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Jazz-Schlagzeuger im Porträt

Der Weltmusiker

Um zu den großen Jazz-Stars zu gehören, sei er noch viel zu jung: Jonathan Delazer tourt durch die Musikwelt und macht als Jazzmusiker sein eigenes Ding.

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Bild: Alan Nahigian

Mit verspiegelter Sonnenbrille und in Second-Hand-Klamotten sitzt Jonathan Delazer in einem Kaffee am Bozner Obstmarkt und trinkt seinen zweiten Espresso. Dazu hat er sich einen Korb voller Erdnüsse bestellt. „Jazz ist ein eigener Globus. Eine schöne Alternative zu diesem Zirkus hier“, meint er und blickt auf die vollen Bozner Gassen. Um sich „wegzubeamen“ aus dieser Welt setzt sich der junge Jazz-Musiker am liebsten an sein Schlagzeug. Seine Augen sind dann geschlossen und sein Kopf hängt leicht im Nacken. Immer wieder nickt er in winzig kleinen Bewegungen im Takt und kreiert währenddessen die verrücktesten Rhythmen mit seinen vielen Trommeln.

Im Juni vergangenen Jahres hat der Sohn von Poetry Slammerin Lene Morgenstern sein Jazzstudium an der Musikuniversität in Stuttgart abgeschlossen. Seinen Fokus hat er dabei auf das Jazz-Schlagzeug gelegt und dafür einen Mentor gefunden, der ihn heute noch inspiriert: „Manfred Kniel war und ist wie ein Guru, der mich sehr beeinflusst hat“, sagt Jonathan. Vorbilder habe der junge Musiker viele. Jeder Ton, den er irgendwann gehört hat, sei schließlich irgendwo in ihm gespeichert. Jetzt aber macht er sein eigenes Ding.

„Als Künstler hat man in Europa immer das Gefühl, man spiele in einem Dorf.“

Seit er 13 ist, spielt Jonathan Delazer in verschiedensten Formationen Schlagzeug. „Irgendwann habe ich bemerkt, dass es mir erst richtig taugt, wenn man musikalisch das machen kann, was einem spontan einfällt“, erzählt er. Heute beschreibt er den Jazz als Improvisation und Befreiung von dem, was in ihm schlummert. Irgendwie konnte es nie genug musikalische Freiheit für Jonathan geben, aber im Jazz hat er sie gefunden.

Wenn er jetzt durch die Jazzwelt tourt, ist er meist mit dem Clemens Gutjahr Trio unterwegs. Gefunden haben sich seine drei Mitglieder in Stuttgart. Sie spielen eigene Musik. Zeitgenössischer Jazz sei dabei nur eine notgedrungene Beschreibung für öffentliche Auftritte. „Wir versuchen unsere Stücke bei jedem Konzert neu zu denken. Natürlich haben wir immer bestimmte Strukturen im Kopf, die uns erlauben zu antizipieren. Man kann nicht alles ändern – das ist Freiheit mit Grenzen sozusagen“, meint Jonathan und knackt eine Erdnuss.

Eine Echtzeitausführung von dem, was man kann und weiß von der Musik, so beschreibt er die Auftritte auf den Bühnen der kleinen Kneipen, in denen er zur Zeit unterwegs ist. Seit einigen Monaten treibt es ihn auch nach New York. Von der Szene dort haben ihm schon viele erzählt, nun hat er seinen eigenen Blick auf die Stadt: Die Heimat durchgeknallter Typen, wie Jonathan sie beschreibt. In New York gibt es viele Clubs – unter anderem von musikhistorisch großem Wert –, verschiedene Szenen und eine Subkultur, die den großen Jazz-Stars entgegensteht.

„Die New Yorker sind sehr stolz. Man muss aufpassen, wie man sich dort präsentiert. Die müssen merken, dass man in diese relativ abgeschiedene Welt wirklich abtauchen will“, erklärt Jonathan. Direkte Verbindungen zur freien Szene im Big Apple hatte er keine. Man müsse viel reden, um dort irgendwo hinzukommen. Eine Eigenschaft, die Jonathan im Alltag nicht so liegt. Mittlerweile hat er in dieser Subkultur mit einem Bassisten und einem Saxophonisten aber sein eigenes Trio gegründet. Einen Namen trägt dieses noch nicht. Im Mai will der 25-Jährige seine erste eigene Schallplatte in New York aufnehmen. Von 15 Euro CDs hält er nicht viel.

Polaroid-Fotogalerie

Bild: Lisa Maria Kager

Während er von seinen Reisen als Musiker erzählt, greift Jonathan in die linke Brusttasche seines Sakkos und holt einen Stapel Polaroid-Fotos hervor. Wie auf einer Fotogalerie am Handy wischt er sich durch Momentaufnahmen, die von Harlem über die Karibik bis zum Meraner Ost West Club reichen. „Als Künstler hat man in Europa immer das Gefühl, man spiele in einem Dorf“, stellt er schließlich fest.

Jonathan mag zwar die Luft, das Wasser und die Berge seiner Heimat, gleichzeitig aber auch das weltbürgerliche Denken, das ihm in Südtirol fehlt: „Wie lange müsste ich hier wohl suchen, um mit einem Inder Jazz zu spielen?“ Um Musik zu verstehen, müsse man in seinen Augen erst die Welt kennenlernen. Schließlich seien die Rhythmen, die Schlagzeuger heute spielen, nichts anderes als jene aus dem ursprünglichen Indien und Afrika, die sich einmal um die Welt gedreht haben. Vielleicht bezeichnet sich Jonathan deshalb gerne als Weltmusiker.

so sieht Musik aus

Bild: Lisa Maria Kager

In einer beigen Mappe trägt der junge Mann alles mit sich herum, was seine Musik ausmacht. Ideen, Kompositionen und Takte zeichnet er in akribisch genau gezeichnete Gittermuster mit Punkten. Jeder Punkt steht für eine Hand oder einen Fuß. Geschrieben wird in Zyklen und Schlägen. Die herkömmliche Schreibweise für Schlagzeuger gefalle dem jungen Musiker nämlich gar nicht.

Um seine Gliedmaßen unabhängig voneinander in einem bestimmten Rhythmus bewegen zu können, übt Jonathan in jeder freien Sekunde. Zum Beweis holt er ein Übungspad aus Hartplastik und seine Sticks aus dem Rucksack. Das Pad schnallt er sich um den Oberschenkel und trommelt etwas darauf vor. „Ich bin besser drauf, wenn ich Schlagzeug spielen kann“, meint er und grinst, „außerdem kommt man nicht in die provinzielle Jammerei, wenn man etwas zu tun hat.“

Irgendwann während des Studiums wollte Jonathan aber doch mehr als nur Rhythmen kreieren. Weil das Schlagzeug ihm dabei Grenzen gesetzt hat, hat er sich der Klarinette zugewandt. Heute tritt er auch als Solodarsteller mit beiden Instrumenten gleichzeitig auf. „Meine eigene Band ‚Uno duo‘ ermöglicht mir, die Rhythmen durch Melodien zu ergänzen, die es für eine ausgeglichene Musik braucht“, erklärt der Freigeist.

Bild: Jonathan Delazer

Berühmt will er mit seiner Musik nicht werden, nur gut soll sie sein. Dann könne man damit auch an die Öffentlichkeit gehen. „Irgendwann werde ich meinen Platz in der Szene bestimmt finden. Aber mit einem Vierteljahrhundert bin ich dafür noch viel zu jung“, meint der Musiker. Ob seine Kunst dann wahrgenommen wird oder Erfolg hat, sei ein Thema, das ihm momentan noch zu groß ist.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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