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Der Migg

Er lebte in einer Höhle unter dem Schlern und drückte sich gerne vor der Arbeit. Über ein legendäres Unikum, das im ganzen Schlerngebiet bekannt war.

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Eines der wenigen Fotos vom Migg.

Bild: Dora Baumgartner

Auf einem Steintisch stehen Blechschüsseln, eine bauchige Weinflasche, ein Bierkrug und Pfannen, so als ob hier noch gestern wer sein Abendmahl verspeist hätte. Der Eindruck täuscht: Knapp 40 Jahre ist es her, dass ein Einsiedler, bekannt als der Migg, in der Höhle hinter dem Steintisch die Sommermonate verbracht hat.

Rechts hinter dem Steintisch sticht ein dunkles Loch unter einem wuchtigen Felsbrocken ins Auge. Um durch den eckigen Eingang in das Höhleninnere zu gelangen, muss man in die Knie gehen. Zugegeben, es wirkt nicht recht einladend. Drinnen wird man von einem modrigen Geruch und allerlei Insekten begrüßt. An der linken Höhlenwand liegt eine rote Pfanne auf einer improvisierten Kochstelle. Dahinter hockt auf einem Baumstumpf ein ausgestopfter Fuchs. Gleich neben dem Eingang, dort wo die Höhlendecke zum feuchten Boden abfällt, formen dicke Holzstangen ein Bettgestell. Auf Farnkräutern gebettet hat der Migg hier geschlafen, tief über seinem Kopf hing der Fels.

Franz Mich, so der richtige Name vom Migg, wurde 1898 in Atzwang als Sohn eines Bahnangestellten geboren. Sein Vater vermittelte ihm eine Stelle bei einem Bauern in Völs am Schlern. Vor dem Zweiten Weltkrieg ging der Migg nach Österreich und kehrte nach Kriegsende wieder zurück nach Südtirol. Dort angekommen war von seinen Eltern aber keine Spur mehr. Also beschloss er nach Völs zurückzukehren. Auf der Suche nach einem Quartier erinnerte er sich an eine Höhle unterhalb des Schlernmassivs. Dort, 40 Gehminuten vom Völser Weiher und der Zivilisation entfernt, verbrachte er fortan die Sommermonate.

„Er hat einfach dazugehört.“

Aufzeichnungen über sein Leben gibt es wenige. Der Großteil basiert auf mündlichen Überlieferungen und Erinnerungen von Zeitgenossen. Dora Baumgartner, damals noch Wirtin im Gasthaus am Völser Weiher und heute Chefin im Hotel Rose Wenzer in Völs, kann sich an den Migg noch gut erinnern. Regelmäßig schaute er bei den Wenzergitschn am Völser Weiher auf ein Viertl Roatn und eine Mahlzeit vorbei. „Er war die Bescheidenheit in Person, vielleicht ein bisschen naiv“, erzählt Baumgartner. „Er hat einfach dazu gehört.“

Gearbeitet soll der Migg nicht gern haben. Suppenknochen, Speckschwarten und einen Leps hat er von Bauern aus der Umgebung geschenkt bekommen. Mit dem Pilzesammeln verdiente er sich ein kleines Taschengeld. Die Pilze verkaufte er an Gastwirte, unter anderem an das Gasthaus von Dora Baumgartner. „Er hat nur Steinpilze und Pfifferlinge gebracht“, erinnert sie sich.

Eingekehrt ist der Migg auch auf der Tuffalm, an der man auf dem Weg zu seiner Höhle vorbeikommt. Sepp Haselrieder, der Hüttenwirt, war damals noch ein kleiner Bub. „Er war immer ganz schwarz im Gesicht“, erinnert sich Haselrieder. Als Kinder hätten sie sich vor ihm gefürchtet. „Wenn es net brav seid, holt enk der Migg!“, habe sein Vater die Kinder zum Gehorsam ermahnt.

Die letzten Jahre vor seinem Tod verbrachte Migg im Altersheim von Völs. Auch dann noch schaute er bei Dora Baumgartner vorbei, die seit Mitte der 70er-Jahre das Hotel Rose Wenzer am Kirchplatz führt. Am 17. Juli 1977 starb der Migg und wurde im Völser Friedhof begraben. Weil er keine Angehörigen hatte, die sich um sein Grab kümmerten, wurde es 13 Jahre später aufgelassen.

Die Höhle kann hingegen noch heute besichtigt werden. Die vielen Pfannen und Schüsseln, die geflochtenen Zäune und die geschnitzten Tierfiguren sind wohl erst nach seinem Tod zu Dekorationszwecken dazugekommen. Dora Baumgartner weiß, wie es noch zu Lebzeiten des Migg in der Höhle ausgesehen hat: „Er hat es sich richtig gemütlich eingerichtet. Mehr als ein paar Konservendosen zum Kochen, einen Dreifuß und maximal eine Pfanne hatte er aber nicht.“

Magdalena Jöchler

lebt und werkelt in Wien. Sie erzählt gerne Geschichten, die hoffentlich auch gelesen werden. Nein, sie ist nicht mediengeil.
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