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Martin Fliri Dane im Porträt

Der Marillenpapst

Martin Fliri Dane hat sich den Marillen verschrieben. Aber nicht nur den Vinschger, sondern auch jenen aus dem Himalaya. Ein Besuch in seinem Marillenacker, wo beide gedeihen.

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Martin Fliri Dane – ein Charakterkopf. Marillenmacher und Wursterfinder.

Bild: Petra Schwienbacher

Während andere raufkraxeln, um die Marillen frisch von den Bäumen zu pflücken, kniet er unter ihnen. Auf allen Vieren robbt er Zentimeter um Zentimeter voran, schiebt zwei weiße Eimer vor sich her und legt die Marillen einzeln hinein. Eine, zwei, drei. Die unversehrten in den linken, die mit Dellen oder braunen Flecken in den rechten Eimer. Aus den linken wird Marmelade, aus den rechten Schnaps.

Die meisten Bauern pflücken ihre Marillen direkt vom Baum. Nicht aber Martin Fliri Dane. Er kniet sich vor seine knorrigen Bäume wie ein Gläubiger zum Gebet. Marillen muss man eben genau dann ernten, wenn sie reif sind. Fallen die Marillen von den Kronen, dann ist sich Fliri Dane sicher: Sie sind 100 Prozent reif. Plopp. Eine Marille fällt vom Ast. Plopp, plopp. Orange, weich und saftig fallen nacheinander die Marillen von den Bäumen. Fliri Dane sammelt sie ein. Baum für Baum kriecht er den Rasen ab, macht „piazza pulita“, wie er sagt. „Praktischer geht es ja gar nicht“, lacht der Vinschger. „Das ist ja wie im Märchen Sterntaler.“ Morgen wiederholt er die Prozedur. Ungefähr 14 Tage lang geht das so. Bis die letzte Marille im weißen Eimer ist. 

Bild: Petra Schwienbacher

Vinschger Ur-Marille

Martin Fliri Dane ist schon Tage vor der Ernte durch seine Anlage gestreift, um den richtigen Moment nicht zu verpassen. Immerhin ist er der Marillenpapst, so nennt man ihn. Da muss alles ganz genau zugehen. Seit 30 Jahren wächst hier auf dem kleinen Marillenacker in Laas die samtige Vinschger Marille. Damals hat Martin Fliri Dane den ersten Ableger vom 120 Jahre alten Marillenbaum seines Großvaters gemacht. Aus diesem knorrigen alten Baum belzt Fliri Dane immer wieder neue Bäume, um die Vinschger Ur-Marille weiter zu züchten.

Früher, als er noch ein kleiner Bub war, hat er seinem Großvater schon bei der Marillenernte geholfen. Damals gab es noch keinen Traktor und so sind sie jeden Tag mit den Kühen zum Feld spaziert, die die Marillen im Wagen zum Hof transportierten. Damals hatte man noch lange Leitern für die Bäume, die doppelt so hoch waren wie heute. Da hieß es Leiter anstellen, raufklettern, runterklettern, Leiter neu anstellen. Eine mühsame Arbeit. „Heute würden sie einen alle auslachen, aber irgendwie ging es“, erinnert sich Martin Fliri Dane schmunzelnd an die Zeit zurück. Damals waren es die Marillen, die die Landschaft prägten, noch nicht der Apfel. Erst vor einigen Jahrzehnten hat der Apfelanbau die Marille im Vinschgau zurückgedrängt.

Der knorrige alte Baum in der Mitte stammt aus dem 19. Jahrhundert. Aus ihm züchtete Martin Fliri Dane seine Marillen-Anlage.

Bild: Petra Schwienbacher

Doch die Vinschger sind stur, sagt man, und so haben sich einige nicht davon abbringen lassen, die Tradition des Marillenanbaus fortzuführen. Unter anderem Fliri Dane. Er war einer, der in der Marille großes Potential erkannt hat und sich nicht vom Trend Apfelanbau anstecken ließ. Im Gegenteil: Er hatte noch viel vor mit der Marille.

Ein Lotteriespiel

Jeden Tag, an dem Martin Fliri Dane die reifen Marillen vom Boden aufklaubt und in die Kübel legt, fängt seine Köchin um ein Uhr mittags an, daraus Marmelade zu kochen. Auch heute. 70 Kilo baumgereifte Marillen wird er heute abliefern und seine Köchin wird bis neun Uhr abends Marmelade kochen. Ein guter Nebenverdienst, immerhin ist die Vinschger Marille die aromatischste am Markt.

Aber sie hat auch die empfindlichste Haut. „Sie ist das Schmetterlingskind unter den Marillen“, sagt Fliri Dane. Von der ersten bis zur letzten Marille, die er erntet, vergehen rund zwei Wochen. Es ist ein Lotteriespiel. Ob das Jahr ein gutes Marillenjahr wird, das wissen die Bauern im Frühjahr meist noch nicht. Denn Blütenfröste und eventuelle Krankheiten können die Ernte behindern. Aber auch der Regen. Regnet es während der Ernte nicht, erntet Fliri Dane eine Traumware. Regnet es eine ganze Nacht, bekommt die Haut der Frucht kleine Risse, braune Flecken und eignet sich nicht mehr für den Frischmarkt. „Dann ist man schon am Arsch des Propheten.“

Für Martin Fliri Dane ist die Ernte eine Arbeit auf Knien.

Bild: Petra Schwienbacher

Bis jetzt hatte er Glück. Nur einige haben Dellen, braune Flecken oder Wurmlöcher. Die verarbeitet Fliri direkt vor Ort zu Maische – dafür hat Fliri Dane eine eigene „Marillen-quetsch-Maschine“ entwickelt und bauen lassen – und verkauft sie dann an die Brennereien. Heute hat er Pech, das Stromaggregat funktioniert nicht. Er muss die Marillen wie früher von Hand quetschen. Dann kommen sie in die Fässer, wo der Gärvorgang bereits einsetzt.

Ein Spinner

Martin Fliri Dane ist 1949 in Taufers im Münstertal geboren. Sein Lebenslauf: ebenso lang wie beeindruckend. Der Vinschger Lebemensch war Fotograf und begleitete zwei Skisaisonen den Steilwand-Skifahrer Heini Holzer mit der Kamera auf seinen waghalsigen Touren. 18 Jahre lang war er Redakteur bei den „Dolomiten”, 14 Jahre lang Sekretär, neun Jahre lang humorvoller Touristenführer und schließlich drei Jahre lang Kellermeister im Nobelhotel „Palace“ in St. Moritz. Er ist der Erfinder der „Blocher Wurst“ – eine Wurst, die er nach dem umstrittenen SVP-Politiker Christoph Blocher benannte, patentieren ließ und jetzt noch auf Metzger hofft, die die Blocher-Salsiz produzieren möchten.

Ja, Martin Fliri Dane ist ein vielseitiger Mann, ein wacher, interessierter und erfinderischer Geist. Einige Menschen im Dorf bezeichnen ihn als „Spinner“. Fliri Dane sagt dazu: „Das mag sein, die anderen sind aber eben zu faul zum Denken.“ Dass er bei manchen als Spinner gilt, hat einen Grund. Der Marillenpapst baut nämlich nicht nur die Vinschger Marille an, sondern auch die Marille aus dem Hunzatal im Karakorum, einem bis zu 8.611 Meter hohen Gebirge in Zentralasien.

„In einem Dorf wird man beobachtet und wenn man solche Blödsinne macht, dann werden Witze darüber gemacht.“

In diesem Gebirge im Westhimalaya werden mehrere Sorten Marillen angebaut. Acht davon hat Fliri Dane nach Südtirol geholt. Wenn die im Himalaya so gut wachsen, dann müsste das doch auch in Südtirol klappen, dachte er sich.

Die Bewohner des Hunzatals kennen das Veredeln nicht, sie züchten ihre Bäume durch Kerne weiter. Diese Kerne hat sich Fliri Dane beschafft und steckte sie auf seinem Versuchsfeld in Laas im Frühjahr in den Boden. Gewachsen ist nie etwas. „Ich wollte eigentlich schon mit meinen Experimenten aufhören“, gibt Fliri Dane zu. „In einem Dorf wird man beobachtet und wenn man solche Blödsinne macht, dann werden Witze darüber gemacht.“ Doch so schnell gibt ein Erfindergeist eben doch nicht auf.

Beim nächsten Versuch pflanzte er die Kerne im Herbst in die Erde und siehe da: Im Frühjahr ragten erste kleine Triebe aus der Erde. Das hat sich herumgesprochen. „X-Leute wollten solche Bäume haben“, erinnert sich Fliri Dane. Doch nicht überall ist die Himalaya-Marille gewachsen. Und so „loben ihn die einen in den Himmel, die anderen verfluchten ihn in die Hölle, wie das eben so ist“. Geld verdient Fliri Dane mit den Hunzamarillen noch nicht, aber das Experimentieren macht ihm Spaß und es ist etwas, das bleibt, glaubt er und grinst: „Irgendwann werden sie von der Fliri-Hunzamarille reden, noch lange nachdem ich nicht mehr da bin.“

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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