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Naturbahnrodlerin Greta Pinggera

Die Weltmeisterin

Greta Pinggera gewann letzte Woche den WM-Titel im Naturbahnrodeln. Im Interview erzählt sie über ihren größten Gegner: die Nervosität.

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Bild: Greta Pinggera

Fünf Autominuten von ihrem Heimathaus entfernt, schlängelt sich der eisige Streifen durch den Wald hoch. 870 Meter lang ist die Naturbahn hier in Laas. Eine der anspruchsvollsten Europas, mit durchschnittlich 14 Prozent Gefälle und sieben Kurven – sieben Schlüsselstellen, die sich die Rodler gut einprägen müssen, damit es nicht gefährlich wird. Greta Pinggera kennt jede einzelne in- und auswendig. Die Bahn ist ihre Heimstrecke.

Heute trainieren hier die russischen Rodler, die den Winter über in Laas wohnen. Gespannt blickt Pinggera von der Zielgeraden auf die Bahn. Die Rodler rauschen pfeilschnell über das glatte Eis der letzten Kurven. Im Ziel pressen sie die Spikes ihrer Schuhe ins Eis und kommen erst mehrere Meter danach zum Stehen. Erfahrene Naturbahnrodler wie Pinggera erreichen im letzten Abschnitt Geschwindigkeiten von bis zu 80 km/h.

Auf dieser Bahn hat sie es 2013 das erste Mal bei einem Weltcup aufs Podest geschafft und Silber gewonnen. Heimvorteil habe sie hier dennoch keinen, sagt sie. „Alle erwarten sich, dass man auf der Heimbahn gut fährt. Der Druck ist umso größer und der Schuss geht da meistens nach hinten los“, weiß Pinggera. Als sie damals als Neuling gleich Zweite wurde, habe sich niemand etwas erwartet, sie war nicht nervös, hatte noch ihre jugendliche Unbeschwertheit.

An den Erfolg anknüpfen konnte sie hier nicht. Seitdem liefen ihre Rennen in Laas nicht sehr gut. Reine Kopfsache, meint Pinggera. „Wenn man zu nervös ist, kann man sich nicht hundert Prozent auf den Lauf konzentrieren und macht Fehler.“ Die 22-jährige Laaserin ist heute eine der erfolgreichsten Naturbahnrodlerinnen. Dabei hat sie erst spät mit dem Rodelsport angefangen.

Größter Gegner Nervosität

Pinggera stammt aus einer Skifahrerfamilie. Mit Vater und Bruder als Skilehrer, fängt Pinggera früh mit dem Skisport an und bestreitet erste Rennen. Mit zehn Jahren probiert sie sich zum ersten Mal auch im Naturahnrodeln und bleibt dabei. „Das Training verlief nicht so stressig wie das Skifahren und zum anderen habe ich gleich tolle Leute kennengelernt“, sagt Pinggera, die sich mit jeder Saison verbesserte. Mit 18 Jahren suchte sie nach einer neuen Herausforderung und wechselte auf die Kunstbahn.

Greta Pinggera vor ihrer Heimbahn.

Bild: Petra Schwienbacher

Warum bist du bereits nach sechs Monaten wieder zurück zur Naturbahn?
Mir hat es auf der Kunstbahn schon gefallen, aber dadurch, dass es in Italien keine Kunstbahnen gibt, konnte ich einfach zu wenig trainieren. Und weil ich schon 18 war, hätte ich nicht mehr genug aufholen können, um vorne mitzuhalten.

Was ist der Unterschied zwischen Naturbahn und Kunstbahn?
Es ist eigentlich total ein anderer Sport. Wie Skifahren und Snowboarden oder noch krasser. (lacht) Es ist alles anders – die Bahn, die Geschwindigkeit, die Rodel selbst. Auf der Naturbahn ist man aktiv und muss die Kurven aktiv mit dem Körper machen. Beim Kunstbahnrodeln hat das Material extrem viel zu sagen, dadurch, dass man auf der Bahn nicht so viel arbeiten kann. Der Start ist da ausschlaggebend, was bei uns nicht so wichtig ist.

Nun ist Kunstbahnrodeln olympisch, Naturbahnrodeln aber nicht …
Der Verband der Naturbahnrodler ist derselbe wie bei den Kunstbahnrodlern. Der Sitz ist in Deutschland und die Deutschen dominieren die Kunstbahnen. Ich glaube, für die Kunstbahnen wird es schwierig zu „überleben“, wenn Naturbahnrodeln olympisch wird. Es ist nämlich viel teurer, eine Kunstbahn zu erhalten. In den letzten Jahren hat sich aber schon viel getan. Die Hoffnung ist, dass Trentino-Südtirol zusammen mit Tirol die Winterolympiade im Jahr 2016 bekommt. Wenn das der Fall ist, dann kann sein, dass wir teilnehmen können.

Die Olympiade ist ein großer Wunsch für alle Naturbahnrodler, nicht nur für Pinggera, die im Winter ständig von einem Rennen zum nächsten unterwegs ist. Viel Zeit, sich auf ein Rennen vorzubereiten, bleibt nicht. Vielleicht auch besser so. Die Nervosität war nämlich immer der größter Gegner der Laaserin. Am Renntag war sie oft bereits in der Früh aufgeregt. „Es ist wie Schmetterlinge im Bauch und das hält so lange an, bis ich ins Ziel komme. Dann fällt der Druck befreiend von mir ab“, erklärt sie. Mittlerweile geht es besser. Pinggera versucht, sich nicht zu sehr reinzusteigern, damit sie nicht zu nervös an den Start geht. Armin Zöggeler ist ihr großes Vorbild in dieser Hinsicht. Sie bewundert seine mentale Stärke.

Weltbeste

Am 5. Februar diesen Jahres hatte sie ihre Nervosität im Griff. Bei der Weltmeisterschaft in Vatra Dornei in Rumänien war die Bahn aufgrund des starken Regens aufgeschwemmt, ein zweiter Wertungslauf deshalb nicht möglich. Pinggera hatte am Samstag im ersten Wertungslauf die Nase vorne und holte sich dadurch überraschend den Weltmeistertitel.

Bild: Greta Pinggera

Hast du damit gerechnet, Weltmeisterin zu werden?
Ich bin eigentlich schon hingefahren, um zu gewinnen. Mit einem zweiten Platz wäre ich nicht zufrieden gewesen. So hat es aber logisch auch Evelin Lanthaler gesehen, meine größte Konkurrentin. Deswegen wusste ich, ich muss alles geben. Es war auch Glück dabei, weil sich das Wetter verschlechterte, aber Glück braucht es natürlich immer. (lacht)

Diese Strecke liegt dir. Gehört sie zu deinen Lieblingsstrecken?
Ich war nie Freundin dieser Bahn, aber anscheinend läufts dort. (lacht) Ich habe dort meine zwei großen Titel geholt, jetzt muss ich sie wohl zu meinen Lieblingsbahnen zählen. Ansonsten ist Deutschnofen eine meiner Lieblingsbahnen. Schnell aber doch technisch anspruchsvoll. Und auch meine Heimatbahn Laas.

Du wusstest nach dem Rennen in Rumänien nicht gleich, dass du Weltmeisterin bist …
Nein. Ich habe am Morgen nach dem ersten Lauf wie bei jedem Rennen erst meine Rückenübungen gemacht, dann Mütze und Jacke angezogen. Als ich rausging, sagte man zu mir: „Du kannst dich wieder ausziehen, du bist jetzt Weltmeisterin.“ Ich wollte es nicht wahrhaben und mich unbedingt noch im zweiten Lauf beweisen und natürlich war auch Evelin nicht begeistert. Wir sind immer zusammen in einem Zimmer, die Stimmung war natürlich nicht so gut. Es war aber ein Traum, der in Erfüllung ging, denn der Weltmeistertitel ist der höchste Titel, den man in unserem Sport holen kann.

Wie ist es, mit deiner größten Konkurrentin ein Zimmer zu teilen?
Wir sind es gewohnt. Sie ist vier Jahre älter als ich. Als ich vor vier Jahren zur Mannschaft kam, haben wir uns gleich gut verstanden. Auf der Bahn selbst sind wir Konkurrentinnen und konzentrieren uns auf uns selbst, aber wenn es vorbei ist, vergessen wir alles und sind gute Freundinnen.

Hinter den Kulissen des Naturbahnrodelsport geht es familiär zu. Teamkollegen werden zu Bezugspersonen. Jeder ist viel unterwegs, Familie und Freunde sind zu Hause. Mit der Zeit entstehen so Freundschaften unter den Teamkollegen und hin und wieder auch Liebe.

Eine strahlende Siegerin.

Bild: Greta Pinggera

Die Saison ist ihre

Seit vier Jahren ist Pinggera mit dem Naturbahnrodler Patrick Pigneter zusammen. „Es ist schön, auf den Rennen eine Vertrauensperson mitzuhaben, weil man doch sehr viel unterwegs ist“, sagt Pinggera, die auch oft zusammen mit ihrem Freund trainiert. Er stellt ihr Trainingsprogramm zusammen, gibt ihr Tipps und hilft ihr bei neuen Bahnen mit seiner Erfahrung.

Als Naturbahnrodlerin kann Pinggera von ihrem Sport nicht leben. Im Sommer macht sie zurzeit eine Konditorlehre, was nur möglich ist, weil die Konditorei ihren Eltern gehört. Nachmittags trainiert sie dann mindestens fünfmal in der Woche jeweils zwei Stunden. Im Winter betreibt sie den Sport professionell. Wenn man vorne mitfahren muss, hat man sonst keine Chance.

Diese Saison ist ihre. Pinggera ist in Topform. Die letzte drei Rennen hat sie gewonnen. „Schade, dass die Saison schon bald wieder vorbei ist“, sagt sie und lacht. Am 17. Februar ist das nächste Rennen. Weltcupfinale im Ötztal. Pinggeras letzte Chance, sich für diese Saison den Gesamtweltcupsieg zu holen. Denn zurzeit ist sie noch zweite, 30 Punkte hinter ihrer größten Konkurrentin.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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