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Interview mit Regisseur Mokhallad Rasem

Die Stimmen der Frauen

Mokhallad Rasem war aus seiner Heimat geflohen, für sein Theaterprojekt reiste er in den Nahen Osten zurück. Der Regisseur sprach dort mit Frauen, denen der Krieg alles genommen hat.

„Es sind die kleinen Details, die die großen Geschichten schreiben“, sagt der irakisch-belgische Regisseur Mokhallad Rasem. Für seine aktuelle Theaterperformance „Mother Song“ ist er einen Monat lang durch den Nahen Osten gereist und hat Interviews geführt. Der junge Theatermacher wollte die Geschichten von Frauen einfangen, die im Krieg Kinder, Ehemänner und ihre Lebensgrundlage verloren haben. Er ist überzeugt: Die Wahrheit zu suchen und sie den Menschen zu zeigen, liege in der Verantwortung eines jeden Künstlers.

Bild: Dries Segers

Du bist der erste Iraker, den ich kennenlerne. Was macht euch und eure Kultur denn aus?
Wirklich, der erste? Also wir machen sehr, sehr viel gutes Essen. (lacht)

Seit einigen Jahren lebst du in Belgien. Warum bist du nach Antwerpen gezogen?
Nach meiner Arbeit am irakischen Nationaltheater habe ich 2005 an einem Projekt in Berlin mitgearbeitet. Die Situation im Irak der Nachkriegszeit war damals so gefährlich, dass meine Familie nach Syrien geflohen war. Auf ihr Anraten bin ich nach Belgien gezogen. Antwerpen und einige Theaterschaffende von dort kannte ich bereits. Trotzdem war es komisch, schließlich habe ich 24 Jahre lang mit dreizehn Leuten in einem Haus gelebt und war plötzlich alleine.

Wie steht es heute um den Krieg in deiner Heimat?
Die Situation ist etwas besser. Es gibt aber nach wie vor eine Menge offener Fragen und Probleme mit der Politik. Viele Menschen sind korrupt und nur noch einige wenige, vor allem junge Menschen, kämpfen darum, im Land zu bleiben und es wieder aufzubauen. Aber das braucht Zeit. Der Krieg hat alles zerstört.

Wir alle stammen von Frauen ab.

Für das Theaterprojekt „Mother Song“ bist du im vergangenen Winter für einen Monat in den Nahen Osten zurückgekehrt. Was war das für ein Gefühl?
Viele Menschen haben mich für verrückt erklärt, in dieser Zeit in den Nahen Osten zu reisen. Ich habe das Risiko aber auf mich genommen, um mit den Menschen dort zu sprechen. Am Ende war es ein Abenteuer. Man weiß dort nie, ob man lebend wieder nach Hause kommt. Und wenn man den Krieg nachts so nahe hört, kann es auch mal richtig gruselig werden. Aber ich stamme aus der Generation der drei Kriege. Der Krieg macht mir nichts mehr aus.

Von Bagdad reiste Mokhallad das erste Mal in seinem Leben ins syrische Damaskus, dann nach Aleppo und in den Libanon. Mit seinem Aufnahmegerät fing er Stimmen verschiedenster Frauen ein. Er lernte ihre Rituale kennen, begleitete sie an die Gräber und besuchte ihre zerbombten Häuser.

Warum wolltest du unbedingt die Geschichten der Frauen und nicht die der Männer hören?
Wir alle stammen von Frauen ab. Die Frauen sind für mich wie die Erde, wie ein Land, der Himmel oder das Leben. Das alles kann „Mutter“ bedeuten. Doch was bedeutet „Mutter“ in einer Zeit wie unserer? Diese Frage hat mich getrieben. „Mother Song“ ist ein Projekt über die Energie von Frauen. Ich wollte ihre Geduld und ihre Gefühle auf die Bühne bringen und ihnen eine Stimme geben.

Du hast dich dabei auf die Frauen konzentriert, die alles in ihrem Leben verloren haben. Warum?
Ich war neugierig. Ich wollte zu diesen Frauen reisen und mit ihnen sprechen, weil sie sonst niemand hört. Ich wollte ihre Geschichte nach Europa bringen. Das ist die Verantwortung von uns Künstlern. Wir müssen nach der Wahrheit suchen und sie den Menschen zeigen.

Machst du deshalb Theater?
Ich will Sachen entdecken und das Hässliche auf der Bühne in etwas Schönes verwandeln. Die Menschen sollen dadurch ihre Sichtweise verändern. Dieses Mal habe ich so viele zerstörte Teile zusammengeklebt und es ist wieder etwas Schönes dabei heraus gekommen. Von außen sieht man die Bruchstellen am Ende noch und erinnert sich daran, das Schöne nie wieder zu zerbrechen.

Wie hast du denn die Frauen gefunden, die dir ihre Geschichten erzählt haben?
Ich bin einfach gereist und habe mit allen möglichen Frauen gesprochen. Viele hatten Angst vor mir, aber ich hatte auch viele Begegnungen, die mich geprägt haben.

Wenn Krieg herrscht, finden die Menschen zueinander.

Kannst du uns an einer Episode teilhaben lassen?
Als ich das Grab meines Vaters besuchte, traf ich eine alte Frau, die eine Blume ans Grab ihres Mannes brachte – ein Ritual, das sie seit dreizehn Jahren jeden Tag wiederholt. Den Blumenstock hat ihr Mann vor seinem Tod im Garten gepflanzt, nun will sie ihm etwas davon zurückgeben, jeden  einzelnen Tag.Eine andere Frau saß in einem Zelt, weil sie kein Haus und keine Familie mehr hat. Was sie in diesem Moment vermisste, war eine Wand, an die sie sich lehnen konnte. Alles in dem Zelt war so zerbrechlich, ihr fehlte der Widerstand. Es sind diese kleinen Details, die so viel aussagen.

Was hat der Verlust mit den Frauen gemacht?
Ich wollte mit den Frauen über die Zukunft sprechen, aber viele hatten den Schlüssel für die Zukunft noch nicht gefunden. Das vergangene Leben ist wie ein Schleier, der über den Frauen liegt. Den müssen sie erst ablegen und sich wieder rein waschen. Das braucht Zeit. Aber sie sind alle sehr stark und geduldig. Und ich wundere mich immer, wo sie diese Kraft hernehmen.

Gibt es noch Hoffnung für die Frauen?
Ja, sehr große sogar. Ich hatte das Gefühl, die Frauen seien wie der Morgen. Sie brauchen noch etwas Zeit, um aufzuwachen und die Nacht zu vergessen. Und währenddessen sprechen, weinen, träumen und singen sie gemeinsam. Melodien bringen Erinnerungen mit sich. Sie erinnern an die Familie, an Orte und schöne Momente in der Vergangenheit. Das ist die Energie des Lebens. Wir können jeden Tag und zu jeder Zeit wieder von vorne beginnen.

Neben Bild- und Tonaufnahmen der Frauen hast du auch Texte von Euripides mit in dein Stück aufgenommen. Darin spricht er über das Leid der troianischen Frauen nach dem Krieg ...
Ich war schockiert, als ich realisierte, dass die Realität die Vergangenheit wiederholt. Wir sind Menschen aus der Geschichte. Manchmal glaube ich nicht daran, dass wir wirklich im Jetzt leben, weil das Jetzt der Vergangenheit so ähnelt. Alles ist so zerbrechlich – es kann in einem einzigen Moment zerstört werden. Die Menschen müssen verstehen, warum Krieg überhaupt erst passiert.

Was bedeutet Krieg denn für dich?
Der Krieg bringt viel Intimität mit sich. Wenn Krieg herrscht, finden die Menschen zueinander. Ich erinnere mich daran, wie unser Vater während des Krieges wollte, dass wir alle in einem Raum schlafen. So würden wir – falls etwas passiert – gemeinsam sterben. Das ist schmerzhaft, aber gleichzeitig poetisch. Wir brauchen uns gegenseitig in diesem Leben. Ich stelle mir das immer wieder wie einen Kreis vor, in dem wir alle miteinander verbunden sind. Der Krieg kennt diesen Kreis jedoch nicht und zerstört ihn ohne Rücksicht.

Denkst du, dass der Krieg jemals ein Ende finden wird?
Ja, wenn wir lernen zuzuhören, zu verstehen und mitzufühlen wird er aufhören. Die Frage aber bleibt: Warum machen wir überhaupt Krieg? 

 

Vorstellungstermine:
Mittwoch, 4. April 2018, 20:00 Uhr – Stadttheater Bozen, Studio

Donnerstag, 5. April 2018, 20:00 Uhr* – Stadttheater Bozen, Studio

Freitag, 6. April 2018, 20:00 Uhr** – Stadttheater Bozen, Studio

Samstag, 7. April 2018, 20:00 Uhr – Stadttheater Bozen, Studio

Sonntag, 8. April 2018, 18:00 Uhr – Stadttheater Bozen, Studio

* Stückeinführung mit der Dramaturgin Ina Tartler: Do, 05.04.2018, 19:15 Uhr
** Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung, ca. 21:15 Uhr

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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