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Die im Regen stehen

Menschen mit fremdklingenden Namen haben es schwer in Südtirol: bei der Suche nach Arbeit genauso wie beim Finden einer Wohnung.

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Bild: Georg Hofer

Dicke Regentropfen trommeln auf das Kopfsteinpflaster. Der 50-jährige Faruk Brahimi rückt seinen Stuhl unter die Markise und schlingt die Arme eng um seinen Körper. Der Himmel über Brixen droht mit grellen Blitzen und grollendem Donner. Eigentlich heißt Faruk Brahimi gar nicht so. Seinen wirklichen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Zu groß ist die Angst vor Anfeindungen. Er ist vorsichtiger geworden, skeptisch gegenüber anderen Menschen.

„Manche Leute sagen frei heraus, dass sie nur an Einheimische vermieten würden, andere drucksen herum und erzählen, dass die Wohnung bereits vermietet worden sei, auch wenn sie erst vor wenigen Stunden inseriert wurde“, sagt Brahimi.

Brahimi verließ Anfang der Neunzigerjahre Algerien, seine Heimat, auf der Suche nach einem besseren Leben. Seine Vorstellung scheiterte an der Realität. „Ich wollte nie besser behandelt werden als andere Menschen“, sagt er immer und immer wieder. Er will nur gleichbehandelt werden. Mittlerweile arbeitet er als Mechaniker, eine eigene Wohnung hat er nicht. Seit etlichen Monaten wühlt er sich durch Annoncen, telefoniert mit Vermietern. Umsonst. „Manche Leute sagen frei heraus, dass sie nur an Einheimische vermieten würden, andere drucksen herum und erzählen, dass die Wohnung bereits vermietet worden sei, auch wenn sie erst vor wenigen Stunden inseriert wurde“, sagt er und gestikuliert dabei wild mit seinen Händen. Er ist sauer, weil er nicht als der Mensch, der er ist, wahrgenommen, sondern auf sein Aussehen, seine Herkunft reduziert wird: „Ich lebe seit vielen Jahren hier, ich spreche die Sprache, ich arbeite, ich bin anständig. Was soll ich noch machen, um akzeptiert zu werden?“

Momentan hat er ein Zimmer in einer Pension. Sechs Quadratmeter. 330 Euro Monatsmiete. Er würde gerne seine Frau und die zwei Kinder, die in Algerien leben, hierherholen. „Aber ohne Wohnung klappt das nicht“, sagt Brahimi.

Ein Freund von ihm, Abdel Halliche, 48 Jahre alt, ebenfalls Algerier, gesellt sich dazu, nippt an einem Glas Wasser. Auch er möchte anonym bleiben. Im Gegensatz zu Brahimi findet er weder eine Wohnung noch eine Arbeit. „Auch wenn ich gerne hier bin, ist es schwierig, damit zurechtzukommen, wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden“, sagt er. Er kratzt sich fahrig am Arm, sein Blick ist starr auf die Tischplatte gerichtet. „Es läuft immer auf dieselbe Art und Weise ab“, sagt Halliche, „ich sehe eine Annonce, rufe an und werde abgewimmelt.“

Daniela Cavagna, 53 Jahre alt, Lehrerin, erzählt eine ähnliche Geschichte: Eine sizilianische Arbeitskollegin von ihr sah sich nach einer Wohnung um und meldete sich auf eine Annonce in der Tageszeitung „Dolomiten“. Sie nannte ihren Namen, sagte, dass sie eine Festanstellung habe und an der Wohnung interessiert sei – auf Italienisch. Die Vermieterin brach das Gespräch ab, die Wohnung sei bereits vermietet. „Als ich kurze Zeit später anrief und Deutsch mit ihr sprach, war die Wohnung doch noch zu haben“, erzählt Cavagna.

Weder die sizilianische Arbeitskollegin vom Cavagna noch Faruk Brahimi oder Abdel Halliche wehrten sich gegen die offensichtliche Diskriminierung. Das würde ohnehin nichts bringen, urteilt Halliche, auch wenn das Recht auf seiner Seite stünde.

Rudi Benedikter, Rechtsanwalt

Bild: Rudi Benedikter

„Das Gesetz ist eindeutig“, sagt Anwalt Rudi Benedikter. Er spricht ruhig, verweist auf das Recht auf Nicht-Diskriminierung der Vereinten Nationen. Darin wurde festgelegt, dass niemand aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, aufgrund von nationaler oder sozialer Herkunft benachteiligt werden dürfe. Italien hat diesen internationalen Pakt 1978 ratifiziert. Und Benedikter verweist auf das Landesgesetz vom 28. Oktober 2011 Nr. 12 mit dem Titel „Integration ausländischer Bürgerinnen und Bürger“. Nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern auch im Land Südtirol, heißt es darin, müsse es eine Antidiskriminierungsstelle geben, eine Koordinierungsstelle, die Anzeigen entgegennimmt und diesen nachgeht.

„De facto macht sich aber selten jemand die Mühe, diskriminierende Annoncen anzuzeigen“, weiß Benedikter. Dabei werden in Tageszeitungen und Onlineportalen wie „Kleinanzeigen Südtirol“ immer wieder Annoncen mit diskriminierenden Formulierungen wie „nur Einheimische“ veröffentlicht. Rechtlich verantwortlich dafür sind nicht nur die Verfasser*innen der Anzeige, sondern auch Zeitungsherausgeber*innen und Betreiber*innen von Webseiten.

Yousaf Muhammad arbeitet als Mechaniker in Brixen

Bild: Angelika Aichner

Yousaf Muhammad, 23 Jahre alt, spaziert durch die Altstadt in Bozen Richtung Temple Bar, vorbei an zerschlissenen Wahlplakaten von CasaPound und der Südtiroler Freiheit. „Seit drei Wochen besitze ich die doppelte Staatsbürgerschaft, die italienische und die pakistanische“, erzählt er. Geboren wurde er in der Großstadt Gujrat, nahe der indischen Grenze. Seit seinem sechsten Lebensjahr lebt er in Südtirol. Sein Vater arbeitete auf Apfelplantagen, auf dem Bau, als Lkw-Fahrer; seine Mutter kümmerte sich um die beiden Söhne.

„Vielleicht sind die Leute in vier, fünf Jahren aufgeschlossener, als sie es jetzt sind“, sagt Yousaf Muhammad.

Muhammad ging hier zur Schule, spielte im Fußballverein, zog am Wochenende durch die Kneipen. Und trotzdem wurde ihm immer wieder signalisiert, dass er nicht wirklich dazugehört – besonders als er vor etwa sechs Jahren auf der Suche nach einer Lehrstelle war. Er habe an die vierzig, fünfzig Arbeitgeber kontaktiert: „Aber als ich am Telefon meinen Namen nannte, reagierten die meisten abweisend“, sagt Muhammad. Er begann damit, sich am Telefon als Josef vorzustellen, um seine Chancen auf ein Bewerbungsgespräch zu erhöhen. Irgendwann klappte es dann doch und er erhielt eine Lehrstelle als Mechaniker. Mittlerweile arbeitet er als Schichtleiter in der Autotest AG in der Nähe von Brixen.

Genauso wie die anderen wehrte Muhammad sich nicht gegen das diskriminierende Verhalten. „Eine Anzeige ohne Beweise wäre ohnehin nicht sehr erfolgsversprechend“, sagt Rudi Benedikter. Außerdem seien Mitschnitte von Gesprächen oder Telefonaten als Beweismittel nicht zulässig.

Yousaf Muhammad hat sich zurechtgefunden in einer Gesellschaft, die unterscheidet zwischen denen, die immer schon hier waren, und denen, die nicht hier geboren wurden. Er hat einen langen Atem: „Vielleicht sind die Leute in vier, fünf Jahren aufgeschlossener, als sie es jetzt sind“, sagt er und blickt über den Dominikanerplatz in den wolkenverhangenen Himmel. Aus dem Lautsprecher tönt irgendwie passend dazu „Purple Rain” von Prince.

Von Angelika Aichner

Der Text erschien erstmals in der 19. Ausgabe von „zebra.”, Juli 2016.

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