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Ein Metzger als Erzieher

"Vom Metzger zum Erzieher – ist doch fast dasselbe, oder? Spaß beiseite: Zwei Berufe, die unterschiedlicher nicht sein könnten, finden sich in meinem Lebenslauf. An beiden konnte ich wachsen und zu dem werden, der ich heute bin", schreibt Martin Huber in diesem Beitrag.

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Bild: Anna Mayr/oew

„Ich könnte so was nie machen!“, „Dort arbeiten nur gefühllose Menschen!“, „Wie kannst du nur Tiere umbringen?“, „Mit dir will ich nichts zu tun haben!“ Mir scheint, kaum ein Beruf ist zurzeit so sehr in Verruf geraten wie der Metzgerberuf. Kein Wunder – in einer Welt, die sich immer mehr und mehr in Richtung Veganismus bewegt. Oder? Einige der Kommentare oben kamen auch von Menschen, die ohne Bedenken ins Schinkenbrot beißen. Das ist für mich seit jeher unerklärlich. Dabei teile ich die Kritik am übermäßigen Fleischkonsum und an der Art und Weise wie in der Massenproduktion Tiere gehalten und getötet werden. Dieses „wie“ macht allerdings für mich einen großen Unterschied. Denn es geht auch anders.

Als ich mit 16 meine Ausbildung zum Metzger begann, war der Tod ein regelmäßiger Begleiter. Es war herausfordernd. Ich erlernte den Beruf in einer Dorfmetzgerei, wo Tradition und Tierwohl großgeschrieben wurden. Den Tieren wurde mit Respekt begegnet und jedes unnötige Leid so gut es ging vermieden. Es gab viel für mich zu lernen: Schlachtung, Zerlegung, Verarbeitung, Verkauf sind nur grobe Überbegriffe. Der Beruf ist weit vielfältiger und kreativer als man denkt. Die Lehre war mitunter anstrengend, forderte Muskelkraft, aber auch Schnelligkeit, Präzision und sehr viel Hintergrundwissen. Am Ende jedes Arbeitstages zu sehen, was ich geleistet hatte, bereitete mir große Freude und auch im Umgang mit Kunden fühlte ich mich wohl. Und trotzdem wusste ich bereits damals, dass ich nicht ein Leben lang als Metzger arbeiten würde.

Der Tod war ein regelmäßiger Begleiter

Nach sechs Jahren in der Metzgerei fasste ich spontan den Entschluss, in die USA zu reisen, wo ich in einem Sommercamp arbeitete. Als ich nach Südtirol zurückkehrte, konnte ich als Jugendarbeiter in einem tollen Team und in einer ganz neuen Arbeitswelt tätig sein. Nun bin ich seit kurzem Erzieher im Kinderdorf Brixen. Jugendliche in einer schwierigen Lebensphase zu begleiten, zu sehen, wie sie an Herausforderungen wachsen, macht jeden Tag zu etwas ganz Besonderem.

Zurzeit schließe ich meine erste pädagogische Ausbildung ab, aber ich habe noch viel zu lernen! Meine Mitmenschen hatten vermutlich recht, als sie meinten, der Metzgerberuf passe nicht zu mir. Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht missen. Ich durfte dort wachsen und erwachsen werden und viele Lebenslektionen lernen, die mich für immer begleiten werden. Der Beruf hätte mehr Anerkennung und einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft verdient: Denn ein geschultes Auge erkennt die Qualität und bringt eine besondere Wertschätzung gegenüber Tieren und deren Erzeugnissen mit sich. 

Text: Martin Huber

Dieser Beitrag erschien erstmals in der der aktuellen Ausgabe der Straßenzeitung zebra. (Nr. 79, 10.10.2022 – 09.11.2022)

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für drei Euro. Die Hälfte davon geht in die Produktion, die anderen 1,50 Euro bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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