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Auf a Glas'l mit Evelyn Unterfrauner

Die Buchbloggerin

Mit ihrem Buchblog wird Evelyn Unterfrauner weder reich noch auf Instagram berühmt – und doch verschlingt sie Seite um Seite. Das Interview mit einem Buchfan.

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Bild: Julia Tapfer

Als die 22-jährige Evelyn Unterfrauner das Café Sacher gleich neben ihrer Innsbrucker Wohnung betritt, erkenne ich sie sofort: stilvoll gekleidet, lange, dunkelbraune Haare, ein perfekt abgestimmter Lippenstift und eine Brille, die man auch als Accessoire durchgehen lassen kann. Aber Evelyn ist nicht Modebloggerin, auch wenn sie damit bei weitem mehr Likes sammeln könnte als mit ihrem Buchblog, weiß die junge Brixnerin und lacht. Book Broker heißt Evelyns Blog, vor einem halben Jahr hat sie damit begonnen, Blogbeiträge über ihre gelesenen Bücher zu verfassen. Ein solches trägt sie heute auch immer in ihrer Handtasche, gesteht sie gleich lächelnd, obwohl sie noch als Jugendliche das Credo hatte: „Warum soll ich ein Buch lesen, wenn es einen Film darüber gibt?” Als der Kellner eine Tasse heiße Schokolade mit Sahnehäubchen bringt, beginnt unser Gespräch über Literatur, Geld und Authentizität. 

Welches Buch findet man zurzeit in deiner Handtasche?  
„Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer. (Ich kann mich in meiner Rolle als Interviewerin nicht zurückhalten, sondern muss gleich meine Begeisterung über das Buch ausdrücken, das ich auch erst gelesen habe. Evelyn hat zwar erst am Tag zuvor mit der Lektüre begonnen, aber ist schon sehr gespannt, ob das Buch hält, was ihr so viele Freunde versprachen.) Eigentlich hätte ich auf meiner Liste ja gerade „Die Totenfrau“ von Bernhard Aichner, aber das sind über 400 Seiten und deshalb habe ich zuerst etwas Kürzeres vorgezogen. (lacht)

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Buchblog zu schreiben?
Es gibt eine ziemlich erfolgreiche Buchbloggerin in München, die heißt Sara Bow. Sie hat auch andere Blogs, einen Beautyblog zum Beispiel. Ich habe damals einen Artikel der Süddeutschen Zeitung darüber gelesen. Sie ist extrem erfolgreich und baut nun mit 21 Jahren sogar schon ein Haus. Sie macht Youtube-Videos, wo sie zum Beispiel sagt (verstellt ihre Stimme, tut so, als würde sie ein Buch in eine Kamera halten): „Und dieses Buch hat so ein schönes Cover, fühlt mal drüber!“ Und da habe ich mir gedacht: Das kann es doch nicht sein!

Du hast auf deinem Blog eine Liste online gestellt, mit Büchern, die du 2016 lesen möchtest. Darauf finden sich neben modernen Bestsellern auch Autorennamen wie Dürrenmatt, Hesse oder E.T.A. Hoffmann. Warum?
Als ich mit meinem Blog begonnen habe, hab ich mir von Anfang an gesagt, ich möchte sowohl aktuelle Bücher, als auch Klassiker empfehlen. Auch wenn ich mir selbst schon manchmal schwer damit tue, diese zu verstehen. Ich kann mich noch gut an „Die Verwandlung“ von Franz Kafka erinnern, das ich in der Oberschule gelesen habe. Da habe ich einfach nicht verstanden, was das Buch so besonders machen soll. Dann ist es aber so gekommen, dass ich einen sehr guten Deutschlehrer und eine sehr gute Italienischlehrerin hatte, die beide Feuer und Flamme für die Literatur waren. Die Euphorie ist ganz auf mich übergeschwappt. Deshalb ist es mir schon wichtig, die Klassiker auch einzubauen – die Themen sind ja immer noch aktuell. Auch wenn die Werke teilweise schon eine Herausforderung sind.

Evelyn ist erst durch ihren Deutschlehrer und ihre Italienischlehrerin in der Oberschule zum Lesen gekommen. Vorher hat sie nicht gern gelesen. Kopfschüttelnd erinnert sie sich, wie sie sich als Kind oft furchtbar gelangweilt hat, besonders in den Schulferien: „Hätte ich doch damals bloß schon Bücher gelesen! Das wäre doch viel sinnvoller gewesen.“ Heute begleiten Bücher die junge Frau durch ihren Alltag. Beeinflusst von ihren Lehrern hat sie sich für das Bachelorstudium Komparatistik entschieden, das sie in diesem Semester abschließen will. Das reichte der ehrgeizigen jungen Frau aber nicht, so studiert sie auch noch Erziehungswissenschaften und Italienisch. Am Wochenende fährt Evelyn immer nach Brixen, wo sie als Rezeptionistin in einem Hotel arbeitet, um sich ihr Studium zu finanzieren. Ihr Traum ist es, irgendwann selbst als Universitätsprofessorin zu arbeiten. Ein langer und nicht einfacher Weg, weiß Evelyn. Falls Book Broker ihr dabei irgendwie nützlich sein kann, und sei es nur als Anmerkung im Lebenslauf, würde sie das sehr freuen.

Möchtest du irgendwann Geld mit deinem Blog verdienen?
Das ist eine schwierige Frage. Mich schrecken im Moment noch die bürokratischen Hürden ab, es ist schon ein großer Schritt, sich selbstständig zu machen.

„So im kleinen Rahmen funktioniert das sehr gut, da kann ich tun, was ich will. In dem Moment, wo man für seine Buchempfehlungen bezahlt wird, wie zum Beispiel ganz erfolgreiche Blogger, läuft es schon ganz anders.”

Ist es überhaupt noch glaubwürdig, wenn Blogger etwas empfehlen und damit Geld verdienen? Ist es dann nicht bloß noch eine Kaufempfehlung, weil sie selbst etwas verdienen möchten?
Das ist nicht einfach. Ich selbst weiß noch nicht, wie es sich bei mir weiterentwickeln soll. Momentan verdiene ich kein Geld. Ich hab zwar eine Kooperation mit der Wagner’schen Buchhandlung – sie stellen meine Buchbesprechungen auf ihre Homepage und kleben Book-Broker-Sticker auf die Bücher, ich setze den Link zu ihrem Shop auf meinen Blog. Aber damit verdiene ich nichts. Auch die UNIpress druckt meine Buchempfehlungen und in der Universitätsbuchhandlung Studia werden sie aufgehängt. So im kleinen Rahmen funktioniert das sehr gut, da kann ich tun, was ich will. Auch wenn man jetzt ein Buch von einem Verlag bekommt, sind die nicht so streng dahinter, dass sie auch gleich einen Link von der Buchbesprechung sehen wollen. In dem Moment, wo man für seine Buchempfehlungen bezahlt wird, wie zum Beispiel ganz erfolgreiche Blogger, läuft es schon ganz anders. Ich empfehle halt noch das, was ich zu Hause habe.

Mal ehrlich: Kann man als Blogger bei Rezensionsexemplaren, die man gratis bekommt, überhaupt etwas Negatives schreiben?
Ich muss dazu sagen, ich habe noch nie ein richtig, richtig schlechtes Buch gelesen. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass die Geschmäcker schon sehr verschieden sind. Ein Buch, das jemandem überhaupt nicht gefällt, kann mir sehr gut gefallen. Das ist dann auch etwas Subjektives. Und so ist mein Motto, dass jedes Buch seine Berechtigung hat, gelesen zu werden. Irgendwie muss man ein Werk schon auch wertschätzen, wenn man es total vernichtet, ist das auch nicht ganz fair, finde ich. Ich habe kürzlich einen Innsbrucker Autor kennengelernt und danach über sein Buch geschrieben. Das war schon nicht ganz einfach, weil ich ihn ja nun kannte. Aber ich versuche schon immer ehrlich zu sein.

Wann funktioniert ein Buch für die Massen?
Einen großen Teil leistet sicher die Wirtschaft. Ich kenne den Mechanismus hinter den Bestsellerlisten nicht, ich weiß nicht, wie es ein Buch dorthin schafft. Aber das hat sicher großen Einfluss darauf, denn in jeder Buchhandlung findet man diese Bücher sehr prominent vor.

Höre ich da eine gewisse Skepsis?
Ich habe manchmal ein ungutes Gefühl, wenn ich ein solches Buch auf meinem Blog empfehle und damit auch Teil dieses Wirtschaftssystems bin. Ich finde schon, dass es auch wichtig ist, so etwas kritisch zu hinterfragen. Aber natürlich stelle ich auch Bestseller auf meinem Blog vor, vielleicht kommt so auch jemand über meinen Blog auf einen Klassiker, den er sonst nicht gelesen hätte.

„Dann war ich in einem Komparatistik-Seminar und die Professorin bat jeden, sich mit dem Buch, das er als letztes gelesen hat, vorzustellen. Jeder hat natürlich irgendeinen Klassiker genannt, und ich hab logisch Shades of Grey gesagt.” 

Wie stehst du selbst zu Bestsellern?
Früher bin ich einfach in die Buchhandlung gegangen und da lagen schön die Plätze 1 bis 10 der Bestseller-Liste – da war meistens auch etwas Interessantes dabei und ich habe etwas aus der Bestsellerliste gelesen. Auch weil ich davon ausgegangen bin, dass jemand anderes das Buch auch gelesen hat und wir darüber reden können. So ist es auch dazu gekommen, dass ich Shades of Grey gelesen hab. Dann war ich in einem Komparatistik-Seminar und die Professorin bat jeden, sich mit dem Buch, das er als letztes gelesen hat, vorzustellen. Jeder hat natürlich irgendeinen Klassiker genannt, und ich hab logisch Shades of Grey gesagt. (lacht) Also ich lese schon gern Bücher, wo ich weiß, die lesen gerade viele. Auch weil mich das interessiert, warum diese Bücher überhaupt gelesen wird.

Amazon vs. Buchhandlung?
Buchhandlung, ganz klar. Über Amazon hört man jetzt nicht nur Gutes, wobei auch ich hin und wieder etwas bei Amazon bestelle. Aber bei den Büchern gibt es die Buchpreisbindung, auf Amazon gibt es Bücher deshalb auch nicht extrem billiger. 

„Es gibt entweder Leseratten oder völlig abstinente Leser. Entweder man ist ein Buchfan, oder nicht.” 

Wie sieht es in deinem Freundeskreis aus? Wird da auch viel gelesen?
Ich glaube, es gibt entweder Leseratten oder völlig abstinente Leser. Entweder man ist ein Buchfan, oder nicht. Das sind die größten Gruppen, die ich antreffe. Ein paar Gelegenheitsleser gibt es dann natürlich auch noch. 

Wie wichtig sind soziale Netzwerke für deinen Blog?
Ich habe 270 Likes auf Facebook, auf Instagram 500 Follower. Insgesamt läuft es sehr schleppend. Ich denke, viele interessieren sich auch einfach nicht für Bücher. Nicht mal meine Schwestern liken meine Beiträge (lacht). Vielleicht schämen sie sich ja für mich. (lacht) Es ist nach wie vor viel leichter für einen Modeblog Likes zu bekommen, als für einen Buchblog. Aber das Besondere dabei ist ja: Wenn man über Bücher nachdenkt, ist das eigentlich etwas Altmodisches. Das Bloggen ist ganz modern. So kann man auf gewisse Weise auch zwei Welten miteinander verbinden.

Hast du abschließend noch einen Buchtipp für die BARFUSS-Leser?
„Alice im Wunderland“, das mir ein Freund empfohlen hat und ich selbst auf meiner Reading List 2016 habe. Und: „S. - Das Schiff des Theseus“.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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