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Jungschauspielerin im Porträt

Die ultimative Freiheit

„Auf der Bühne kannst du alles sein, was du willst“, sagt Sarah Born. Gerade ist sie als Lina Loos in den Kinos. Das Schwierigste sind für die Jungschauspielerin die Pausen zwischen Projekten.

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Bild: Tomás Martinez

Jeder Schauspieler führt neben seinem eigenen Leben noch viele andere auf der Bühne oder vor der Kamera. „Partiell kann man so kennenlernen, wie sich andere Situationen anfühlen“, meint Sarah Born, „das ist ein bisserl ein Lebenshunger, der gestillt wird – stückerlweise.“ So beschreibt die junge Schauspielerin ihren Beruf im Wiener Dialekt. Dass Sarah Born ursprünglich aus Meran kommt, hört man nicht mehr. Den Südtiroler Dialekt habe man ihr an der Schauspielschule abtrainiert. Auch ihren Namen änderte Sarah für die Karriere. Aus Sarah Xiao Min Gruber wurde Sarah Born. Der jetzige Nachname stammt von ihrer Großmutter. „Meine Oma hat mich sehr inspiriert. Sie war eine so starke Frau“, sagt Sarah stolz.

Vor 15 Jahren hätte sie wohl nicht gedacht, dass sie einmal vom Schauspielen leben würde. Damals besuchte Sarah die zweite Mittelschule in Meran und übernahm in einem Schultheaterstück die Rolle der Katze. „Ich glaube es war ganz furchtbar, was ich da auf der Bühne gemacht habe, aber ich hatte wahnsinnig viel Spaß dabei“, erinnert sie sich. Schon damals wusste die heute 27-Jährige, dass man alles zu seinem Beruf machen kann, auch wenn es nur ein Hobby ist. Zur Auswahl standen Tiertrainerin für den Film oder eben Schauspielerin. Letzteres hat vor allem deshalb gewonnen, weil Sarah zu Oberschulzeiten mehr und mehr auf der Bühne stand.

„Durch die Zusammenarbeit mit einem super Deutschlehrer und dem Altstadttheater in Meran habe ich viel Theaterluft schnuppern können. Das hat mir gezeigt, dass ich das wirklich zu meinem Beruf machen will“, erzählt Sarah. Eine Luft, die sie abhängig gemacht hat. Auf die Matura folgen Aufnahmeprüfungen und eine Zusage aus London. „Dank der Hilfe von Rudi Ladurner und dem Team vom Altstadttheater bin ich mit einem Stipendium nach England gereist und habe dort meine Ausbildung zur Schauspielerin begonnen“, sagt sie. Diese hat sie auch nach Polen ins Grotowski-Institut geführt. Dort wurde Sarah mit der spirituellen Seite des Theaterspielens konfrontiert. „Grotowski ist eine Körpertechnik, die aus Russland kommt. Man geht bei dieser Theorie davon aus, dass eine bestimmte körperliche Geste einen bestimmten körperlichen Prozess auslöst“, versucht die Schauspielerin die Technik in einfachen Worten zu erklären. Eine unglaublich intensive Zeit mit viel hartem Training wartete in Russland auf sie.

Nach einem Jahr zog Sarah nach Wien und machte dort ihr Schauspieldiplom. Ihr Studium finanzierte sie sich mit der Arbeit in der Kostümabteilung der Salzburger Festspiele. „Abgesehen vom Regen in Salzburg ist es dort super schön. Immerhin kann man der Crème de la Crème beim Proben zusehen“, erzählt die Meranerin. Noch heute führt der Weg der Schauspielerin immer wieder in die Mozartstadt, wo sie in Produktionen des Toihaus Theaters mitmischt.

„Oh Gott, was fange ich bloß mit meinem Leben an?“

Ihre ersten Aufträge hatte Sarah aber bereits während der Ausbildung. Auch die Vorbereitungen zu „Lina“ haben in dieser Zeit begonnen – ein Film, der gerade in den Kinos läuft. Eineinhalb Jahre lang beschäftigte sich Sarah mit der Figur der Lina, die um die Jahrhundertwende in Wien lebte. „Zur Vorbereitung bin ich ins Museum gegangen und habe mir Filme angeschaut, um zu verstehen, wie es wohl war, in dieser Zeit zu leben“, erzählt die Schauspielerin. Während der Premiere vor einigen Wochen dann auf den roten Kinosesseln zu sitzen und sich selbst auf der Leinwand zu sehen, machte sie  wahnsinnig nervös. „Ich hatte ja keine Ahnung, wie das Resultat aussehen würde“, erzählt sie. Es sei kein normaler Kinobesuch, sondern mit jeder Szene eine Reise zurück ans Set gewesen.

Nun sitzt Sarah entspannt in ihrer Wohnung in Wien. Ihr Hund Julius kratzt an der Tür, während sie durch ihre lockige Mähne streicht. Mit den Händen kämmt sie die Haare nach hinten und lässt sie los. Jede einzelne der Stopsellocken springt wie aufgezogen in ihre ursprüngliche Position zurück. So lebendig wie ihre Frisur wirkt auch Sarah selbst. „Ich lebe vom Schauspielern. Man kann davon leben, ja – aber schlecht“, meint sie. Zwischendurch hole sie immer wieder der Zweifel ein. Es sei hart, wenn man gerne arbeiten würde, aber nicht darf. Das Schwierigste daran sind für Sarah die Pausen zwischen den einzelnen Projekten. „Man arbeitet einmal extrem viel und dann wieder gar nicht“, erzählt die Schauspielerin, „da denkt man sich schon oft: Oh Gott, was fange ich bloß mit meinem Leben an?“ Gleichzeitig aber liebt sie ihren Beruf.

„Du kannst sterben, du kannst leben, du kannst Gott sein oder ein Regenwurm oder ein Stück Holz.“

Die Schauspielerin zitiert Regisseur Michael Haneke: „Jeder Mensch ist zu allem fähig, wenn er in der richtigen Situation ist.“ Verschiedene Charaktere zu verkörpern sei nicht weiter schwierig, ihr Loslassen hingegen schon. „Wenn man größere Rollen spielt, wächst man in sie hinein und die Rolle wird zu einem Teil von dir. Ihn wieder gehen zu lassen, dauert eine Weile und ist manchmal auch sehr traurig. So, als ob man einen Freund verliert“, erzählt Sarah. Die Gratwanderung zwischen totaler Identifikation und dem Annehmen einer Rolle vergleicht sie mit einem Buch. Eine neue Rolle sei wie das Aufmachen einer neuen Seite, die man erkundet. Wenn sie fertig gelesen ist, kann man sie auch wieder zuklappen. „Jeder Mensch hat ganz viele Facetten in sich, die man brach liegen lässt, weil man sie nicht wirklich gebraucht hat. Diese Facetten nützt man als Schauspieler“, erklärt Sarah. So könne man auch Rollen spielen, die man selbst noch nie gelebt habe. Auf der Bühne habe man immer die ultimative Freiheit. „Du kannst sterben, du kannst leben, du kannst Gott sein oder ein Regenwurm oder ein Stück Holz“, meint die junge Schauspielerin. Genau das begeistert sie an ihrem Beruf.

Bild: Tomás Martinez

Am liebsten spielt Sarah Charakterzüge, die nicht den ihren entsprechen. Dazu gehören Härte, Unbesonnenheit und das „Arschloch sein“. Vor einigen Tagen hat sie ihre letzte Rolle abgedreht. In „Erik.Weltmeisterin“ geht es um Erik(a) Schinegger, eine österreichische Skirennläuferin, die 1966 die Ski-Weltmeisterschaft in Chile gewann. Kurz vor der Olympiade wurde in einem medizinischen Test festgestellt, dass Erika genetisch ein Mann ist. Sie selbst wusste das nicht. Daraufhin verlangte der ÖSV, dass sich Erika zur Frau umoperieren lässt. Sie weigerte sich und wurde vom ÖSV gesperrt. Im Film spielt Sarah eine Skirennlauf-Kollegin von Erika.

„Es ist eine Geschichte, die erzählt, wie Gesellschaft funktioniert“, resümiert sie. „Jemand ist anders und wird deshalb ausgegrenzt. Ich finde es wahnsinnig wichtig, solche Geschichten zu erzählen.“ Auch Sarah hat sich in ihrem Leben schon ausgeschlossen gefühlt. Als sie sich nach dem Abschluss des Pädagogischen Gymnasiums entschied, Schauspielerin zu werden, konnten ihre damaligen Freunde ihre Entscheidung nicht nachvollziehen. Das machte ihr den Aufbruch von Zuhause leichter. „Auch wenn ich manchmal die irrsinnig schöne Landschaft und das gute Essen vermisse“, sagt sie. Zurückkehren komme derzeit aber trotzdem nicht in Frage. Daheim zu arbeiten sei für sie zu wenig. „Ich bin mehr so der Reisemensch“, meint Sarah. Schon im September bricht sie deshalb wieder auf. Für drei Monate geht es für die junge Schauspielerin nach New York, wo sie dank eines Stipendiums an einer Fortbildung teilnehmen darf.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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