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Designer Michael Klammsteiner

Der Kleiderpsychologe

Michael Klammsteiner kreiert Gefühlshüllen. Was für die meisten Menschen schlichter Stoff ist, bedeutet für den jungen Designer die Rückkehr zur Natur.

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MICLE: Von der Natur zum Design
Bild: Michael Klammsteiner

„Wir müssen wieder zu unserem wahren Mensch-Sein zurück finden“, sagt Michael Klammsteiner und nimmt ein Stück Stoff zwischen seine Finger. Fein gewobene Seide, die der Bozner Designer selbst mit Holzschablonen und Naturfarben bedruckt hat. Bewegt man den Stoff im Licht am Fenster seines Ateliers, schimmert er wie tausend kleine Schneekristalle in der Sonne.

„Mir liegt es, den Charakter der Kunden in der Mode widerzuspiegeln.“

Für seine Kreationen verwendet Michael ausschließlich Naturmaterialien. „Mein Ziel ist es, natürliche und vor allem heimische Produkte zu verwenden, weil das am meisten Sinn macht“, meint er. Seine Kleidungsstücke sollen am Ende nicht zu Müll werden, sondern in der Kultur und dem Lebensrhythmus in Südtirol etwas verändern. Wie der junge Mann das schaffen will? Indem er sich mit seinen Kunden auseinandersetzt und ihnen individuelle, personalisierte Einzelstücke auf den Leib schneidert. „Mir liegt es, den Charakter der Kunden in der Mode widerzuspiegeln“, meint Michael selbstbewusst. Und genau dadurch bekomme das Stück eine besondere Wertigkeit. „Gefühlshüllen“ nennt Michael das, was am Ende dabei rauskommen soll.

Stoffe berühren den jungen Designer

Bild: Lisa Maria Kager

Um seine eigenen Gefühle auszudrücken, schlüpfte der gebürtige Bruneckner als Jugendlicher gerne in düstere Emo-Outfits, glättete sich die Haare und hörte Musik von Tokyo Hotel. „Es war eine Herausforderung, sich mit diesem Style durchzusetzen, bis die Gesellschaft sich demgegenüber geöffnet hat“, erinnert sich Michael, der immer schon gerne auf seinem ganz individuellen Weg unterwegs war. Nach einer Ausbildung zum Schlosser und später zum Grafiker entschied er sich schließlich doch noch für eine Ausbildung an der Modeschule Esmod in München und Berlin. Den anspruchsvollen Ruf, der der Ausbildung vorauseilt, kann der junge Designer bestätigen: „Ich habe im Prinzip drei Jahre nichts anderes gemacht als zu schneidern. Das war hart.“

Seinen Abschluss hat er mit einer eigenen Kollektion in Berlin gefeiert. Michaels Männermode mit Eisendetails konnte nicht nur den Jurypreis abräumen, sondern fand auch in der Modewelt großen Anklang. Sofort hat man dem jungen Talent eine Stelle beim italienischen Modelabel Diesel angeboten. Doch Michael lehnte dankend ab und folgte seinem Bauchgefühl lieber nach London. „Bis zu zehn Stunden täglich haben wir dort im Designstudio an verschiedenen Kollektionen gearbeitet“, erzählt der 28-Jährige. Für den selbsternannten Naturburschen eindeutig zu wenig Zeit im Freien. Weil ihm auch der Trubel in der Stadt bald zu viel wurde, entschied sich Michael, wieder nach Südtirol zurückzukehren.

In seiner Heimat fehlen dem jungen Mann Schneider, die das Handwerk so gut beherrschen, dass sie spezielle Einzelstücke fertigen können, die für den Kunden aber trotzdem noch leistbar bleiben. „Es braucht einfach jemanden, der das mit einem gewissen Design und internationaler Erfahrung umsetzt, ohne dabei gleich zu traditionell oder zu schlicht zu werden“, resümiert er. Dabei seien die abstrakten und sehr sensiblen Ideen eines Designers mit Geld eigentlich gar nicht bezahlbar. Trotzdem muss Michael mit seinem Beruf einen Platz in der Gesellschaft finden. Auch wenn die Möglichkeiten in einer Großstadt wie Berlin für ihn bestimmt besser gewesen wären, fehlt ihm dort die Vitalität der Natur, die Sinnlichkeit und Ruhe.

MEntwürfe

Bild: Lisa Maria Kager

Nach einer Arbeitserfahrung als Designer bei der Kleidermarke ReBello hat er sich nun im Coworkingspace Vitamin in Bozen niedergelassen. Das Atelier seiner eigenen Marke MICLE sind zusammengewürfelte Tische, verteilt über den ganzen Raum, die an eine bunte Stationenwerkstatt erinnern. Auf jedem von ihnen liegt ein kleiner Einblick in Michaels Ideenwelt: bunte kleine Papiere mit Bleistiftskizzen, Stofffetzen, Steinen, Blättern und Bildern. Schlendert man gemeinsam mit dem kreativen Kopf durch diesen Parcours, taucht man in eine Welt zwischen Natur und Mode ein. „Dieser Stoff hier erinnert an den Panzer eines Käfers, der in der Sonne schimmert“, sagt Michael und schiebt seine Hand zum Präsentieren unter die rot bedruckte Seide. Der Mensch ist in seinen Augen nichts anderes als eine Pflanze, ein Teil der Natur. Deshalb sollten wir mit ihr im Einklang leben und uns natürlich auch mit ihr kleiden.

„Die Schönheit der Natur ist für mich der Schlüssel zum Herzen.“

Pigmente, Läuse, Blätter, Wurzeln – die Farben in Michael Klammsteiners Spektrum kennen keine Grenzen. Mit uralten Techniken versucht er, die Stoffe aus Leinen, Hanf oder Seide ganz individuell zu bedrucken und so Einzelstücke zu fertigen. „Die Schönheit der Natur ist für mich der Schlüssel zum Herzen“, meint er, „sie ist die Kunst, die ich wahrnehme und die mich erfüllt.“

Der Seidenstoff wird mit Holz und Naturfarben bedruckt

Bild: Lisa Maria Kager

In Michaels Kollektionen soll die Natur immer über der Mode stehen. Jeder Stoff, den der Designer kreiert, soll als Gemälde fungieren, das deren Schönheit in jeder Faser widerspiegelt. Nur so können seine Kunden wieder eine Sensibilität für die Natur entwickeln, da ist sich der junge Mann sicher. Von selbst wieder auf unseren Ursprung zurückzukommen, sei schwierig in einer schnelllebigen Welt wie der unseren. „Die Zeit in der Welt ist zu kurz, um wirklich tiefgründige Dinge zu realisieren. Außerdem hat der Mensch keine Geduld mehr, etwas entstehen zu lassen“, erklärt der 28-Jährige.

Gefühlshülle

Bild: Michael Klammsteiner
Von der Vision über den Entwurf bis hin zum Schnitt und zur Schneiderarbeit erledigt Michael alles selbst. Noch wichtiger als die Umsetzung ist ihm dabei stets die Botschaft hinter jedem Stück. Für die Zukunft träumt Michael von einem Ort, an dem ein Designer, Künstler und Visionär verschiedene Handwerker zusammenbringt. Dann sollen Schritt für Schritt Unikate entstehen, wobei jeder seinen Teil dazu beiträgt.

Momentan arbeitet er aber noch alleine an einem Stück mit einem Druck, der an ornamentale Fresken erinnert. „Das sollen dann so Jackilan und lange Blusen werden“, erklärt Michael und führt zum Tisch mit den passenden Ideen – „jedes Muster hat dabei seine eigene Historie.“ Eine Geschichte, die Michael für jeden seiner Kunden ganz individuell erzählen will. Eine Geschichte von der Natur und vom Menschen. „Mode muss berühren und den Menschen, die Kultur, die Tradition reflektieren“, meint er.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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