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Zu Besuch auf dem Stanglerhof

Ein Paar mit Biss

Sie studiert Internationale Entwicklung, er Geschichte. Dann machen Clara und Heiner einen vielfältigen Buschenschank auf und geben dafür ihre Freizeit auf.

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Bild: Lisa Maria Kager

Heiner Mayer Kaibitsch und Clara Höpler sind Profis, was Fernbeziehungen angeht. Zuerst Bologna und Wien, dann Buenos Aires und Spanien, DC und Parma und schließlich Malawi und Südtirol. Auf dem Land zu leben, konnten sich beide während ihres Studiums schlecht vorstellen. Viel zu gern waren sie in der großen, weiten Welt unterwegs, um neue Kulturen und Menschen kennenzulernen.

 „Es war total absurd, so etwas zu machen.“

Heute sitzen sie im Garten vom Stanglerhof in Völs direkt unter den massiven Wänden des Schlerns und frühstücken selbstgemachtes Brot und Marmelade. Dazu gibt es süß-sauren Johannisbeersaft aus den eigenen Beeren. Im Hintergrund gackern die Hühner, und ihre beiden Kinder Alma und Luisa tanzen mit dem baskischen Au-Pair-Mädchen im Stadel Ballett zu lauter, klassischer Musik. „Es war total absurd, so etwas zu machen“, meint Heiner und verscheucht eine Wespe von seinem Marmeladenbrot. „Und es gehört ein Haufen Eigenverantwortung dazu“, ergänzt Clara. 

Clara, der Tausendsassa

Bild: Lisa Maria Kager

Als Heiner sein Geschichte- und Publizistikstudium in Wien abgeschlossen hatte, hat es ihn nach Parma verschlagen, wo er an der „Università degli Studi di Scienze Gastronomiche “ einen Master draufgesetzt hat. Auf dem Rückweg in die Großstadt nach Wien ist der junge Bozner schließlich in Völs hängen geblieben. Den Hof, der seiner Familie bereits seit einem Jahrhundert als Sommerfrische diente, nutzte er als Wohnsitz und Partylocation. Ein Job beim International Mountain Summit hatte ihn nämlich für zweieinhalb Jahre an die Heimat gebunden. Was ihm einst so fremd schien, fing Heiner mit der Zeit an zu gefallen. Der Garten auf dem Stanglerhof wuchs und mit ihm auch die Idee, hier etwas Größeres aufzuziehen. Aus dem alten Stadel sollte ein Buschenschank werden, in dem regionale und selbstgemachte Produkte auf unkonventionelle Art einem Publikum serviert werden, das gleichzeitig mit Kultur bespielt wird. Die Grundwerte auf dem Stanglerhof sollten Vielfalt, Qualität und Naturnähe sein. Der Plan zu jener Zeit: Das halbe Jahr in Südtirol den Hof bewirtschaften, das andere halbe Jahr in Wien leben. Für Clara, die eigentlich aus Wien stammt, stand nämlich fest, dass sie ihren Job im Bereich der internationalen Entwicklung nur in einer Großstadt ausüben konnte. Weitere Jahre auf Distanz hätte die Beziehung kaum überlebt.

Der Stanglerhof

Bild: Clara Höpler - Stanglerhof

„Als die Baugenehmigung da war, ist es einfach irgendwie passiert“, meint Heiner und blickt unter seinen zusammengezogenen Augenbrauen etwas fragend zu Clara. Sie schüttelt den Kopf und grinst verlegen. Ihre Augen sehen dabei müde aus, Feierabend war gestern erst um zwei Uhr nachts. Während Heiner sich bei der Planung nicht viele Gedanken über die anstehende Arbeit auf dem Hof gemacht hat, war Clara von Anfang an klar, worauf sie sich mit dem Projekt in Südtirol einlassen würden. „Heiner lässt sich ungern aus der Ruhe bringen, er schenkt jedem Moment die volle Aufmerksamkeit“, sagt sie, „davon könnt’ ich mir ab und an eine Scheibe abschneiden.“ Ziele sind dem jungen Mann relativ Wurst. „Ich bin leider ein Mensch, der den Weg dorthin mit all seinen Prozessen viel lieber mag“, meint er, dem die neuen Ideen nie ausgehen. Gemeinsam mit einem befreundeten Architekten wurde der Stadel mit Strohbau und Lehm zum Buschenschank umgebaut. Ein großer Raum mit einer Bar, Holztischen und buntgemischten Stühlen. 

„Es gibt auf dem Stanglerhof eher ein mexikanisches Chilli mit Südtiroler Fleisch als einen Südtiroler Speck von holländischen Schweinen.”

Vom Frühling bis in den Herbst hinein findet hier fast jedes Wochenende eine Hochzeit statt. Danach beginnt die Törggelezeit. Im Sommer hingegen gibt es jeden Donnerstag einen Culture Thursday. Abwechselnd wird entweder ein Film zu einem bestimmten Thema gezeigt oder ein Konzert gespielt. Zum Warmwerden gibt es ein Buffet, das Heiner gemeinsam mit seinem zweiköpfigen Küchenteam im Untergeschoss des Stadels zubereitet. Obwohl er vor dem Projekt Stanglerhof nicht viel mit Kochen am Hut hatte, liefert er von hier aus an einem Abend gut fünf Gänge für bis zu hundert Personen in den Garten.

Das traditionelle Bild eines Buschenschankes findet der Historiker mehr als interessant: „Wer weiß schon, dass ein Buschenschank seine Ursprünge eigentlich in in der Stadt hat?“ Selbst hergestellte Lebensmittel, darunter vor allem Wein und Obstmost durften von den Bürgern dort saisonal verkauft werden. Heute sind Buschenschänke auf Weinbaugebiete beschränkt. Zum Zubereiten der Speisen und Getränke sollen am Hof hergestellte Lebensmittel dienen. Ein Bild, das immer wieder mit traditionellen Südtiroler Gerichten in Verbindung gebracht wird. Heiner hingegen sieht nationale Kulturen sowie traditionelle Küche als Konstrukt, mit dem man etwas rechtfertigt. „Was macht unsere traditionelle Küche eigentlich aus? Von welcher Zeit in der Geschichte sprechen wir, wenn wir Tradition festsetzen?“, fragt sich der Koch, „man kann doch nicht mit etwas Werbung machen, das man nicht einordnen kann.“ Speck aß man früher nur in Ausnahmefällen, da ist er sich sicher. Viel eher standen hartes Brot und Muß auf dem Speiseplan. Und das will in einem Buschenschank wohl niemand ständig essen.

Mit ihrem Konzept wollen Clara und Heiner zwar in die Geschichte zurückkehren, diese gleichzeitig aber wieder neu schreiben. „Es sollen möglichst viele unserer Produkte direkt auf dem Hof oder lokal wachsen, das ist uns wichtiger, als im Buschenschank irgendwelche Rezepte zu replizieren“, meint Clara. „Es gibt auf dem Stanglerhof eher ein mexikanisches Chilli mit Südtiroler Fleisch als einen Südtiroler Speck von holländischen Schweinen.”

Claras und Heiners Johannisbeerfeld

Bild: Lisa Maria Kager

Sechs Jahre haben die beiden inzwischen an der Idee Stanglerhof gearbeitet. Heiner hat die Ausbildung zum Jungbauern absolviert, ein Feld mit 3.000 Johannisbeerstauden und einen großen Garten angelegt, Routine in der Küche gefunden und lässt seine zwölf Schafe in Gröden weiden. Clara hat sich in die Buchhaltung und Hintergrundorganisation gestürzt, schmeißt abends mit einigen Springern den Service und hat zwei Kinder geboren, die sie auf dem Hof großzieht.

„Eine Woche auf dem Stanglerhof hat mit Sicherheit 80 Stunden, wenn nicht mehr“, meint Heiner, „so viel zu arbeiten, können sich die wenigsten Menschen vorstellen.“ Landwirtschaft, Produktion der eigenen Säfte, Einkauf, Verkauf, Vorbereitungen, Organisation, Kochen, Service, Website, Vermarktung, Kommunikation – Clara und Heiner machen alles, was auf dem Hof anfällt. „Wenn ich zum Einkaufen fahre, rechne ich das schon gar nicht mehr als Arbeit“, sagt der Jungbauer und muss etwas verzweifelt grinsen. Freie Tage gibt es so gut wie keine. Immer wieder fallen Freizeit und Arbeit zusammen. „An manchen Tagen hat man einfach mehr Zeit und arbeitet dann in einem anderen Tempo“, meint Clara, „das bedeutet aber noch lange nicht, frei zu haben.“ Die gebürtige Wienerin würde gerne mehr System auf den Hof bringen, um zumindest ein kleines bisschen von ihrer Freizeit zurückzugewinnen. Doch wenn man abseits vom Strom schwimmen will, müsse man sich den Weg erst freischaufeln, da ist sich Heiner sicher. 

Auch wenn das Projekt ihnen unheimlich Spaß macht – manchmal, da sind sie ganz ehrlich, wächst den beiden alles über den Kopf. Doch dann träumt Heiner einfach weiter von selbstgemachtem Schafskäse, Honig und Diskussionen zum Fleischkonsum mit Livemusik auf seinem Stanglerhof.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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