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Ein Südtiroler in Indien

Der indische Weihnachtsmann

Thomas Ebner reist Jahr für Jahr nach Indien, um für die Waisenkinder im Kinderdorf den Weihnachtsmann zu spielen.

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Bild: Thomas Ebner

Über ein Jahr lang musste Thomas Ebner verhandeln, als er sich Anfang der 90er-Jahre einen Oldtimer kaufen wollte. Dieser gehörte einer Dame namens Hanna-Maria Menne. „Am Ende bekam ich ihn nur, weil ich das Geld für den Wagen an ein Kinderdorf im indischen Goa spendete“, erzählt Thomas Ebner. Noch heute muss er über das verrückte Geschäft schmunzeln. 27 Millionen Lire war der Oldtimer damals wert. Geld, das das Kinderdorf gut gebrauchen konnte. Wenige Zeit nach dem Kauf wurde Thomas zur rechten Hand der mysteriösen Dame und schließlich sogar zum Weihnachtsmann im Kinderdorf.

Die Wienerin Hanna-Maria Menne, die heute in Eppan lebt, hatte dem Projekt in Indien kurz nach der Gründung 1987 zwei Häuser gestiftet. Seitdem ist sie im Dorf die für alle sorgende „Mamma Menne“. Bereits über 80 Mal hat sie das Zentrum in Goa besucht und reist auch heute, im Alter von 85 Jahren, jedes Jahr für einige Monate ins Kinderdorf.

Mamma Menne und einige Kinder

Bild: Thomas Ebner

Aus ursprünglich vier Häusern sind mittlerweile 22 geworden. 19 davon bewohnen jeweils acht Kinder und eine Hausmutter. Diese passt auf ihre Schützlinge auf, schickt sie in die Schule, unterstützt bei den Hausaufgaben und kocht für die Kinder. Neben dem Kinderdorf gibt es im Agnel Ashram einen weiteren Komplex mit einem Kindergarten, einem Gymnasium, einer Berufsschule, einer Technischen Hochschule, einer Fachhochschule für Frauenberufe und einer Hotelfachschule. Insgesamt fasst er 5.000 Schüler und Studenten, darunter auch die Kinder aus dem Kinderdorf.

Es ist Abend in Indien, der 21. Dezember. Tagsüber ist es noch an die 30 Grad heiß, abends sind die Temperaturen kühler. Helles Flutlicht beleuchtet den Fußballplatz des Kinderdorfes. Bevor die Kinder für ein paar Tage zu Verwandten und Bekannten reisen, haben sich alle hier versammelt, um gemeinsam Weihnachten zu feiern – von den Hausmüttern über die Pater und die Koordinatorin Sister Jennifer bis hin zu den 152 Kinderdorf-Kindern. Kurz vorher haben diese noch in den buntesten Farben das Krippenspiel nachgestellt.

Santa Claus

Bild: Thomas Ebner

Jetzt hingegen bimmelt eine laute Glocke von den Häusern her. In der Ferne zeigt sich ein roter Punkt. „Santa Claus!“, schreien die Kinder und stürmen auf den bärtigen Mann los. Der wirft Süßigkeiten in die Luft und startet eine Verfolgungsjagd mit den Kleinen. Immer wieder versuchen sie den weißen Bart vom Gesicht des Mannes zu ziehen, um zu sehen, wer dahinter steckt. „Am Ende musste ich mich ergeben“, meint Thomas Ebner und lacht.

An die 25 Mal hat er bereits den Santa Claus im Kinderdorf gespielt, um den Kindern in der Vorweihnachtszeit etwas „action“ zu bieten. In der Öffentlichkeit steht er wegen dieser Aktion ungern. Lieber spricht er über das Projekt in Indien und darüber, was ihm sein Auftritt als indischer Weihnachtsmann bedeutet: „Es geht nicht darum, in den Urlaub zu fahren, sondern etwas Sinnvolles zu tun, wenn man irgendwohin reist.“

Sein erstes Mal in Indien beschreibt er als verstörend. „Komische Gerüche, Dreck und Menschenmassen“, sagt Thomas, „auch wenn Goa etwas milder ist, weil es 500 Jahre lang portugiesisch war.“ Während im Norden des indischen Bundesstaates Partys, Alkohol und Prostitution im Mittelpunkt stehen, sei der Süden etwas ruhiger. Doch was Thomas seit seinem ersten Besuch am meisten begeistert, ist die Zufriedenheit der Kinder. „Obwohl sie nichts besitzen, sind sie dort in der Gemeinschaft reicher als sonstwo“, meint der Eppaner.

Leiterin Sister Jennifer und Mamma Menne

Bild: Thomas Ebner

Dann zeigt er auf ein Foto, das er zum Interview mitgebracht hat. Es zeigt ein breit grinsendes indisches Mädchen. „Sie war ein Straßenkind“, erzählt Thomas. Sie und ihr Bruder kämpften mitten im indischen Chaos jeden Tag ums Überleben, bis sie ihren Platz im Kinderdorf fanden. Weil die Kinder so lange Zeit für sich selbst verantwortlich gewesen waren, fiel die Integration anfangs schwer. Schließlich wurden die beiden von einem Unternehmer-Ehepaar adoptiert. „Doch obwohl ihnen eine gute Zukunft sicher war, wollten sie nach kurzer Zeit wieder zurück ins Kinderdorf“, erzählt Thomas und grinst, „unglaublich.“ Der 47-Jährige kann sich mit den Kindern im Kinderdorf gut identifizieren. Auch er ist ohne Vaterfigur aufgewachsen. Für die Kinder im Dorf übernimmt er diese Rolle bei seinen Besuchen immer wieder gerne.

Zurück in Eppan steht Thomas Ebner in den verschneiten Weinbergen – Bauer ist sein eigentlicher Beruf. Gemeinsam mit „Mamma Menne“ schmiedet er aber bereits neue Pläne. „Daughters of India“ ist ein Projekt, das indischen Frauen jeden Alters den Zugang zu Bildung ermöglichen soll. „Frauen werden in Indien generell mit Füßen getreten, und das kann man nur durch Bildung ändern“, sagt Thomas.

Und dann: Weinberge gebe es auch in Goa. Genauso wie Reis- und Kokosnussplantagen. Auf die Frage hin, ob er irgendwann für immer ins Kinderdorf ziehen möchte, schmunzelt er nur. „Ich habe schon oft darüber nachgedacht“, meint er, „wer weiß, was das Leben noch bringt.“

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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