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Auf a Glas'l mit Josef Aspmair

Der Selbstversorger

„Wir müssen zurück zur Natur“, sagt Josef Aspmair. Der Querdenker und BioKistl-Gründer über das Umdenken in Ernährungsfragen und Urlauber, die ihr Essen selbst ernten.

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Bild: Thomas Tribus

Als ich beim Zotthof in der Tisner Fraktion Gfrill aus dem Auto steige, werde ich schon freundlich von einer Hühnerfamilie empfangen. Josef Aspmair setzt auf Freilandhaltung. Der Gedanke, ein Lebewesen einzusperren, von dem er lebt, ist ihm zuwider. Ich höre das Geräusch eines Traktormotors hinter der Scheune und finde dort auch gleich den Hofherren. Aspmair bastelt gerade an der Anhängerkupplung des Traktors. „Ich bin gleich bei dir, ich muss das nur noch schnell fertig machen“, ruft er mir zu. Dann gehen wir zusammen in seinen Garten. „Ich hole uns einen Apfelsaft, falls du was trinken willst“, meint er. Der Apfelsaft stammt vom BioKistl, das Aspmair vor 15 Jahren mit einigen Gleichgesinnten gegründet hat.

Du produzierst seit 1995 biologische Produkte auf deinem Hof, warum hast du dich entschieden, diesen Weg zu gehen?
Ich bin der Meinung, dass der Mensch wieder zurück zur Natur finden muss. Das kann er nur, wenn er ihr mehr zutraut und damit auch weniger auf Pestizide und andere Regulierungsmethoden zurückgreift. Leider ist es heutzutage so, dass die Lebensmittelindustrie hauptsächlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Das sorgt wiederum dafür, dass den Produzenten kaum noch eine Wahl gelassen wird, was den Anbau betrifft.

Nur weil ein Apfel nicht so ausschaut, wie es einem die Werbung verkauft, muss er nicht schlecht sein.”

Wie meinst du das?
Jeder Mensch muss überleben. Schließlich ist Bauer genauso ein Beruf wie Polizist oder Lehrer. Der Produzent muss sich danach richten, was der Markt verlangt. Und der verlangt nun mal die schönsten und qualitativ hochwertigsten Produkte. Eine völlig sinnlose Diskussion, wenn du mich fragst. Nur weil ein Apfel nicht so ausschaut, wie es einem die Werbung verkauft, muss er nicht schlecht sein. Diese absurde Denkweise schlägt sich natürlich auch auf die Natur nieder. Die Böden, Pflanzen und Tiere leiden darunter. Je mehr produziert wird, umso geringer ist die Qualität der Produkte.

Freilandhaltung auf dem Zotthof. 

Bild: Thomas Tribus

Du bist zu einem großen Teil Selbstversorger. Ist es schwer, als solcher zu überleben?
Nein, eigentlich nicht. Besonders nicht in Südtirol. Die Natur gibt uns hier sehr viel, ich glaube es gibt kaum eine Region auf der Erde, wo man das ganze Jahr über von dem leben kann, was einem die Natur gibt. Ich halte nicht viel von Importware. Ich verstehe nicht, warum wir im Winter Erdbeeren aus Südamerika haben müssen.

Trotzdem bietet ihr beim BioKistl aber auch Bananen an. Wie passt das zusammen?
Als wir damals bemerkten, dass die Nachfrage nach Lebensmitteln, die nicht in Südtirol angebaut werden, immer größer wurde, haben wir unser Zulieferernetz auf ganz Italien ausgeweitet. Die Importfläche wurde zwar größer, aber das war egal. Es widerspricht nicht unserem Grundgedanken der zentralisierten Produktion.

Welche anderen Gedanken standen damals hinter der Gründung des BioKistls?
Biologische Lebensmittel hatten damals den Ruf unbezahlbar und nur was für Reiche zu sein. Wir wollten das ändern. Noch dazu kam, dass wir die einheimischen Bauern und ihre Produkte unterstützen wollten.

Glaubst du, dass ein Umdenken in der Bevölkerung stattgefunden hat, was die Ernährung angeht?
Ja, das glaube ich schon. Der Mensch lebt heute gesünder und bewusster als noch vor 15 Jahren. Besonders die jungen Familien achten sehr darauf, was auf ihren Tellern landet.

Aspmair baut hinter seinem Haus Getreide an. 

Bild: Thomas Tribus

Du führst auch einen Gastbetrieb. Wie lässt sich deine nachhaltige Lebensweise mit dem Tourismus vereinbaren?
Meine Gäste ernten ihre Lebensmittel alle selbst. Was damals als Experiment begonnen hat, funktioniert heute richtig gut. Es gefällt den Menschen, dass sie ihre Lebensmittel selbst ernten können und so sehen, woher sie kommen. Es gibt hier keinen Überfluss oder Verschwendung, es wird geerntet, was gebraucht wird. Ich glaube auch, dass das Modell des klassischen Massentourismus überholt ist. Individualität, Abenteuerlust und Erleben ist heute oft wichtiger als Komfort und Ausstattung.

Werden der biologische und der konventionelle Anbau dauerhaft nebeneinander existieren können, oder wird in Zukunft eine der beiden Seiten die andere ausstechen?
Ich glaube nicht, dass sich das so leicht sagen lässt. Es kommt aber ganz darauf an, wohin sich der Mensch entwickelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich der biologische Anbau in Zukunft weiter verändern wird. Es wird in Zukunft mehrere Sparten von biologischen Lebensmitteln geben. Der biologische Markt ist sehr dynamisch. 

In Mals formierte sich Widerstand gegen die Ausbreitung der konventionellen Apfelanlagen im Vinschgau. Die Hauptsorge war die Abdrift der Pestizide. Was hältst du von den Sorgen der Bürger?
Eine solche Entwicklung, wie es sie in Mals gegeben hat, war längst schon überfällig. Die Gemeindeflächen in Südtirol breiten sich ständig aus, der Wohnraum wird größer. Dass sich bei dieser Entwicklung irgendwann zwei Parteien treffen, die unterschiedliche Interessen haben, ist nur logisch. Mir kommt es nur so vor, als gäbe es dort zwei Parteien, die einfach stur behaupten, dass das Recht auf ihrer Seite ist. Ich verstehe nicht, warum man keinen Dialog sucht, das wäre schon wichtig.

Danke für das Gespräch!

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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