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Olympia Bob Run

Die Eisskulpteure

Mit Schaufeln und Wasserschlauch baut eine Gruppe Südtiroler jedes Jahr die größte Schneeskulptur der Welt. Der Bauplan für die Natureisbahn existiert nur in ihren Köpfen.

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Alfred Nischler sucht die Bahn nach Unebenheiten ab

Bild: Gian Paul Lozza

Es ist ein früher Novembermorgen im schweizerischen Engadin. Eine Gruppe kräftiger Männer steht mit Schaufeln in den Händen im Schnee. Ein Kipplaster karrt ihn heran, lädt die Last ab und entfernt sich mit knatterndem Motor. Die vierzehn Männer arbeiten schweigend. Einer von ihnen wässert mit einem roten Feuerwehrschlauch den Schnee, die übrigen schichten den Schneematsch zu einer Mauer. Unter ihren Schaufelblättern nimmt der erste Streckenabschnitt der Bobbahn langsam Form an.

Im Jahr 1904 erstmals gebaut, ist der Olympia Bob Run St. Moritz–Celerina die älteste und einzige Natureisbahn der Welt. Jeden Winter wird sie aufs Neue auf die Wiese gestellt von den vierzehn Spezialisten aus Naturns. Von Ende November bis zum Saisonschluss Anfang März stehen sie jeden Tag an der Bahn, die sich von St. Moritz bis ins benachbarte Celerina durch den Nadelwald windet. Zweieinhalb Wochen dauert es, die 1.700 Meter lange Bahn mit Schaufel, Messlatte und Maurerspachtel in die Landschaft zu meißeln. Acht Stunden täglich modellieren die Eisskulpteure in dieser Zeit die Strecke. Das Ergebnis ist ein Kunstwerk aus 5.000 Kubikmetern Schnee und 4.000 Kubikmetern Wasser.

„Eine zache Arbeit“

Der Schweizer Christian Brantschen ist seit über zwei Jahrzehnten der Bauchef in St. Moritz. Er bewundert den Zusammenhalt im Südtiroler Team. Unter den Arbeitern weiß jeder, was er zu tun hat – kein Wunder, sind doch Männer wie die Brüder Konrad und Alfred Nischler in dieser Saison zum 35. Mal dabei. Sie geben ihr Wissen Jahr für Jahr an die Nachkömmlinge weiter. Der Bauplan existiert nur in ihren Köpfen. „Es gehen schon sehr lange Naturnser nach St. Moritz und da hat es auch bei mir geheißen: komm einmal mit“, erinnert sich der dienstälteste Alfred Nischler. Auch Schweizer hätten in den ersten Jahren mitgeholfen, seien nach ein paar Tagen aber nicht mehr wiedergekommen. „Es ist ein wenig eine zache Arbeit“, schmunzelt der 54-Jährige.

Bild: Gian Paul Lozza

Nischler ist keiner, der sich beschwert. Bis Weihnachten steht er an sieben Tagen die Woche mit der Schaufel in der Bahn, wirft den Schnee hoch und klatscht ihn an die so entstandene Mauer. Mit den Augen sucht er sie nach Ecken und Kanten ab und bessert aus, bis die Oberfläche spiegelglatt ist. Bis zu drei Meter dick muss die Mauer aus Schnee und Wasser an manchen Stellen sein, um dem Druck der Bobs später standzuhalten. Die größte Herausforderung für Nischler ist aber die Grundlinie, denn Orientierungspunkte hat er wenige. Das wichtigste Werkzeug ist da ein geschultes Auge. Hier ein Baumstumpf, dort ein Erdwall, schon rammt er eine Holzlatte als Markierung in den Schnee.

Nur am 25. Dezember haben die Männer frei. Nischler besucht dann seine Frau und die drei Kinder in Naturns. Es ist die Zeit im Jahr, in der sie ihn am seltensten sehen. Im Frühling arbeitet er als Waldarbeiter, im Sommer als Hirte. Seine Kollegen sind Bauern, arbeiten am Bau oder wie Nischler im Wald und auf der Alm.

Wenn die Bahn kurz vor Weihnachten steht, ist die Arbeit der Männer noch nicht beendet. Jeder von ihnen bekommt dann einen Streckenabschnitt zugeteilt. Denn die Südtiroler bauen die Bahn nicht nur, sie halten sie auch in Schuss. Nischler ist für das Herzstück des Eiskanals zuständig: den Horse Shoe, eine von nur zwei gemauerten Kurven. Jede der 19 Kurven des Olympia Bob Run hat ihren eigenen Namen: Sunny Corner etwa ist der sonnigste Streckenabschnitt, der Gunter Sachs Corner nach dem ehemaligen Präsidenten des St. Moritz Bobsleigh Club benannt.

Bild: Roger Schaffner

Ein vergängliches Kunstwerk

Mit ernstem Blick steht Nischler an der Bahn, bläst Atemwolken in die Luft. Die Temperaturen liegen einige Grade unter null, auf der Eisschicht hat sich ein Wasserfilm gebildet. Gute Bedingungen für die Athleten. Ein Tosen wie von einem Güterwagen, dann schießt ein rot-weißer Bob in die enge Kurve, hängt kurz waagrecht in der Luft und steuert im nächsten Moment auf den Telephone Corner zu. Eissplitter rieseln Nischler vor die Füße.

Etwa vier Meter hoch ist die Eiswand im Horse Shoe, dem gefährlichsten Abschnitt. Nähert sich ein Viererbob mit seinen 630 Kilogramm und hundert Stundenkilometern der hufeisenförmigen Kurve, presst fast fünffache Schwerkraft die Fahrer in den Schlitten. Das hinterlässt Spuren. Dort wo die Kufen Rillen ins Eis gedrückt haben, füllt Nischler die kaputten Stellen mit Eisabrieb auf und glättet sie.

Bild: Roger Schaffner

Bis zu zwölf Stunden täglich patrouillieren die Baumeister an der Bahn. Frühmorgens spritzen sie die Eiswand, nachmittags nach Betriebsschluss präparieren sie ihren Abschnitt. Bis zur letzten Abfahrt im März folgt Nischlers Tag diesem Rhythmus. Einmal im Jahr fährt er selbst in einem Bob mit – um zu sehen, wie sich die Strecke fährt.

Je näher der Frühling rückt, desto schwerer haben es die aufgespannten Sonnensegel, ihren Dienst zu tun. Bis die Männer sie abmachen und die Engadiner Märzsonne die Bahn vom Schnee befreit. Ein vergängliches Kunstwerk. Nischler wird es in der nächsten Saison wohl wieder mit Muskelkraft und einem geübten Auge in den Schnee stellen: „So lange, wie es die Gesundheit mitmacht.“

Dieser Text ist erstmals in leicht abgeänderter Form im Merano Magazine (Nr. 2/2015) erschienen.

Irina Ladurner

lebt und studiert in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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