Der Unsichtbare

Abdallah hatte eine Arbeit, eine Wohnung und eine Freundin. Dann verlor er alles und landete auf der Straße. Die Geschichte über einen, der versucht seine Würde zurückzubekommen.

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Bild: Manuela Tessaro

Abdallah, 52 Jahre alt, aus Agadir, lebt seit bald 28 Jahren in Italien und davon seit 22 Jahren in Bozen, mehr als die Hälfte davon als sogenannter „Unsichtbarer“ in der Landeshauptstadt. Aber warum ist der Marokkaner, der mehr als zehn Jahre lang in Italien einer festen geregelten Arbeit nachging, auf der Straße gelandet? Abdallah ist ein netter und höflicher Mann, vielleicht eine Spur zu gutherzig. Ich tue mich schwer, ihm den Stempel „Obdachlos“ aufzudrücken. Er ist seit mehreren Jahren wohnungs- und arbeitslos. Das Bossi-Fini-Gesetz aus dem Jahr 2002 hat das Seine dazugetan, ihn in das Eck der „Illegalen“ gedrängt. Freiwillige aus der Zivilgesellschaft unterstützten ihn schließlich bei der Gesuchstellung um internationalen Schutz. So hat Abdallah die Möglichkeit erhalten, dass er bei der Apfelernte Arbeit finden oder einen Schlafplatz im Obdachlosenheim bekommen kann.  

Nach Italien kommt Abdallah 1994 und in Brescia findet er eine erste fixe Anstellung als Metallmechaniker. 1999 geht er nach Bozen und arbeitet mehrere Jahre lang in einem im Umweltsektor tätigen Unternehmen, doch mit der Wirtschaftskrise 2008 verliert er diesen Job. Hier beginnt der gesellschaftliche Abstieg für Abdallah. Voller Hoffnung und Pflichtbewusstsein war Abdallah nach Italien gekommen, um seine Eltern und seine fünf jüngeren Geschwister finanziell unterstützen zu können. Als kleiner Bauer war der Ertrag des Vaters dazu zu gering. Das Einkommen, das Abdallah für seine damalige Arbeit in einem Hotel in Agadir erhielt, war so bescheiden, dass lediglich er allein davon hätte leben können, geschweige die ganze Familie.

Bild: Manuela Tessaro

„Ich war, bevor ich vor mehr als 11 Jahren die Arbeit verlor, sehr glücklich hier in Bozen. Ich hatte eine Freundin und wollte mit ihr eine Familie gründen. Eine kleine Mietwohnung in der Innenstadt hatte ich auch schon, die Arbeit gefiel mir und ich war mit dem Lohn sehr zufrieden und konnte auch meiner Familie in Marokko helfen“, erzählt Abdallah, als wir uns in einer Bar am 4. November-Platz treffen. Er spricht sehr gut Italienisch und auch recht gut Deutsch. 

„Aber mit der Wirtschaftskrise 2008 kam alles anders. Als das Unternehmen begann, Arbeiten auszulagern und meinen Arbeitsvertrag auflöste, war ich noch recht zuversichtlich, denn ein Landsmann bot mir an, in sein kleines Unternehmen einzusteigen.“ So dass er weiterhin die gleiche Arbeit verrichten konnte, nur unter anderen Vorzeichen, und wie es sich dann herausstellte mit negativen. „Ich hatte wohl zu sehr diesem Landsmann vertraut, der mir immer wieder versicherte, dass alles in Ordnung wäre und es nur Zeit bräuchte, bis alles seinen richtigen Weg ginge”, so Abdallah. Als aber auch nach zwei Jahren das versprochene Geld nicht auf sein Konto eingegangen war, und er bemerkte, was viel schlimmer wiegte, dass der vermeintliche rechtmäßige Vertrag nichtig war, da wurde ihm bewusst, dass er auf einen Schlag sämtliche Rechte für den Aufenthalt in Italien verloren hatte. Da, so erzählt Abdallah, „verstand ich auch, dass ich übervorteilt worden bin. Plötzlich stand ich auf der Straße, konnte meine Wohnung nicht mehr bezahlen, verlor meine Freundin.“ 

Abdallah macht das Beste draus, ist viel mit dem Fahrrad unterwegs, versucht sich geistig und körperlich fit zu halten. 

Seither hat Abdallah den Weg in eine reguläre Arbeitswelt nicht mehr geschafft. Das war 2011. „Mein alter Chef wusch sich die Hände rein und meinte, ich solle die Angelegenheit mit meinem Landsmann klären, aber da ging nichts mehr. Meine Dokumente waren abgelaufen, wie auch mein Reisepass, und ich konnte auch nicht mehr nach Marokko zurück.“

Für Abdallah beginnt ein Leben auf der Straße. Abdallah macht das Beste draus, ist viel mit dem Fahrrad unterwegs, versucht sich geistig und körperlich fit zu halten. Er hat das Glück, ein Netz an guten Freunde zu haben, die ihm immer wieder weiterhelfen, über die Runden zu kommen. „Aber das ist kein Leben für mich“, so Abdallah, der sich nichts sehnlicher wünscht, als wieder einer geregelten Arbeit nachgehen zu können, eine eigene Wohnung zu haben und eine Familie gründen zu können. Als gläubiger Muslim hat er sich „nie dem Alkohol und den Drogen hingegeben“, er hält viel auf sein Aussehen, ist immer gut gekleidet, auch dann, wenn er unter der Brücke schlafen muss. Er hofft, dass er auch heuer in der Apfelernte eine Arbeit findet. Ihm ist es wichtig, ein Taschengeld zu haben, um sich würdevoll in der Bar einen Macchiato bestellen zu können oder bei Fußballabenden vor dem TV in einem Lokal einen Café Espresso. Und er fügt hinzu, das ist ihm wichtig: „Ich habe nie gebettelt.“

Autorin Lissi Mair mit Abdallah in einer Bozner Bar

Bild: Manuela Tessaro

Abdallah fehlt seine Familie, die er seit 1994 nicht mehr gesehen hat. Seine Mutter ist mittlerweile gestorben. Seinen Vater und seine Geschwister hört er regelmäßig per WhatsApp-Videoanrufen.  

Wir reden über seinen Freund Thomas, der vor wenigen Wochen 45-jährig im Bozner Krankenhaus gestorben ist.  „Ich half ihm immer wieder die Wohnung, die ihm zugewiesen wurde, aufzuräumen und zu putzen“, sagt Abdallah und erzählt, dass er bei Thomas auch regelmäßig duschen und seine Wäsche waschen oder in ganz kalten Nächten sogar übernachten konnte. „Ich habe auch  oft für ihn und seinen Freund George gekocht.“ Abdallah betont, dass er damals Thomas half, als dieser aus Deutschland nach Bozen gekommen war und nicht wusste, wo er schlafen sollte. „Da habe ich Thomas bei mir daheim aufgenommen. Da hatte ich noch meine Wohnung“, erzählt Abdallah wehmütig. „Ich verstehe nicht, warum Thomas kurz nach seiner Einlieferung gestorben ist.“

Sein früherer Chef, so meint Abdallah, würde ihn jetzt wieder anstellen, wenn er gültige Dokumente und einen Wohnsitz vorweisen könnte. 

Sein früherer Chef, so meint Abdallah, würde ihn jetzt wieder anstellen, wenn er gültige Dokumente und einen Wohnsitz vorweisen könnte. „Mein Arbeitsbuch ist voller Stempel“, so Abdallah, und mir wird erst jetzt richtig bewusst, dass es hier in Bozen zwar viele private und öffentliche Anlaufstellen gibt, aber dass es immer noch schwer ist, wieder in einen geregelten Arbeitsalltag einzusteigen: denn ohne Arbeitsvertrag gibt es keinen Aufenthaltstitel und ohne Aufenthaltstitel keinen Arbeitsvertrag. Da braucht es große Anstrengung von allen Seiten, um aus diesem Kreis aussteigen zu können und konkrete Hilfen.

Abdallah schläft seit der Covid-Pandemie nicht mehr im Obdachlosenheim in der Coministraße, “weil ich Angst habe, dass ich mich da in diesem großen Saal mit vielen Leuten infizieren könnte.” Er hat einen Unterschlupf außerhalb der Stadt gefunden, manchmal schläft er bei Freunden auf der Couch. „Ich habe keine Angst in der Nacht allein zu sein“, sagt er, „aber ich träume von einem weichen Bett und einer Frau an meiner Seite.“

Abdallah: “Danke, dass du mir den Kaffee bezahlst, aber das schmerzt.”

Bild: Manuela Tessaro

„Danke, dass du mir den Kaffee bezahlst, aber das schmerzt mich. Ich möchte derjenige sein, der dich zum Kaffee einlädt“, so Abdallah, als wir uns verabschieden und: „Ich möchte meine Würde wieder zurückbekommen. Ohne Geld kann man kein würdevolles Leben führen.“

Die Geschichte von Abdallah ist eine von vielen – im Verhältnis zur Bevölkerungszahl gibt es in Bozen mehr Obdach- und Wohnungslose als in Berlin.

Auf der Straße unterwegs

Wer sind die Menschen, die obdachlos auf der Straße leben müssen oder die mit der Hoffnung nach Südtirol kommen, dort ein besseres Leben führen zu können? In einer Portraitreihe von Lissi Mair, die seit vielen Jahren Obdachlose in Bozen unterstützt, möchten wir diese Menschen sichtbarer machen.

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