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Schusterin Nora Delmonego

Ein anderes Paar Schuhe

Schuhe sind für viele nur kurzlebige Massenware. Nora Delmonego widersetzt sich diesem Trend mit einer der letzten Südtiroler Schusterwerkstätten.

Portrait vor Schuhleisten.jpg

Bild: Porträt vor Schuhleisten; Silvia Rabensteiner

Vor wenigen Jahrzehnten stritt man sich in manchen Südtiroler Familien noch um die guten Sonntagsschuhe. Vor allem Kinder saßen in der obligatorischen Sonntagsmesse auch einmal barfuß. Ein gutes Paar Schuhe war Ausdruck von Wohlstand und Ansehen, ein Zeichen, dass es einer Familie gut ging. Dieses gediegene Image hat der Schuh mittlerweile verloren: Um die 20 Paar Schuhe besitzt eine Frau in Deutschland im Durchschnitt, Männer um die zehn. Schuhe sind heute Massenware und Wegwerfobjekte. Viele Schusterbetriebe haben diesen Trend nicht überlebt. Die Familie Delmonego widersetzt sich diesem Trend: Seit 1876 kümmert sie sich um die Schuhe der Eisacktaler. Nach vier Generationen in Männerhand ist es heute eine junge Frau, die hier immer noch den Schusterhammer schwingt.

Noras Schaffensort

Bild: Silvia Rabensteiner

Ein Mittwochmorgen in Klausen, kurz nach 10 Uhr. Nora Delmonego nimmt ein Paar schwarzer Schuhe in die Hand. Sie hat die Haare zum Dutt hochgesteckt, ist eingehüllt in ein schwarzes Wickelkleid voller Rosen und Vögel, dazu ein schwarz-weißer Schal und ein silbern glänzendes Piercing in der Nase. Die 27-Jährige steht in der kleinen Werkstatt ihres Schuhladens in der Klausner Oberstadt. Neben ihr ein Holztisch, übersät mit Kleber, Leim, Nägeln, Zangen. Nora greift sich ein weißes Tuch voller schwarzer Flecken, taucht es in die Politur und trägt sie mit gekonnten Bewegungen auf. An sich nichts Besonderes, wenn diese Handgriffe nicht eine der letzten Schusterinnen Südtirols ausführen würde.

Bereits in Noras Kindheit nahm das Schusterhandwerk einen zentralen Platz im Familienalltag ein: Ihr Opa saß auf dem Meisterstuhl, ihr Vater war Schustergeselle. Auch sie selbst durfte ab und an kleinere Hilfsarbeiten übernehmen. Trotzdem wollte sie die Familientradition zuerst nicht weiterführen. Statt einer Schusterlehre absolvierte sie die Matura im Bereich Werbegrafik. Während einer Lehre als Verkäuferin kam schließlich doch der Wunsch auf, die elterliche Schusterwerkstatt wieder aufleben zu lassen. Heute flickt Nora bereits in fünfter Generation die Schuhe der Kundschaft. Reparaturen sind aber nicht das einzige, was sie in ihrer kleinen Schusterwerkstatt bewältigt: An der Design- und Technikschule „Politecnico Calzaturiero“ in Padua hat sie das Zeichnen und Kreieren individueller Schuhe erlernt.

Zwei von Noras Meisterstücken

Bild: Silvia Rabensteiner

Ihre Kunden sind vor allem Menschen, die kaum Schuhe in ihrer Größe finden oder eine spezielle Fußform haben. „Menschen, die sich einen maßgefertigten Schuh kaufen, haben einen anderen Bezug zu ihrem Schuh und sind deshalb achtsamer. Sie wissen, dass ihr Schuh eigens für sie mit viel Mühe hergestellt wurde. Und letztendlich haben sie einen persönlichen, ganz individuellen Schuh, den sonst niemand trägt,” meint Nora. Auf ihren individuellen Stil ist die Schusterin besonders stolz. Fast alle ihrer Meisterstücke präsentiert sie im Laden: zum Beispiel wiesengrüne Peeptoes mit einer rot-gelben Applikation in Form eines Schmetterlings; daneben ein puderfarbener High-Heel mit rosafarbenem Schleier aus Organza und einer Schleife aus demselben Stoff. Hinten ist der Schuh mit unzähligen Blüten und Perlen versehen, die Nora Stück für Stück in Handarbeit auf den Schuh genäht hat.

Die Ladentür öffnet sich und eine ältere Dame mit lockigen, grauen Haaren betritt die Werkstatt. Sie bringt ihre Trachtenschuhe mit und möchte die Sohle kleben lassen. Nora rät ihr, die Schuhe stattdessen neu besohlen zu lassen. So würden sie länger halten. Mit ihrer Werkstatt möchte sie so auch einen Gegentrend zum massenweisen Konsum von Billig-Mode setzen. „Wir leben heute in einer konsumorientierten Gesellschaft, in der Luxus und Prestige im Vordergrund stehen und viele Menschen immer das Neuste haben möchten. Viele Menschen fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt.” Und weil das Thema Nachhaltigkeit auch für den Konsumenten zunehmend wichtiger wird, ist die Schuhmacherin überzeugt, dass ihr Beruf auch in fünfter Generation noch Zukunft hat.

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