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Unterwegs mit dem Weißen Kreuz

Die Helden der Nacht

Beim Weißen Kreuz weiß man nie, was passieren wird: BARFUSS hat sich zum Nachtdienst gemeldet, persönliche Geschichten gehört und einen Notruf miterlebt.

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Bild: Thomas Tribus

Mit 30 Sektionen und einer Armee an freiwilligen und hauptberuflichen Mitarbeitern, die in Südtirol und im Belluno verteilt sind, gehört das Weiße Kreuz zu einem der größten Vereine Südtirols. Seit fast 50 Jahren leistet der Verein wichtige Arbeit auf dem Gebiet des Zivilschutzes und ist aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Die Nachtdienste werden dabei größtenteils von den ehrenamtlichen Mitarbeitern geleistet. Der Verein beschäftigt auch Festangestellte, die tagsüber über die Bevölkerung wachen. Das Fundament bilden aber die freiwilligen Mitarbeiter. BARFUSS hat sich beim Weißen Kreuz in Lana für einen Nachtdienst freiwillig gemeldet, um jene Personen kennenzulernen, die sich nach Feierabend noch einmal für die Gesellschaft einsetzen.

Wiedersehen in Lana

Es ist ein feuchter, kalter Freitagabend. Es herrscht kein Verkehr auf den Straßen. Ich biege auf den Parkplatz des Weißen Kreuzes Lana ein. Erinnerungen an vergangene Nachtdienste werden wach. Ich klingle an der Tür. Eine sympathische Frauenstimme schallt aus dem Lautsprecher. „Ach, hallo Thomas, na komm doch hoch", entgegnet sie und öffnet mir die Tür. Man kennt sich, ich war selbst einmal Teil des Ganzen. Ich betrete den Eingangsflur. Eine große Straßenkarte von Lana hängt an der Wand. Selbst der beste Sanitäter kann nicht alle Adressen im Kopf haben. Im Wohnbereich angekommen, werde ich von einem alten Bekannten begrüßt. Günther „Günne" Schweigel, Charakterkopf und Vizesektionsleiter hier in Lana steht im Gang. Wir quatschen über alte Zeiten, über vergangene Einsätze und scherzen ein wenig. Sogleich kommt Anita Mores, die gute Seele des Hauses, in den Raum. Dasselbe Spiel auch hier. Ich nehme den Geruch von selbst Gebackenem wahr. Ich betrete die Küche. Stefan Pircher und Andrea Kompatscher stehen am Herd. Die beiden sind ein Paar. Sie haben sich beim Weißen Kreuz kennengelernt und werden im Sommer heiraten.

Pizza und alte Geschichten

Es gibt Pizza zum Abendessen. Stefan erzählt von einem vergangenen Einsatz. Alle hören gespannt zu, später wird diskutiert. Nach dem Essen begibt sich Günne nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Ich folge ihm und nutze den privaten Moment, um ihn zu fragen, warum er sich eigentlich entschlossen hat, zum Weißen Kreuz zu gehen. „Ich war 13 als meine Großmutter auf der Straße plötzlich und unerwartet an einem Herzinfarkt verstarb. Ich war damals ganz in der Nähe. Ich habe den Rettungswagen noch beobachtet, als er weggefahren ist, und wollte ihm sogar folgen, aber das hätte mit dem Rad keinen Sinn gehabt. Am Sarg meiner Oma, die wie eine Mutter für mich war, schwor ich mir, einmal schneller zu sein, als jene Sanitäter, die meiner Großmutter zur Hilfe eilten. Auch wenn ich heute weiß, dass sie alles Menschenmögliche versucht haben, um ihr Leben zu retten". Er löscht seine Zigarette aus, wir gehen nach drinnen. Die RTW-Besatzung macht sich zur Autoinventur fertig. RTW steht in diesem Fall für Rettungstransportwagen, die Notfall-Krankenwagen also.

Es gibt gefühlte tausend Gegenstände, die in einem RTW bei einem Notfall jederzeit zum Einsatz kommen könnten. Aus diesem Grund wird bei jedem Schichtwechsel das Auto von oben bis unten abgecheckt. Von den Sauerstoffflaschen bis zu den Medikamentenkoffern gibt es nichts, was dem Zufall überlassen wird. Für Anfänger ist die Inventur besonders wichtig. Zum einen verlieren sie mögliche Berührungsängste und zum anderen wissen sie im Notfall, wo sich das benötigte Instrument befindet.

Bild: Thomas Tribus

Kodex Rot

Dann gehen die Funkgeräte los. Der Disponent der Notrufzentrale teilt über Funk mit, dass eine bewusstlose Person auf der Straße gefunden wurde. Nun wird es hektisch. Der Einsatz ist mit „Rot" klassifiziert, der höchsten Alarmstufe des Landesrettungsvereines. Eine Person befindet sich also in direkter Lebensgefahr. „Schnall dich besser an", rät mir Stefan im Rettungswagen. Wir rasen mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit durch die Nacht. Als wir am Einsatzort ankommen, liegt der Patient lehrbuchkorrekt in der stabilen Seitenlage. Vom Augenzeugen keine Spur. Ich beobachte die Geschehnisse. Es geht alles sehr schnell, aber koordiniert. Anita übernimmt den Patienten, während Andrea die Instrumente herrichtet und Stefan Korrespondenz mit der Landesnotrufzentrale hält. Der junge Mann scheint nicht verletzt. „Hallo, kannst du mich hören?", brüllt die Sanitäterin den Patienten an. Dieser stammelt etwas Unverständliches. Nachdem er auf mögliche Verletzungen untersucht wurde, wird er auf die Liege umgelagert. „Wie geht es ihm?", frage ich Anita. „Der Gute hat ziemlich getrunken, man kann davon ausgehen, dass auch noch andere Substanzen im Spiel waren", erklärt sie mir. Stefan schaut noch einmal durch das Fenster, das den Patientenraum vom Fahrerraum trennt, um zu schauen ob alle fahrbereit sind, und schon geht es los in Richtung Krankenhaus.

Vom Sanitäter zum Geburtshelfer

Als wir wieder in der Stelle ankommen, liegen Günne und Peter, die beiden KTW-Besatzungsmitglieder (KTW steht hier für Krankentransportwagen) auf der Couch. Das Wohnzimmer ist mit einem großen LCD-Bildschirm ausgestattet. Man will es ja auch gemütlich haben, in den langen Nächten beim Weißen Kreuz. Nach zehn Minuten läutet das Telefon. Es ist die Zentrale. Ein Patient muss von Meran in den Vinschgau gefahren werden. Während des Transports komme ich mit Günne ins Gespräch: „Gibt es eigentlich einen Einsatz, der dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?", frage ich. „Ja, den gibt es wirklich. Ich war damals zufällig mit einer freiwilligen Helferin außerdienstlich auf der Stelle. Es läutete an der Tür. Der Mann an der Tür sagte mir, dass seine schwangere Frau im Auto sitze und ihr Kind bekomme. Alles ging rasend schnell. Wir haben die Frau in den Krankenwagen gelegt und nach zwei Minuten kam das Kind dann auf die Welt." antwortet er. „Es gibt aber noch einen Einsatz, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist. Es war das Versprechen, das ich meiner Großmutter gab. Ich konnte es vor zehn Jahren erfüllen und habe damals meine erste erfolgreiche Reanimation hinter mich gebracht. Die Frau lebt heute noch", fügt er hinzu. Schließlich kommen wir am Zielpunkt an. Professionell und routiniert transportieren die Sanitäter den Patienten in seine Wohnung.

Bild: Thomas Tribus

Kraft tanken

Es läuft „The Voice of Switzerland" im Fernsehen, als wir wieder ins Wohnzimmer kommen. Andrea und Stefan haben es sich auf der Couch gemütlich gemacht. Anita hat derweil den Küchentisch für morgen Früh gedeckt. Günne setzt sich vor den PC, um die Personalien des Patienten in die Datenbank einzugeben. Peter macht sich derweil bettfertig. Ich mich auch. Man weiß nämlich nie, wie lange man schläft beim Weißen Kreuz. Am nächsten Morgen werde ich vom Duft von frischem Kaffee geweckt. Anita steht in der Küche und trinkt ihren Tee. „Seit ihr heute Nacht noch einmal gefahren?", frage ich sie. „Nein, heute zur Abwechslung einmal nicht," meint sie und lächelt.

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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