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Zu Besuch im Kostümverleih

Die Faschings-Marianne

Marianne Lechner Lobis ist eine kleine Berühmtheit. Die Faschingsliebhaberin versorgt halb Brixen mit Kostümen aus ihrem riesigen Fundus.

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Bild: Petra Schwienbacher

Eine kurzhaarige, quirlige Dame, nicht viel größer als 1,60 Meter, saust hektisch durch den Raum – holt eine Weste hier, eine Perücke dort hervor. Ihre Augenlider sind mit zart glitzerndem blauen Lidschatten geschminkt, ihre Haare zurechtgemacht. Um den Hals trägt sie ein gemustertes Tuch. Die Rede ist von Marianne Lechner Lobis, besser bekannt als Faschings-Marianne. Vor allem hier in Brixen ist sie eine kleine Berühmtheit. Kaum einer war nicht schon hier, in dem Fundus an Faschingskostümen, in dem kleinen Raum gegenüber der Pizzeria „La Stüa” in Brixen. „Fasching ist meine absolute Lieblingszeit im Jahr“, sagt Marianne. „Ich bin im Fasching geboren und gebürtige Österreicherin. Wir leben und sterben für Fasching.” Am 9. Februar ist sie 76 Jahre alt geworden. 35 Jahre betreibt sie bereits den Faschingskostüm-Verleih: ihr Lebenswerk, wie die Brixnerin sagt. Die vergangenen drei Jahre konnte sie ihrer Leidenschaft aufgrund einer Krankheit nicht nachgehen. Umso mehr freut es sie, dass sie dieses Jahr wieder mittendrin ist.

Cowboy für den guten Zweck

Durch ein massives Holztor und eine dicke Glastür gelangt man über drei Stufen in Mariannes Welt. Im Hintergrund tönt leise Volksmusik aus dem Radio. In der Mitte des Raumes mit weißem Gewölbe steht ein großer Tisch mit Gumminasen und -ohren, Plastikbrillen und einem Sammelsurium aus Accessoires. An den Wänden entlang hängen zweireihig übereinander 300 Kostüme in allen Größen und Farben. Vom kuscheligen Dalmatiner-Anzug für Kleinkinder bis zum tiefblauen Schneewittchen-Outfit. Es gibt in dem vollgepackten Laden wohl nichts, was es nicht gibt. Und Marianne wisse von jedem einzelnen Stück, wo es hänge, sagt sie. Einen Tag in der Woche öffnet sie den Laden für Theaterbühnen. In der Faschingszeit steht sie jeden Tag hier. Unentgeltlich. Von neun Uhr in der Früh bis sechs Uhr abends. Zu Mittag sperrt sie nur eine halbe Stunde zu, um kurz etwas zu essen.

Am Aschermittwoch beginnt die große Rückgabe. „Dann wird es nochmal stressig“, so Marianne. Und hektisch geht es auch heute zu. Es ist nach sechs Uhr abends. Eigentlich würde Marianne das Geschäft jetzt schließen, vor allem weil sie in einer knappen Stunde noch zu einem Konzert ihrer Enkelin gehen wird, aber zwei Mütter suchen noch für ihre Kinder nach dem geeigneten Outfit. „Das sind ja coole Stiefel“, sagt Marianne zu dem Burschen, der sich gerade sein Cowboy-Kostüm aus mehreren Einzelteilen zusammenstellt. Seinen Hut sucht Marianne höchstpersönlich. Als die Mutter nach einem weißen Hemd fragt, sagt sie bestimmend: „Na, dazu gehört ein kariertes rotes Hemd, kein weißes.“ Und sie muss es wissen. Nach jahrelanger Erfahrung weiß sie, was zusammenpasst und was nicht. Und sie weiß, welche Kostüme heuer besonders beliebt sind: historische Verkleidungen, wie Griechinnen oder Ägypter. Interessanterweise, sagt sie, seien im Vergleich zu anderen Jahren, dieses Jahr kaum Clowns und Piraten gefragt.

Nachdem der junge Mann seine Pistole gefunden hat und nun fast komplett als Cowboy ausgestattet ist, trägt Marianne Namen und Telefonnummer in ein Heft ein – die sechs Euro für den Verleih wandern in eine kleine Box. „Medicus Comicus“ steht darauf. Der Reinerlös des Verleihs wird an die Organisation gespendet, die wöchentlich Clown-Doktoren in die Krankenhäuser schickt, um die kleinen Patienten aufzuheitern.

Auf den letzten Drücker

Steht Marianne hier im Laden – umgeben von den vielen Kostümen – blüht sie richtig auf. „Am besten gefällt mir, wenn mich die Kleinen mit ihren großen Augen anschauen“, sagt die 76-Jährige. Und die Freude der Erwachsenen. „Heute kam eine Frau zu mir, die hat gesagt: Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich mal anders aussehen kann“, sagt Marianne und lacht laut auf. Dann widmet sie sich wieder ihren Kundinnen. „Haben Sie was gfund'n?“, fragt sie eine Mutter in ihrem leicht österreichischen Akzent. Hat sie. Ein Pumuckl-Kostüm für ihren Sohn.

Es kommen viele Familien mit Kindern hierher. So müssen sie nicht jedes Jahr etwas Neues kaufen. Aber es kämen auch sehr viele Erwachsene, so Marianne. Meist auf den letzten Drücker, weil sie sich spontan verkleiden möchten. Auch Marianne schlüpft jedes Jahr zu Fasching in eine neue Rolle. Dieses Jahr in die einer „peppigen Hexe“, sagt sie. Jetzt ist es nach halb sieben. Marianne wechselt ihre schwarzen Winterstiefel, pudert sich für das anstehende Konzert kurz das Gesicht und sperrt zu. Als sie gerade das Holztor schließt, kommt eine junge Mutter angelaufen. Sie braucht noch unbedingt ein Kostüm für ihren zweijährigen Sohn. Marianne wäre nicht Marianne, wenn sie trotz Stress nicht nochmal aufschließen würde. Gemeinsam mit der Mutter wühlt sie sich durch die Kostüme, schiebt Kleiderbügel um Kleiderbügel auseinander und findet schließlich das Passende – wie für fast jeden, der hier hereinschneit. „Wenn ich den Laden irgendwann nicht mehr leiten kann, möchte ich, dass Menschen mit Behinderung, Menschen mit psychischen oder Alkoholproblemen hier eine Arbeit finden“, sagt Marianne abschließend. Damit ihr Lebenswerk bestehen bleibt. 

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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