zudem lernt man die Zeichen der Natur zu erkennen, zum Beispiel den Wind, der als Baumeister der Lawinen gilt.

Der AVS bietet für seine Mitglieder regelmäßig Kurse in diesem Bereich an. Auch einige Alpinschulen und Bergführer privat bieten solche Kurse an. 

Es ist außerdem von Vorteil, wenn man einen Erste-Hilfe-Kurs besucht, der speziell auf den Wintersport zugeschnitten ist. Auch wer schon länger Skitouren geht, sollte am Anfang jeder Saison mal eine Pieps-Suche machen.

Trotz großer Vorbereitungen und Vorsicht kommt es dennoch jedes Jahr zu Lawinenunfällen. Warum?
Das zeugt davon, dass es nicht immer einfach ist, die Lawinenlage zu beurteilen, weil man nicht in die Schneedecke reinschauen kann. Das lässt sich daran erkennen, dass manchmal selbst bestens ausgebildete Leute wie Skiführer, Bergführer und Skilehrer in Lawinenunfälle verwickelt werden.

Ein Schneeprofil gibt beispielsweise nur punktuell Auskunft über die Situation in der Schneedecke, 20 Meter weiter kann es schon wieder anders aussehen. Auch ein Lawinenlagebericht ist immer großräumig und kann nicht für jeden Hang einzeln erstellt werden. Natürlich ist es für einen Ortsansässigen einfacher, das Wetter und die Windrichtung usw. zu beobachten, aber ein kleines Restrisiko bleibt immer. Daher sollte man immer auch auf sein Bauchgefühl hören und im Zweifelsfall lieber umkehren, als um jeden Preis den Gipfel zu erreichen.

Warst du als Bergretter selbst schon mal bei einem Lawinenunglück im Einsatz?
Als Bergretter ist man natürlich auch manchmal bei Lawineneinsätzen dabei. Uns geht es dabei immer darum, so schnell und professionell wie möglich zu helfen. Als Skitourengeher frage ich mich dabei manchmal, ob dieser Lawinenabgang hätte verhindert werden können: Wäre ich hier hochgegangen? Was hätte ich getan? Warum ist dieses Schneebrett losgebrochen? In den meisten Fällen ist es nämlich so, dass die Lawinen von den Skitourengehern selbst ausgelöst werden.

„Skitouren sind wie ein Rausch, sie haben Suchtpotential.”

Bild: Siegi Patscheider

Es gilt die Regel, nie alleine zu einer Tour ins Gebirge aufzubrechen.
Ja, denn das Effektivste bei einem Lawinenunfall ist die Kameradenhilfe. Wenn man alleine unterwegs ist und es passiert etwas, hat man ganz schlechte Karten. Wenn jemand trotzdem gehen möchte, sollte man unbedingt zuhause oder in der Unterkunft mitteilen, wo man hingeht.

Was tun, wenn man bei einem Lawinenabgang dabei ist oder Zeuge davon wird?
Solange die Lawine noch in Bewegung ist, sollte man versuchen, sich den Punkt zu merken, wo man die Person/die Personen zum letzten Mal gesehen hat. Diese Verschwindepunkte sind wichtig, da man dadurch den primären Suchbereich eingrenzen und unterhalb dieser Punkte kegelförmig nach unten mit der Suche beginnen kann. So spart man wertvolle Zeit, und Zeit ist Leben.

Danach sollte man sich einen Überblick verschaffen (Wie viele Personen sind verschüttet? Besteht die Gefahr von Nachlawinen?), den Notruf tätigen und mit der LVS-Suche starten. Bei größeren Gruppen empfiehlt es sich, dass der oder die Erfahrenste die Leitung übernimmt und wichtige Anweisungen erteilt. Es heißt Augen und Ohren offenhalten (Ragt ein Skistock oder Ski aus dem Schnee? Hört man ein verschüttete Person?). Wurden die Person bzw. die Personen geortet, lokalisiert man sie nochmal genauer mit der Sonde und beginnt mit dem Ausgraben. Es ist immer ein Wettlauf gegen die Zeit. In den ersten 15 Minuten hat man relativ gute Chancen, danach sinken die Überlebenschancen drastisch. Eine Viertelstunde ist ganz schnell vorbei, selbst wenn eine Person nur 70 Zentimeter unter der Schneedecke liegt. Bis die organisierte Rettung eintrifft, kann es leider schon zu spät sein. Natürlich gibt es Ausnahmefälle von Personen, die durch einen glücklichen Zufall auch zwei Stunden unter einer Lawine überlebt haben, aber das ist nicht die Regel.

Es ist immer ein Wettlauf gegen die Zeit. In den ersten 15 Minuten hat man relativ gute Chancen, danach sinken die Überlebenschancen drastisch. 

Wie bereitest du dich auf eine Skitour vor?
Wenn ich hier in Langtaufers Skitouren gehe, habe ich den Vorteil, dass ich über die Witterungsbedingungen Bescheid weiß (Wind, Kälte, Schneemenge, Regen) und sie beobachten kann. Und wenn man die Berge kennt, ist das von großem Vorteil. Wenn ich irgendwo gehe, wo ich noch nie war, ist die Vorbereitung eine andere: Dann schaue mir den Wetter- und Lawinenlagebericht an, sowie die geplante Route und Dauer der Tour, damit ich nicht mit der Zeit in Bedrängnis komme. Vor allem im Frühjahr ist das wichtig, denn am Nachmittag, wenn die Schneedecke durch die Sonneneinstrahlung aufweicht, wird es ganz schnell gefährlich.

Skitourengeher oder Freerider sollten nicht nur auf sich achtgeben, sondern auch auf die Natur und vor allem die Wildtiere Rücksicht nehmen. Du bist selbst Jäger, wie siehst du das?
Wer durch den Wald geht oder fährt, ist Gast im Wohnzimmer der Wildtiere und dementsprechend sollte man sich aufführen. Viele Leute wissen nicht, was sie anrichten, wenn sie mit den Skiern kreuz und quer durch die Wälder fahren. Im Herbst, wenn es anfängt zu schneien, hat jeder Wintersportler eine Gaudi, endlich in den Schnee zu kommen – ich natürlich auch – aber sie vergessen, dass genau dann fürs Wild die harte Zeit anfängt. In manchen Orten, wie Ultental oder Martelltal, ist dieser Winter sehr schwer fürs Wild. Viele Tiere kämpfen gerade ums Überleben.

Was ist zu beachten?
Wenn man Rotwild oder Rehwild aufscheucht und die Tiere fluchtartig weglaufen, können sie bis zum Zwölffachen ihrer normalen Energie verbrauchen. Passiert das öfter im Winter, kann das unter Umständen den Tod bedeuten.

Oberhalb der Waldgrenze bzw. in der Nähe der Waldgrenze lebt das Schneehuhn. Abgewehte Stellen sollte man dort meiden, weil das Schneehuhn hier Nahrung sucht. Das Birkwild (Spielhahn) lebt im Bereich der Baumgrenze, das Auerwild etwas tiefer. Beide sind sehr störungsempfindlich und können unter Umständen den Lebensraum verlassen, wenn sie häufig gestört werden. Das gilt es zu vermeiden.

Viele Leute wissen nicht, was sie anrichten, wenn sie mit den Skiern kreuz und quer durch die Wälder fahren. 

Ebenso sollte man es vermeiden durch den Wald abzufahren, vor allem in der Nähe von Wildfütterungen. Dort ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass man die Tiere in ihren Einständen aufschreckt. Am besten bleibt man auf Forstwegen oder größeren Schneisen. Mancherorts gibt es auch ausgewiesene Zonen, in denen man sich bewegen sollte.

Zudem bedenken viele nicht, dass sie durch die Kanten der Skier auch Schäden an kleinen Bäumen verursachen, wenn sie durch den Wald fahren. Unsere Wälder haben vielfach eine Schutzfunktion. Da muss es nicht sein, dass man diese beschädigt, nur weil man aus Gaudi durch den Jungwald fährt.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden, denn ich kann jeden verstehen, der diese Art von Wintersport liebt, und es ist schön, diesen tollen Sport in der Natur auszuüben, aber man sollte einfach Rücksicht nehmen – auf die Natur, auf die Tiere, auf andere Tourengeher und auf sich selbst, damit man von jeder Tour wieder gesund zurückkommt.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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