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Interview mit Brigitte Gritsch

"Der Mensch im Mittelpunkt"

Wer in den Weltläden einkauft, findet nicht nur Waren. Brigitte Gritsch, Koordinatorin der Weltläden in Südtirol, über die Idee des fairen Handels und das Unwort Entwicklungshilfe.

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Bild: Brigitte Gritsch

Als naturverbunden und neugierig bezeichnet sich Brigitte Gritsch. Und als unheilbare Idealistin. Die 43-jährige Kommunikationsfachfrau aus Plaus koordiniert seit 2011 das Netzwerk der Südtiroler Weltläden. Ein Beruf zwischen Knochenarbeit und Herzensangelegenheit, der dazu beiträgt ein alternatives, faires Wirtschaften zu ermöglichen.

Sie koordinieren seit elf Jahren das Netzwerk der Südtiroler Weltläden. Warum braucht es diesen Einsatz?
Ich habe 2011 damit angefangen, Kampagnen für die Weltläden zu leiten. Dabei geht es vor allem darum, den Menschen den fairen Handel näherzubringen. Ich fand es immer schon schade, dass die Weltläden im öffentlichen Bewusstsein etwas untergingen — verständlich, wenn man bedenkt, dass die Bewusstseinsbildung rein von Freiwilligen abhing. Es gab keine Figur, die das Ganze koordinierte. Im Fairen Handel ist die Bewusstseinsbildung aber das A und O. Die Menschen müssen wissen, warum sie für ihren Kaffee oder Textilprodukte etwas mehr bezahlen sollen als anderswo. Und genau darum kümmere ich mich jetzt.

Der Kaffee, den wir im Weltladen finden, kann vielerorts auch im Supermarkt gekauft werden. Macht es denn einen Unterschied, wo wir den Kaffee kaufen?
Der Kaffee ist derselbe und auch für die Produzent*innen, die ihren Kaffee an einen der Importeure wie altromercato verkaufen, springt am Ende derselbe Betrag heraus. Der Unterschied ist der, dass man im Weltladen gleichzeitig die Weltläden und den Fairen Handel als solche unterstützt. Das kann auch bedeuten, dass der Kaffee manchmal etwas teurer ist als im Supermarkt, weil diese mit anderen Produkten Gewinne schreiben können. Das ist für uns oft schwierig und für die Kunden und Kundinnen nicht einfach zu verstehen. Die kleine Gewinnspanne, die wir auf die Produkte setzen, ist aber wichtig, um die Weltläden am Laufen zu halten. Es muss Strom bezahlt werden, die Miete, einige Teilzeitkräfte…

Zum größten Teil werden Südtirols Weltläden durch Freiwillige geführt. Wäre das alternative Wirtschaften, wie es die Weltläden bieten, ohne die ganze Freiwilligenarbeit überhaupt möglich?
Im Moment glaube ich, dass es anders nur sehr schwer möglich wäre. Es gibt zwar auch einige Läden, die mit größeren Gewinnspannen arbeiten, aber ich weiß nicht, inwiefern die Menschen in Südtirol bereit wären, acht oder neun Euro für ihr Packtl Kaffee zu bezahlen. Ich finde aber nicht, dass sich das unbedingt ändern muss. Ich sehe die Freiwilligenarbeit als großen Mehrwert. Es geht hier um eine Herzensangelegenheit. Wir verkaufen Geschichten, Hintergründe… Und es geht um den Menschen, der im Mittelpunkt steht.

Wie funktioniert dieser alternative Wirtschaftskreislauf eigentlich? Kaufen die Weltläden direkt bei den Produzent*innen in den einzelnen Ländern ein?
Nein, wir haben das einmal versucht, aber bei diesen kleinen Mengen zahlt sich der Import der einzelnen Produkte einfach nicht aus. Deshalb arbeiten wir mit altromercato, aber auch mit anderen Importeuren aus Italien, Österreich oder Deutschland zusammen. Das ist der eine Zwischenschritt, den es zwischen Produzenten und Produzentinnen und den Weltläden gibt. Manchmal kommt dann wie beim Kaffee oder bei Kosmetikprodukten noch ein Verarbeitungsprozess dazu, aber viele Produkte werden bereits vor Ort weiterverarbeitet.

 Fairafric führt den Verarbeitungsprozess der Kakaobohnen vor Ort durch. 

Bild: Südtiroler Weltläden

Welche Beziehung haben Sie selbst zu den Ländern, aus denen die Produkte stammen?
Ich habe vor einigen Jahren einige Produzentinnen und Produzenten besuchen dürfen. Ich war in Indien, auf Bali und auf Mauritius und konnte mir dort einige Projekte vor Ort anschauen. “Creative Handicrafts” in Indien zum Beispiel. Das ist eine Organisation in Mumbai, bei der Frauen aus den Slums Nähen lernen und sich dann in kleineren Gruppen in eigenen Nähateliers selbst organisieren. Zu sehen, wie stolz diese Frauen sind! Wie viel Würde ihnen diese Arbeit und die Möglichkeit, ihren Kindern eine angemessene Bildung zu finanzieren, gibt, ist extrem wertvoll. Und ich weiß, wofür ich letztendlich meinen Kopf herhalte. (lacht) Es geht aber nicht immer nur darum, Menschen in bereits kaputten Umfeldern zu unterstützen. Manchmal - wie bei einer Organisation auf Bali - geht es auch ganz einfach darum, das, was da ist, zu erhalten, das Land nicht kaputtzumachen. Aber natürlich gibt es auch im fairen Handel Schwierigkeiten. Es ist nicht immer alles heile Welt.

Wie können diese Schwierigkeiten aussehen?
Meine Wirklichkeit und meine Vorstellungen decken sich nicht immer mit jenen von anderen Personen. Wir in Südtirol oder in Europa ticken in vielen Hinsichten vielleicht ähnlich, aber in anderen Ländern ist das nicht unbedingt der Fall. Bei den Lieferterminen zum Beispiel! Das macht die Zusammenarbeit manchmal schwierig. Aber wer sagt, dass meine Wahrheit, die Art, wie ich arbeite, die richtige ist?

Wie wird dieser Konflikt gelöst?
Im fairen Handel gibt es eine relativ horizontale Kontrolle, die über die WFTO ermöglicht wird. Das ist wichtig, um die Konditionen nicht einfach nur von oben herab zu diktieren, sondern allen Handelspartner*innen ein Mitspracherecht einzuräumen. Einfach ist das nicht.

Das Wort Entwicklungshilfe gefällt mir überhaupt nicht. Es geht um eine partnerschaftliche Handelsbeziehung.

Apropos horizontale Hierarchien: In Südtirol wird mancherorts noch immer von “Dritte-Welt-Läden” gesprochen. Was sagt das über das Bewusstsein der Südtiroler Bevölkerung aus?
Ich wiederhole immer wieder gebetsmühlenartig, dass das Wort “dritte” gelöscht werden muss. Besonders unter der älteren Bevölkerung, aber auch bei manchen Jüngeren ist es nicht einfach, dieses Bewusstsein zu vermitteln. Es gibt keine bessere oder schlechtere Welt und keine erste, zweite, dritte oder vierte. Wir leben in einer Welt. Auch die Bezeichnungen Schwellen- oder Entwicklungsländer sind problematisch. Wer entwickelt wen? Bin ich weiter entwickelt, weil ich in Südtirol zur Schule gehen durfte? Wenn mich jemand in ein Land stellen würde, wo es kein Geschäft gibt, dann weiß ich nicht, inwiefern ich dort entwickelt bin. Jede*r ist in seiner Realität und Wirklichkeit gut, so wie er ist. Es geht darum, bei sich bleiben zu dürfen und nicht das Eigene auf andere zu projizieren. Die Idee der ersten, zweiten oder dritten Welt macht also keinen Sinn.

Das Thema ist für die Weltläden aber wahrscheinlich kein einfaches: Machen die Weltläden Entwicklungshilfe?
Nein, es geht eben nicht um Entwicklungshilfe. Wir sind ein Business. Wir betreiben Handel, klassisch und transparent. Wir kaufen bei den Importeuren ein, die wiederum bei den Produzent*innen einkaufen, der Preis wird gemeinsam definiert. Wir schicken keine Spenden. Es gibt natürlich Weltläden, die bestimmte Projekte unterstützen. Zum Beispiel wurde der Bau einer neuen Zuckermühle unterstützt, um die Unabhängigkeit der einzelnen Produzent*innen zu garantieren. Hier geht es aber nicht um Entwicklung, sondern um Unterstützung. Das Wort Entwicklungshilfe gefällt mir hier überhaupt nicht. Es geht um eine partnerschaftliche Handelsbeziehung. Wir versuchen die Beziehung partnerschaftlich zu unterhalten – und nicht so, dass der eine etwas diktiert und der andere nichts zu melden hat, wie es im Handel vielfach vorkommt.

Die Weltläden setzen in ihrem Sortiment vor allem auf Waren aus fernen Ländern. Nachhaltigkeit wird heute jedoch häufig mit lokaler Produktion und Regionalität in Verbindung gebracht. Passen diese beiden Realitäten zusammen?
Das war früher vielleicht so, als die Ware noch teilweise durch Missionare importiert wurde. Seit 2015 sprechen wir aber vom Domestic Fair Trade. In den Weltläden lassen sich heute viele Produkte aus Italien finden – das ist jetzt nicht so weit weg! In manchen Läden lassen sich auch Südtiroler Produkte finden. Wir sind die Ersten, die lokale Produktion unterstützen. Zusätzlich bieten wir aber noch eine faire Vielfalt an.

Das heißt, es geht den Weltläden vor allem darum, vor Ort funktionierende Handelskreisläufe aufzubauen – sei es in Südtirol, Italien oder anderen Orten der Welt.
Ja, genau. Das primäre Ziel der Fair-Trade-Produzenten und -produzentinnen ist es, die Ware im Land zu verkaufen. Der Export ist ein zusätzliches Einkommen. Ein fairer Handel kann auf dem Markt aber nur überleben, wenn es eine entsprechende Bewusstseinsbildung gibt.

Bild: Südtiroler Weltläden

Hat sich Ihr eigenes Konsumverhalten durch ihre Arbeit verändert?
Auf jeden Fall — obwohl ich dem Thema eigentlich immer schon viel Aufmerksamkeit geschenkt habe. Vor allem bei Bekleidung fällt es mir schwer, mich auf das klassische Angebot einzulassen. Es freut mich, dass die Weltläden ein größeres Angebot haben und dass es mehr Secondhand-Läden gibt! Auch bei den Lebensmitteln bemühe ich mich, faire, biologische und lokale Produkte zu kaufen. Seit Kurzem betreibe ich mit zwei Freundinnen einen Gemeinschaftsgarten, so kann ich sogar einige Dinge selbst produzieren. Ich war schon ewig in keinem großen Supermarkt mehr drinnen.

Geht das, ohne Supermarkt?
Es ist natürlich mehr Aufwand. Ich muss meine Einkaufsliste schreiben und manchmal zu drei, vier Orten gehen und nicht nur zu einem. Ich muss mitdenken und kaufe gezielt ein, wenn ich weiß, dass ich irgendwo vorbei fahre. Manchmal kaufe ich in einem der Dorfläden in Plaus ein – aber Großeinkäufe mache ich auch dort keine. Das erfordert natürlich viel Einteilung, spontan ist es schwer. Aber es geht um die Einstellung – und wenn man es gerne macht, geht es auch leicht von der Hand. Ich freue mich immer, auf den Bauernmarkt zu gehen, wo mir der Bauer vielleicht erklärt, wie er das eine oder andere anpflanzt hat, und natürlich auch darauf, in einen der Weltläden hineinzuschauen.

Ich mache diesen Job, weil ich eine hoffnungslose Idealistin bin. Ich weiß nicht, ob ich sonst diese Ausdauer hätte.

Der Start der Weltläden in Südtirol war eng mit der Kirche verknüpft: Missionare brachten Waren mit und in Brixen, wo in den 80er-Jahren der erste Weltladen Südtirols (und Italiens) entstanden ist, stellte die Kirche die Räumlichkeiten zur Verfügung. Wie sieht diese Beziehung heute aus?
Das ist sehr unterschiedlich. Einige Läden sind in den Räumlichkeiten der Kirche untergebracht, andere haben sich losgelöst. Aber die Kirche hat den Start sicherlich erleichtert. Heute gibt es keine wirkliche Zusammenarbeit mehr, aber die Weltläden sind mit verschiedenen Organisationen vor Ort verknüpft. Hier bieten sich manchmal auch Schnittstellen mit der Kirche an, beim Suppensonntag zum Beispiel. Eine Kampagne ganz alleine abzuwickeln ist Knochenarbeit. Die Zusammenarbeiten vor Ort sind also enorm wichtig.

Sie sind selbst auch gläubig. Hat dieser Glaube Ihre Berufswahl beeinflusst?
Nein, ich mache diesen Job, weil ich eine hoffnungslose Idealistin bin. Ich weiß nicht, ob ich sonst diese Ausdauer hätte — ohne tiefe Überzeugung schafft man diesen Job wahrscheinlich nicht (lacht). Vielleicht hilft mir der Glaube dabei, an meiner Überzeugung festzuhalten. Aber ich bin keine aktive Kirchgängerin und der Glaube ist für mich auch mehr als ein rein christlicher Glauben. Wir haben so vieles nicht in der Hand! Wenn ich das Ganze nüchtern betrachten würde, würde ich sofort aufgeben. Aber ich bin überzeugt, dass es etwas mit der Welt macht, wenn wir alle kollektiv positiv denken. Die Frage, inwiefern mein Idealismus etwas mit meinem Glauben zu tun hat, habe ich mir eigentlich nie gestellt.

 

Die Weltläden brauchen Unterstützung! Schaufenster, Buchhaltung und Kampagnen werden von unzähligen Freiwilligen – jung, alt, Mann, Frau, anderes – gestaltet. Wer selbst mithelfen möchte oder eine Idee hat, wie sich die Weltläden stärken ließen, kann sich direkt vor Ort an die Weltläden oder an Brigitte Gritsch wenden.

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