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Der Zuckpichler

Ein Unikum auf dem Vinschger Sonnenberg: Unsere BARFUSS-Redakteurin hat sich auf die Spuren des Zuckpichlers begeben.

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Bild: Sepp Laner
Macht sich heute ein aufmerksamer Wanderer in St. Martin im Kofl auf dem Höfeweg in Richtung Schlanders auf, bemerkt er am Wegesrand hin und wieder mit Sprüchen verzierte Steine. Diese Botschaften mögen manche bloß schmunzelnd wahrnehmen, andere mögen sich die Frage stellen, wer ihnen diese Lebensweisheiten mit auf den Weg geben will. Tatsächlich entstammen die philosophischen Sätze dem Farbpinsel eines vor acht Jahren Verstorbenen – dem Zuckpichler.   
 
Heute zeugen nur noch Ruinen vom Zuckpichlhof oberhalb von Goldrain im Vinschgau, der Hof wurde bereits Anfang des vorigen Jahrhunderts aufgelassen. Nicht unüblich für die einsamen Hofstellen am Sonnenberg, wie dieser Spruch aus dem Volksmund belegt: „Auf Zuckpichl und Laggar isch der Schmolzkibl laar, auf Patsch und Mitterebm werd er a nimmer long heibm.“ Kaum vorstellbar, dass sich in dieser unwirtlichen Gegend noch jemand ansiedelt – genau dies hat vor einigen Jahrzehnten aber ein bärtiger Mann aus Karlsruhe getan. Karl, der schon bald von allen „der Zuckpichler“ genannt wurde, war 1979 zum ersten Mal auf Zuckpichl. Damals reiste er gerade mit einem Karren von Rom nach Bayern, als es ihn schließlich in den Vinschgau verschlug. Die alten, schon damals ruinenartigen Gemäuer von Zuckpichl haben es ihm angetan. Und mit den verschiedensten Materialien, die er fand, bastelte er sich am Sonnenberg ein etwa drei Quadratmeter großes Zuhause. 
 
„Was nicht abstößt, zieht nicht an"
 
Bild: Karl Zerzer
In seiner Heimat Karlsruhe hatte der Zuckpichler eine Frau und einen Sohn, dennoch verbrachte er mehrere Sommer in seiner bescheidenen Hütte. So ganz geheuer war er den Vinschgern aber nicht, man hatte bereits von Aussteigern verschiedenster Art gehört, und das einsame Leben in einer Ruine – das war doch etwas völlig Fremdes und deswegen auch suspekt. „Wohlgesinnt waren ihm die Leute nicht“, erinnert sich Martina Oberhofer, die Chronistin aus Goldrain. Als Spinner sei er bezeichnet worden und man mutmaßte, was er wohl verbrochen haben müsste, um sich an so einem Ort zu verkriechen. Aber bereits der Zuckpichler wusste: „Was nicht abstößt, zieht nicht an." Kam man mit ihm also ins Gespräch, konnte man sich davon überzeugen, dass er ein herzensguter Mensch war. Martina Oberhofers prägendste Erinnerung an den Zuckpichler war eine Begegnung in Latsch, wo er manchmal mit seiner Kraxe auf dem Rücken unterwegs war. Dabei hatte er ein Schälchen, worauf stand, dass er um eine Spende bat. „Dann stand da aber auch drauf, dass der, der es benötigte, auch etwas aus der Schale rausnehmen konnte. Das hat natürlich für Aufsehen gesorgt. Jetzt will der Mensch, der da auf Zuckpichl haust, auch noch den Ärmeren etwas abgeben? Da ist man dann schon mit ihm ins Gespräch gekommen“, erinnert sich die Goldrainer Chronistin an das Unikum von Zuckpichl.
 
Bild: Hanns Fliri
So arm war der Mann, der vielen suspekt war, aber anscheinend nicht. Er habe sogar studiert und sei ein führender Ingenieur einer großen Fabrik gewesen, sagt Oberhofer. Dennoch zog es der Zuckpichler vor, auf dem Vinschger Sonnenberg die Stille zu genießen und zu philosophieren. Seinem kleinen Anwesen gab er den Namen „Residenz der Zuversicht“. Ganz so zuversichtlich waren aber nicht alle Leute aus seiner Umgebung, im September 2004 hatte ihn anscheinend jemand mit harschen Worten von Zuckpichl vertrieben. Im Juni 2005 starb er mit 71 Jahren in einer Klinik im Schwarzwald an einem Krebsleiden. Einige seiner Sprüche, die er sorgfältig auf Steine geschrieben und am Wegrand platziert hatte, regen bis heute Wanderer zum Nachdenken an. So gibt er diesen Wunsch, der sich zu seinen Lebzeiten nicht mehr erfüllt hat, acht Jahre nach seinem Tod immer noch vielen mit auf den Weg: „Ich mag dich, du magst mich und die Welt hält zusammen."

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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