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Die TV-Anarchisten

Richard Theiner hat es am eigenen Leib erfahren. Stermann & Grissemann sind die enfants terribles des ORF. BARFUSS hat das Satiriker-Duo getroffen.

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Dirk Stermann und Christoph Grissemann, die im Interview zugaben, etwas verkatert und erschöpft zu sein.

Bild: Michael Pezzei

Seit über 20 Jahren sind der gebürtige Deutsche Dirk Stermann und der aus Tirol stammende Christoph Grissemann ein Paar, zumindest auf der Bühne von Kleinkunst, Radio und Fernsehen. Nachdem sie viele Jahre im Radio für Furore sorgten (legendär ihre Sendung „Salon Helga“), entdeckten sie Ende der 1990er-Jahre die Kabarettbühne als Spielwiese für ihre auch bissigen Gags. Seit 2007 moderieren sie die ORF-Satire-Sendung „Willkommen Österreich“ und ecken mit ihrem „groteskem und bisweilen brachialem Humor“ („Süddeutsche Zeitung“) immer wieder an. Nicht nur die FPÖ-Politiker Jörg Haider oder Heinz-Christian Strache, sondern auch SVP-Landesrat Richard Theiner bekam diesen schon ob seiner mangelnden Rhetorik-Fähigkeiten zu spüren. 
Im Zuge ihrer Kabaretttour „Stermann“ machten Stermann und Grissemann Ende April Halt im Treibhaus in Innsbruck. Zu den Herren vorzudringen, gestaltete sich allerdings trotz Termin etwas schwierig, aber nach einer halben Stunde Warten, einer freundlichen Bedienung und einem kurzem Plausch mit dem Treibhauschef empfingen uns die beiden Entertainer im Backstagebereich.
Aus dem geplanten Interview ohne Worte wurde aus Zeitgründen – und weil Stermann und Grissemann gerade an ein paar Hühnchenflügeln nagten – leider nichts. So mussten wir kurzerhand zu einem „normalen“ Interview unmittelbar vor ihrem Auftritt umdisponieren. Aber normal ist bei Stermann & Grissemann immer relativ. 

Ihr seid mittlerweile seit 20 Jahren zusammen unterwegs, habt ihr euch nicht langsam satt?
Grissemann: Nun ja, satt hatten wir uns eigentlich schon nach einem Jahr. Die letzten neunzehn Jahre haben wir dann eigentlich relativ in Frieden verbracht.
Stermann: Das ist auch deswegen, weil Grissemann so ein netter Mensch ist.

Wie schauen die privaten Stermann und Grissemann aus?
Beide im Chor: So. (nagen beide an ihren Hühnchen)
Stermann: Genau so: zwölf halbe Hühnchen, keine Beilage.

Wer ist denn der Chef von euch beiden?
Grissemann: Der Chef bin ich.

Wie seid ihr Kabarettisten geworden?
Grissemann: Das ist schwer, da schliddert man mehr so rein. Wir sind übers Radio dann im Fernsehen gelandet.

Was wäre aus euch geworden, wenn ihr nicht in die Medienbranche eingestiegen wärt?
Grissemann: Gute Frage, das ist sehr, sehr schwer vorstellbar. Wahrscheinlich wäre ich Buchhändler geworden.

Klingt aufregend!
Grissemann: Aufregend? Weiß ich nicht. Es ist sicher aufregender als das Kabarettisten-Dasein. 

Wie gestaltet sich denn das Kaberettisten-Dasein?
Grissemann: Anstrengend, siehst du eh, man muss es in Kauf nehmen, dass der Kopfweh am nächsten Tag dein ständiger Begleiter ist. Außerdem muss man sich dann wieder für die nächste Show motivieren. Wir treten ja 120 Mal im Jahr auf. Wenn man das aufrechnet, ist das jeder dritte Tag. Dazu kommen noch die ganzen Galas und Veranstaltungen. Man kann gut sagen, dass wir 200 Abende im Jahr arbeiten müssen. Das schlägt dich körperlich ganz schön nieder, plus Depressionen natürlich.
Stermann: Ich finde aber, dass wir einfach auf hohem Niveau jammern. Vor allen Dingen ist es eine tolle Arbeit. Man ist ziemlich selbstständig, es ist supergut bezahlt, man ist beliebt, man hat in jeder Stadt Girls.

Hört sich mehr nach Rockstardasein an?
Stermann: Stimmt, wie Rockstars, nur halt im Kleinkunststil mit sehr alten, gehbehinderten Girls. [lacht]

Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer hat euch zur 250. Sendung von „Willkommen Österreich“ gratuliert. Wird man da arrogant?
Grissemann: Ja das wird man. [lacht]
Stermann: Wir waren eigentlich beide sehr gerührt. Heinz Fischer ist der wahrscheinlich wirklich beste und sympathischste Bundespräsident, den man sich nur denken kann.

Haben eure Talk-Gäste Angst vor euch? Sind sie manchmal voreingenommen?
Stermann: Du meinst, die Gäste von der Fernsehsendung?

Ja, genau.
Stermann: Inzwischen freuen sie sich, mittlerweile wissen sie, was auf sie zukommt. Am Anfang war das so, dass sie nicht genau wussten, ob sie sich auf uns einlassen sollten. Aber inzwischen fühlen sich die meisten wieder wohl. Wir sind auch sehr gute Gastgeber.

Und wenn H.C.Strache durch die Tür hereinspaziert? Wie reagiert ihr?
Grissemann: Oh, ich finde den eigentlich ganz nett. Ich würde ihn deshalb herzlich begrüßen und ihm dann die Tür weisen, dass er wieder rausgeht. Aber ich hätte keine Angst vor ihm, weil er mittlerweile eigentlich Manieren gelernt hat. Er wäre wahrscheinlich ein ganz netter Gesprächspartner. Muss ich aber trotzdem nicht haben.

Ein zweiter Überraschungsgast gesellt sich hinzu. Es ist Silvio Berlusconi.
Stermann: Berlusconi? Aber den gibt's ja nicht mehr, oder?

Nach seiner Verurteilung leistet er jetzt Sozialdienst ab.
Grissemann: Der älteste Altenpfleger Europas.
Stermann: Naja, das Ganze ist jetzt schon ein wenig ausgelutscht.
Grissemann: Ich glaube aber, dass der noch ein wenig unsympathischer ist als Strache.
Stermann: Der eine ist halt noch viel reicher und mächtiger als der andere. Strache ist letztlich doch irgendwie nur so ein Kleinbürger, während Berlusconi ein Schlagersänger ist, der zu maximalen Reichtum gekommen ist.

Könnt ihr euch an das Stotter-Video von Richard Theiner erinnern, das ihr gesendet habt?
Grissemann: Von wem?

Das Interview von Richard Theiner, dem Südtiroler Politiker.
Grissemann: Ach so, der.
Stermann: Was ist denn aus dem geworden? Ich hab seine Karriere nicht mehr verfolgt.

Eigentlich sollte er Landeshauptmann werden, ich glaube, das Video hat aber mit dazu beigetragen, dass er es nicht geworden ist …
Stermann: Ach ja, genau. Naja wir haben da auch darüber diskutiert, ob das zu arg und zu sehr vorführend ist, was es auch war. Aber ich glaube er hätte sich auch keinen Gefallen getan, das jeden Tag zu machen.

Danke für das Interview.

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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