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Regisseurin Emma Mulser

Die Sehnsüchte der Rosinen

Zwei Rosinen auf der Suche nach sich selbst: Über die Sehnsüchte und die Verantwortung ihrer Generation schreibt Regisseurin Emma Mulser in ihren Theaterstücken.

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Bild: Benedikt Troi

Zwei als Rosinen verkleidete junge Frauen sprechen über Adolf Hitler und Donald Trump. Sie wissen nicht, wo sie sind, was sie wollen oder wer sie sind. Sie sind Gescheiterte, die Halt suchen. Sie sind die Protagonistinnen im Theaterstück „Rosine zu Rosine“, das nach einem Schiffsbruch spielt. Ziellos treiben die beiden Rosinen auf einem Floß über das weite Meer. Theaterautorin Emma Mulser, 21 Jahre alt, nimmt ihr Publikum mit in die Gedankenwelt junger Menschen. 

Mulser schreibt ihre Stücke nicht nur selbst, sondern führt auch Regie und inszeniert sie. Vergangenen Sommer brachte sie ihr drittes Stück „Rosine zu Rosine“ mit dem Theaterpädagogischen Zentrum Brixen auf die Südtiroler Bühnen. Ihr erstes Theaterstück entstand als Maturaprojekt am Kunstgymnasium in Bozen. Nach der Matura studierte sie in München Theaterwissenschaft. Da ihr das Lampenfieber und die Bühne fehlten, setzte sie ein Stück für das Rotierende Theater in Südtirol um. Im Interview spricht sie über ihr aktuellstes Stück und darüber, was sie am Theater und Schreiben fasziniert. 

Welche Theaterstücke hast du bereits geschrieben und umgesetzt?
Auf dem Kunstgymnasium in Bozen durften wir bei der Matura eine Projektarbeit abgeben. Meine war das Theaterstück „Holzmann“. Ich schrieb das Drehbuch selbst und brachte das Stück gemeinsam mit zwei Freunden auf die Bühne. Im Stück sprechen zwei Soldaten nach dem Sieg eines fiktionalen Krieges über Freiheit, Schuld und Homosexualität. Mein zweites Stück heißt „Marceau & Mathilde“, das wir mit dem Rotierenden Theater in Südtirol aufführten. Es handelt von einem inneren Monolog einer Transgender-Person. Mein letztes Stück war „Rosine zu Rosine“. 

Bild: Benedikt Troi

Stehen die beiden Rosinen in „Rosine zu Rosine“ für die junge Generation?
Definitiv. Als Teil der jungen Generation habe ich in diesem Drehbuch meine innere Reflexion miteinfließen lassen. Ich beschreibe darin den Raum, in dem wir uns gerade auf der Welt befinden. Ich schrieb das Stück letzten Frühling, während des Lockdowns. Daher hat auch Corona seine Spuren hinterlassen. In dieser Zeit spürte ich die Relativität von allem. Wenn allgegenwärtige Strukturen plötzlich wegfallen, wird man auf sich zurückgeworfen und sucht nach Orientierung. 

Wieso sind die Protagonistinnen des Theaterstücks zwei Rosinen?
Rosinen sind etwas verschrumpelt und schmecken süß. Sie stellen einen menschlichen Zustand dar, in dem du nicht genau weißt, wer du bist. Die Rosine symbolisiert einen Menschen, der etwas formlos ist und nicht weiß, wohin er gehört. Diese Suche findet besonders bei jungen Menschen statt, obwohl sie im weiteren Leben nie abgeschlossen ist. 

In ihrem Gespräch reißen die Rosinen viele gesellschaftspolitische Themen, ohne konkret zu werden. Was steckt dahinter?
Im Stück kommt immer wieder eine Kinderstimme vor, die auf das Thema Verantwortung hinweisen soll. Wir als junge Generation haben von den vorigen Generationen viel mitbekommen und dürfen nun entscheiden, was wir übernehmen und fortführen und was nicht. Wollen wir Verantwortung für die nächsten Generationen übernehmen oder sind sie uns egal?

Wie gehen die Protagonistinnen mit dieser Frage um?
Die beiden Protagonistinnen treiben in einem leeren Raum. Man spürt ihre Unsicherheit. Müssen wir Verantwortung für unsere Geschichte übernehmen? Was fangen wir mit unserer Welt an? Mit diesen Fragen beschäftigen sie sich. Dabei testen sie aus, wie sehr sie voneinander abhängen, aber auch wie sehr sie die Zeit mit sich selbst brauchen. 

Emma Mulser, Rosine zu Rosine (UA 22.08.2020, TPZ Brixen), Auszug aus Szene IX: 

(noch wer flutet währenddessen das floß.)

NOCH WER:
ardi, wo bleibst du? Donald ist immer noch first, wenn du nicht bald –

JMND:
great personality. great personality.

NOCH WER:
Und das passt ja gar nicht zu ihm. weil der erste mensch, der sollte schon mit A. weil der steht ja am anfang. und dann macht das schon also. und vielleicht ist er, also der donald, ja deshalb so. also weil er vielleicht hat er ja einen komplex. so einen D-komplex.

JMND:
the D-complex. is that a thing, Donald, do you have a problem with your D? that is no cause for alarm. no worries. there is no problem. we can easily solve this problem. it´s the simplest thing in the word. we´ll just find you a new name. a new first name, ja? 
How does that sound? hm, we´ll have to choose a name, that is first on every list. 
no – 
Oh... you don’t want to change. but you - oh. ja. of course. we can also change the AAAlphabet. the AAAAlphabet.
Jaja. jaja. we can do that. we´ll put the D first. 
bravo.

NOCH WER:
Wer war der erste mensch? adolf ist braun. donald orange. bist du aus lehm? hast du eva gemacht? 

JMND:
Oder melania? das war teuer.

Wieso sprechen die Protagonistinnen so viel über Adolf Hitler und Donald Trump?
Durch die Thematisierung von Adolf Hitler und Donald Trump weist das Stück auf die Gefahr hin, dass alles wiederkehren kann. Wir brauchen uns nicht die schlimme Vergangenheit anzusehen, um zu erkennen, dass es Veränderung braucht. Die im Theaterstück thematisierte Selbstverherrlichung von Adolf Hitler und Donald Trump zeigt die Gefahr auf, sich selbst immer an die erste Stelle zu setzen. Das Theaterstück lenkt davon auf die Frage, wie sich der Mensch einordnen kann. 

Bild: Benedikt Troi

Wie würdest du die Stimmung der jungen Generation beschreiben?
Es ist ein Umbruch in der gesamten Gesellschaft spürbar. Wir stellen uns nicht darauf ein, dass alles weitergehen wird wie bisher. Durch die Erfahrungen von Fridays for Future und der aktuellen Corona-Situation spüre ich eine Kraft und einen Willen der jungen Menschen, etwas zu verändern und sich zu engagieren. Dabei ist es wichtig für uns zu wissen, dass wir nicht allein sind. Wir brauchen die Nähe – das zeigt sich auch im Theaterstück in der Beziehung zwischen den beiden Rosinen. Wir brauchen die Berührung, die uns in der Zeit des Lockdowns fehlt. 

„Rosine zu Rosine“ liefert kein Happy End. Wieso?
Am Ende des Stücks ufert alles in die Sinnlosigkeit aus. Die Revolution bleibt aus. Ich wollte keine Blase aufmachen, in welcher diese großen und existenziellen Fragen sich magisch zu lösen scheinen. Im Frühling gab es zu Beginn des Lockdowns eine Welle der Hoffnung auf einen Wandel der Gesellschaft, auf mehr Solidarität, Umweltschutz, Gemeinschaft. Es gab diesen Drang nach Veränderung. Ich glaube, dass die Rückkehr zum normalen Alltag nach Corona dazu führt, dass die Menschen wieder mehr mit sich selbst beschäftigt sind. Sie kehren ins eigene Epizentrum zurück. Das hat sicher auch seine Berechtigung. Ich wollte mein Stück bloß nicht als Lösung, als abgeschlossenen Diskurs in den Raum stellen. Ich wollte Fragen zurücklassen, an denen man sich immer wieder abarbeiten kann und wird – wie die Rosinen im Stück.

Warum schreibst du und was fasziniert dich am Theater?
Ich fand es immer schon toll, mit Worten zu spielen und war begeistert davon, wie viel man mit Lyrik und Prosa ausdrücken kann – nämlich so viel mehr, als tatsächlich gedruckt geschrieben steht. Gedanken und Gefühle zu verschriftlichen, sie zu konservieren, genau in dem Moment, in dem sie entstehen – das finde ich wahnsinnig interessant. Mich fasziniert diese Lebendigkeit, die Texten innewohnt und diese Nähe zu einem als Leserin und Leser: der Text gehört einem immer selbst. Ob man ihn schreibt oder liest, er verändert sich mit jeder und jedem, der oder die ihn liest, hört und wahrnimmt. Wenn ich einen Text schreibe, weiß ich nicht, ob er auf der Bühne funktioniert. Er ist im ersten Schritt die Niederschrift meiner Gedanken. Erst im zweiten Schritt, wenn ich ihn mit anderen teile, sehe ich, wie meine Gedanken und meine Wort-Baugerüste funktionieren. Im Probenprozess darüber zu diskutieren ist wahnsinnig spannend. Sobald der Text auf der Bühne für das Publikum freigegeben wird, ist er nicht mehr mein erster Gedankentext. Dann ist da so viel mehr, dann regt er vielleicht an, vielleicht auf. Das Theater ist so viel mehr als ein Text. Das fasziniert mich so daran.

Sind denn weitere Themen und Stücke geplant?
Ich hoffe, dass noch viele weitere Stücke kommen werden, aber ich freue mich auch darauf, Texte und Stücke zu inszenieren, welche ich nicht selbst geschrieben habe. Die aktuelle Situation lässt nicht viel künstlerisches Schaffen zu. Ich bin aber zuversichtlich und hoffe, dass in diesem Jahr noch viel Spannendes auf uns zukommt. Bis dahin werde ich im besten Falle den ein oder anderen Gedanken zu Papier gebracht haben.

Anna Luther

faszinieren Menschen mit Idealismus. Lesestoff und Kuchen sind für sie wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen des Lebens.
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