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Die Seilbrüder

Sie sind die neuen Sterne am Kletterhimmel. Martin und Florian Riegler über Toilettengänge auf Fünftausendern und den Instinkt am Berg.

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Bild: Lisa Kager

Junge, ruhige Gemüter, getrieben von der Lust am Extremen. Das sind die Riegler Brothers. So nennen sich die Frangartner Brüder Martin und Florian. Sie sind die vielleicht bekanntesten Extremsportler unseres Landes. Expeditionen, Erstbegehungen und Eiskletter-Routen gehören zu ihren Spezialitäten. Unter dem Motto „always climbing“ scheuen sie keine Herausforderung. Klettern ist ihre Lebenseinstellung. Der Berg ihre Leidenschaft. Bei einem guten Apfel von Florians Apfelbäumen und einer heißen Tasse Tee erzählen sie von den Erfahrungen auf ihren Touren.

Hans Kammerlander und Reinhold Messner bezeichnen euch als die Erben ihrer Generation: Wie seht ihr euch?
Florian: Uns als ihre Nachfolger zu bezeichnen ist vielleicht leicht übertrieben. Kammerlander und Messner sind Vollprofis und haben von ihrer Passion gelebt, wir sind eher Halbprofis und haben beide unsere Jobs. Ich bin Bauer und Martin Architekt. Der Vergleich hinkt also. Eins ist aber trotzdem sicher: die Leidenschaft für den Felsen teilen wir.
Martin: Und auch, dass wir wie sie immer dazu bereit sind, neue Wege auszuprobieren, neue Sachen zu machen.

Viele Kinder mögen es nicht, mit den Eltern auf den Berg zu gehen. Wie war das bei euch?
Florian: Unsere Leidenschaft haben wir sicher unseren Eltern zu verdanken. Sie sind extrem sportlich. Als Kinder waren wir eigentlich jedes Wochenende auf dem Berg. Mit 13 und 15 Jahren haben wir dann mit dem Sportklettern begonnen. Das war damals wie Snowboarden oder Skaten: einfach cool.
Martin: Ich wollte schon immer etwas anderes machen als alle anderen. Alle haben Fußball gespielt, während ich mir in meiner Garage meine eigenen Tourenskier gebastelt habe. Damals gab es ja noch keine. Und so war es dann auch mit dem Klettern.
Florian: Auch mit der Musik hätten wir weitermachen können. Wir waren nämlich beide bei der Musikkapelle: Ich habe Trompete gespielt, Martin Klarinette und Saxophon. Aber irgendwann hat man es satt, im Gleichschritt zu marschieren.
Martin: Dafür sind wir zu individuell, zu eigenbrötlerisch. Das machen, was andere sagen, ist nichts für uns.

Und was sagt die Mama, wenn ihr so hoch oben unterwegs seid?
Martin: Anfangs haben wir unsere Touren immer klammheimlich gestartet. Als wir dann zu Hause davon erzählt haben, war es sowieso schon zu spät.
Florian: Unsere Eltern waren da auch nicht anders. Wir sind schon als kleine Kinder mit ihnen auf Gletscher gegangen und durch Gewitter gewandert. Dass wir so etwas machen, war nur die logische Schlussfolgerung.

War der Übergang vom normalen Klettern zum Extremklettern auch eine logische Schlussfolgerung?
Martin: Bestimmt. Zuerst durfte Florian bei den schwierigeren Sachen noch nicht mit, weil er ja der Jüngere ist. Aber etwas später waren wir dann DIE Seilschaft. Ausflüge mit dem Fahrrad nach Kurtatsch oder mit dem Scooter zur Marmolada zum Klettern standen auf der Tagesordnung.
Florian: Unsere Eltern waren froh, dass Partys, Rauchen und sonstiger Blödsinn uns schon bald nicht mehr interessierten und haben uns in allem unterstützt, was wir vorhatten.
Martin: Sie haben uns nie gestoppt, sowas muss man schätzen. Natürlich durften wir auch ausgehen. Ich hatte aber mit 16 schon die Nase voll davon. Andere haben erst mit 20 damit begonnen. Da war ich dann schon über alle Berge (lacht).

Was war euer erster Erstbestieg?
Florian: Den ersten haben wir 2004 gemacht.
Martin: Der Zwergenkönig an der Rotwand. Uns haben Erstbegehungen schon immer interessiert. Irgendwann hatten wir das Niveau und dann ging's los. Das war wieder einmal die logische Steigerung: Die Wandlung vom Kletterer zum Erstbegeher. Drei Sommer haben wir daran gefeilt. 25 Tage haben wir schlussendlich gebraucht und viel Zeit investiert. Ich hatte gerade die Matura hinter mir, habe den ganzen Sommer gearbeitet, um mir ein paar Nägel zu kaufen, die ich dann in eine Wand geschlagen habe. Irgendwie total absurd.
Mit drei und fünf Jahren war genau dieser Berg unser erster größerer Gipfel. Wir waren da oben zu Hause. Unsere Eltern hatten eine Hütte und wir haben mit ihnen unsere ganzen Sommer oben verbracht. Genau 20 Jahre später folgte dann die Erstbegehung.
Florian: Wir waren noch nicht so erfahren, hatten Angst. Dieser Berg hat uns am meisten Zeit gekostet und ist dafür bis heute das Größte geblieben. Auch wenn wir jetzt schon Größeres gemacht haben.
Martin: Damals war die Wand viel größer und wir einfach kleiner.

Etwas vom Größten war wahrscheinlich die Erstbegehung Kako Peak (4.900 m). Wie ist das, als Erster den Gipfel eines Berges zu sehen? Fühlt man sich da wie Neil Armstrong auf dem Mond?
Florian: Wie auf dem Mond vielleicht nicht. Berge gibt es ja viele, aber den Mond gibt es nur einmal. Aber es ist schon cool. Man hat eine Idee, eine Vision und mit Anstrengung erreicht man dann sein Ziel. Bei einer Erstbegehung ist alles unbekannt, alles viel mühsamer, man hängt tagelang in der Wand. Irgendwie ist das dann am Ende dein Baby.
Martin: Aber in dem Moment, in dem man oben steht, realisiert man das gar nicht.

Gibt es da dann ein Gipfelbussi?
(lachen) Martin: Mhhhh ... Nein, Bussi gibt es keines.
Florian: Wenn wir Zeit haben, schlagen wir ein. In Pakistan zum Beispiel waren wir keine halbe Minute am Gipfel.
Martin: Ich habe mit einer Hand den letzten Nagel geschlagen, mit der anderen ihn gesichert, dann schnell ein Foto geknipst und schon musste es wieder runter gehen. Es war schon sechs Uhr abends und wir mussten uns noch ein paar Meter abseilen.
Florian: Auf der Rotwand hingegen haben wir den Sonnenuntergang genossen und danach mit Mamas Kuchen gefeiert.
Martin: Beim Klettern ist aber nicht der Gipfel das Ziel, sondern die Route. Auf dem Gipfel ist es meistens eh schon finster. Das Gipfelkreuz interessiert uns eigentlich nicht so.
Florian: Da war dann eh schon einer oben (lacht).

Was interessiert euch an der ganzen Kletterei, woher nehmt ihr die mentale Kraft dafür?
Florian: An einer Wand kann man sich entfalten, an seine Grenzen gehen und alles einsetzen, was man je gelernt hat. Wenn man in der Wand ist, gibt es nichts anderes. Da fühlt man sich so lebendig, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich sehe es seit kurzem an meinen Kindern. Wenn ich die beobachte, stelle ich fest, dass sie überall hoch wollen. Sie wollen sich bewegen, Neues entdecken. Das ist ein Urtrieb. Beim Klettern ist es dasselbe. Man sieht den Berg und will hoch. Das ist nicht wie beim Fußball, wo man denken muss, unlogische Sachen machen: einen runden Ball in eckige Tore schießen, Regeln einhalten. Das Prinzip beim Klettern ist einfach – hochkommen. Und genau das interessiert mich.
Martin: Und das Ziel ist einfach evident. Man will da hoch. Vor einem ist der Berg. Was zu tun ist, ist klar. Wenn man nur ziellos vor sich hinlebt, nicht zufrieden ist, ist mentale Kraft schwierig zu finden. Wir haben ja ein Ziel und wissen, wo wir hinwollen.

Ist es dabei von Vorteil oder Nachteil, dass ihr Brüder seid?
Florian: Wir sind vom Niveau her gleich, wir ticken ungefähr gleich. Wir haben die letzten Jahre zwar getrennt trainiert, aber bei den Expeditionen und Erstbegehungen war man dann immer froh, den anderen zu treffen und bei sich zu haben. Ein Bruder ist einfach unersetzbar. Man hat blindes Vertrauen. Und es gibt rein praktisch gedacht einfach auch wenige, die so etwas machen. Wer hängt schon 25 Tage freiwillig an einer Wand und riskiert sein Leben?
Martin: Das stimmt. Oft haben wir an einem Tag dann nur zehn Meter geschafft. Aber mich interessiert es nicht, am Sonntag eine schöne Gipfeltour zu machen, genauso wenig wie das den Florian interessiert. Uns war Sonntagskletterer zu sein immer zu wenig.
Florian: Wir wollen einfach auf unsere Art dann zufrieden sein miteinander. Ich weiß, was der Martin kann und ich weiß auch, dass wenn er total am Ende ist, da irgendwo immer noch Kraft schlummert. Er kann das sogar im Schlaf machen.
Martin: Und vor allem ist einem vor einem Bruder auch nichts zu blöd.

Gibt es die Angst am Berg aber trotz perfektem Partner noch?
Florian: Ja klar. Wenn ich oben hänge, habe ich Angst. Sobald ich unten stehe, will ich sofort wieder hoch.
Martin: Ich würde eher sagen Respekt. Den sollte man sich aber behalten, denn sobald man den verliert, ist man weg.

Riskiert man trotzdem schon einmal?
Florian: Wir waren nie Kamikaze.
Martin: Wir überlegen immer gut, sind auch oft umgekehrt. Aber wir hatten auch viel Glück. Wahrscheinlich haben wir 50 Prozent von dem, was wir probiert haben, nicht geschafft. Wir müssen und wollen nichts auf Druck erreichen.
Florian: Wir müssen niemandem etwas beweisen, sind zufrieden mit unseren Leistungen und Sponsoren. Wenn nicht, gibt es auch anderes.

Welches war euer schlimmstes Erlebnis?
Martin: Es gibt viele ungute Situationen. Zum Beispiel haben wir einmal in Kanada ein Gewitter mit Kugelblitzen miterlebt. Da hab ich in meinem Zelt nur noch gebetet. Da ist man total ausgeliefert. Schrecklich, machtlos zu sein.
Florian: Eigentlich hatten wir immer Glück. Ich hatte ein paar Sportverletzungen und bin eine Woche wegen Erfrierungen im Krankenhaus gelegen. Martin ist einmal ein Stückchen abgestürzt (lacht). Aber es gab in unserem nahen Kletterumfeld nie einen Todesfall. Eine Erfrierung ist noch lange kein Absturz. Ich musste nie um mein Leben bangen.
Martin: Wir haben durch unsere Erfahrung von Kindheit an vielleicht auch schon einen gewissen Instinkt für den Berg mitbekommen. Wenn man als Kind zehn Stunden ohne Wasser wandert, lernt man einfach, damit umzugehen. Auch wenn wir total am Ende sind, ist da immer noch etwas drin. Und aufgeben gibt es bei uns sowieso nicht.

Wenn ich das Foto sehe, auf dem ihr in Schlafsäcken in der Wand hängt, bekomme ich Gänsehaut. Was träumt man an so einem Ort?
Florian: Da träumt man nicht. Man schläft ja nicht. Man wartet nur, bis es hell wird. Am liebsten wäre es einem selbst, es gäbe die Nacht nicht. Aber schlafen ist nicht das Problem. Das gefährliche ist der Toilettengang. Wenn man auf fünftausend Metern piseln muss, ist das nicht so einfach.

An welchen Berg werdet ihr eure Schlafsäcke als nächstes hängen?
Martin: In den Dolomiten haben wir noch ein paar Sachen abzuhaken.
Florian: Eine Erstbegehung im Langental ist das nächste Ziel. Diese ist zwar bereits gemacht, aber die schwierigste Seillänge, eine Zimmerdecke, sind wir noch nicht geklettert. So etwas Schwieriges in der Höhe haben wir noch nie gemacht.
Martin: Auf längere Sicht planen wir auch wieder Expeditionen. Ziele gibt es genug.
Florian: Ja, die Welt ist so groß und wir wollen noch viel sehen: Nepal, Tibet und Venezuela reizen uns sehr. Patagonien interessiert uns nicht, da sind zur Zeit zu viele unterwegs.
Martin: Die Herausforderung an Orten, wo nicht bereits Hunderte vor uns waren, reizt uns. Wir müssen einfach schauen, unseren Weg zu gehen.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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