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Auf a Glas'l mit Manuel Gruber

Der Drang zum Politischen

Manuel Gruber ist der neue Kopf der Südtiroler HochschülerInnenschaft. Ein Interview über Studierende als Politiker und Politikum.

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Bild: Manuel Gruber

In den 1950er-Jahren gegründet, kümmert sich die Südtiroler HochschülerInnenschaft bis heute um die Belange der Südtiroler Studierenden. Zahlreiche bekannte Südtiroler Persönlichkeiten wie Luis Durnwalder standen ihr bereits vor. In diesen Reigen reiht sich nun auch Manuel Gruber, 21, aus Kortsch bei Schlanders ein. Er studiert in Salzburg Politik- und Kommunikationswissenschaft und ist seit Dezember vergangenen Jahres SH-Vorsitzender.

Manuel, was hat dich dazu gebracht, als Vorsitzender der SH zu kandidieren? 
Nun ja, mich hat es immer schon gereizt, etwas zu bewegen, damit es meinen Mitmenschen – und in diesem Fall den Studierenden – konkret besser geht, also Dinge anzupacken. Da ich auch schon im letzten Vorstand der SH tätig war, bin ich zudem gefragt worden, ob ich nicht Lust hätte, den „Laden” weiterzuführen. So hat es sich dann ergeben. 

Du bist ja nicht ganz neu im „Geschäft”: Jugendbeirat in Schlanders, Studienvertretung in Salzburg, 2017 im SH-Vorstand und jetzt deren Vorsitzender… Bist du ein Karrieremensch oder was fasziniert dich an der Gremienarbeit?
Ich mache es einfach gern. Es ist vielleicht der Grundtrieb, der Drang des „Zoon Politikon ”. Jedoch muss ich den Begriff „Karrieremensch” insofern ablehnen, als ich die Aktivität in verschiedenen Institutionen nicht als Sprungbrett für eine spätere Politkarriere sehe. Aber klar lernt man immer wieder auch Nützliches dazu, gerade was vernetztes Zusammenarbeiten mit anderen Akteuren angeht, was der Praxis moderner Politik doch nahekommt. Mit meinem Tun verfolge ich auch nicht ein gewisses ideologisches Ziel, und ich bin auch nicht einer, der auf Biegen und Brechen irgendeine Position vertritt. Ich bin da eher der pragmatische Realist.

Bewahrheiten sich die Kenntnisse, die du in deinen Studienfächern erwirbst? Sprich, sind deine Tätigkeiten auch eine Art „Praktikum” für einen Politik- und Kommunikationswissenschaftler? 
Ja, sicher irgendwie! (lacht) Es geht in den Fächern, zumal in Kommunikation, um sehr Grundlegendes des menschlichen Zusammenlebens, sodass sich das auch in meiner Erfahrung widerspiegelt. Ehrlichkeit, Offenheit, Dialogbereitschaft – schon öfters habe ich gesehen, wie wichtig diese Prinzipien sind. Und das nicht nur im Lehrbuch. 

„Heute fehlt durch den Bologna-Prozess und die damit verbundene Verschulung des Studiums vielen die Zeit dafür, sich innovativ und kritisch mit den politischen Verhältnissen auseinanderzusetzen.”

Heuer vor 50 Jahren beherrschten überall in der westlichen Welt die Studierenden die Schlagzeilen. Sie forderten und begannen einen politischen und kulturellen Aufbruch. Wie schaut es heute aus? 
Die Rahmenbedingungen für politisches Engagement haben sich seit 1968 nicht ganz zugunsten der Studierenden entwickelt. Heute fehlt durch den Bologna-Prozess und die damit verbundene Verschulung des Studiums vielen die Zeit dafür, sich innovativ und kritisch mit den politischen Verhältnissen auseinanderzusetzen: Wer hat denn dazu noch Lust bei massiver Anwesenheitspflicht, enger Fristsetzung und so weiter? Wenige. Noch dazu ist das Leben wohl teurer geworden, viele müssen jobben, um sich ihr Studium zu finanzieren. Auch das gestiegene Konkurrenzdenken und die Angst, später mal arbeitslos zu sein, wenn man sich nicht voll und ganz aufs Studium konzentriert und darin glänzt, begünstigen nicht gerade studentisches Engagement. 

Ist das von oben gewollt? Will man sich unangenehme junge Stimmen ersparen?
Das ist Spekulation. Ich weiß es nicht, aber wohl kaum. Aber natürlich nützt es gewissen Kreisen, besonders der Wirtschaft, wenn junge Menschen so schnell wie möglich ihr Studium abschließen und in den Arbeitsmarkt einsteigen und nicht durch ihr gesellschaftspolitisches Engagement dem Arbeitsmarkt erst später zur Verfügung stehen.

Welche Themen brennen den Südtiroler Studierenden aktuell unter den Nägeln?
Die meisten SüdtirolerInnen studieren ja in Österreich und sind daher von den hochschulpolitischen Veränderungen betroffen, die sich unter der neuen Regierung abzeichnen – also vor allem allgemeine Studiengebühren und das Ende der Rückerstattung der Studiengebühren für werktätige Studierende. Daneben gibt es solche Dauerbrenner, die die SH seit jeher beschäftigen, etwa die Studientitelanerkennung. Einiges ist zwar durch den italienisch-österreichischen Notenwechsel erreicht, aber in der Materie ändert sich ständig was und man muss am Ball bleiben. 

Und wie kann die SH gegen diese Probleme ankämpfen? 
Na ja, wichtig ist der Austausch mit den unterschiedlichen Institutionen, die jeweils involviert sind, auf Landesebene, aber mitunter auch im Parlament (wie kürzlich, als die SH in Zusammenarbeit mit der JG und dem Abgeordneten Schullian einen Gesetzentwurf zur Ermöglichung von Zweitstudien in Italien eingebracht hat). Im Wesentlichen also dreht sich alles um die Auseinandersetzung mit der Politik...

… und dabei soll die SH kooperativ oder konfliktorientiert sein?
Ich finde es immer sinnvoller, Dinge gemeinsam anzugehen und auf Streitereien zu verzichten. Das ist vielleicht manchmal schwierig, da die Politik heute immer wieder kurzfristig denkt und in manchen Fällen so wenig beständig wie die öffentliche Meinung ist. Zudem vertritt sie nicht immer die Interessen der Studierenden, sondern die von möglicherweise einflussreicheren Bevölkerungsteilen. 

„Zuletzt fehlt in Südtirol nach wie vor immer wieder das Bewusstsein, dass Studierende – selbst dann, wenn sie nur für das Studium hier sind – das Geistesleben immens ankurbeln und bereichern, andere Lebens- und vielleicht auch Politikvorstellungen mitbringen.”

Wie schätzt du die Lage der SH heute ein? Und welches Bild hast du von ihrer Rolle – soll und darf sie politisch sein oder muss sie neutraler werden? Darüber entzweien sich die Meinungen ja
Ich denke der Zustand der SH ist recht solide. Wir haben eigentlich keine personellen Probleme, es finden sich immer noch motivierte und engagierte Leute, auch wenn es schwieriger wird. Zur anderen Frage: Die SH war immer politisch, insofern sie sich notwendigerweise in die Politik einmischen musste und muss. Daneben verlangen die Studierenden aber auch reinen Service, vor allem Beratung, der neutral ist und bleiben wird. Neutralität, also Offenheit gegenüber allen, und Sachorientierung sind mir durchaus auch Anliegen. 

Aus nicht wenigen SH-Vorsitzenden wurden Leute, die sich in Politik und Wissenschaft einen Namen gemacht haben und die unsere Gesellschaft prägten und prägen. Was ist deine Vision für Südtirol?
Hmm, eine komplexe Frage. (lacht) Ein großes Potenzial haben wir ja in unserem Land. Vielleicht sollten wir das besser schätzen und ausbauen lernen. Ich denke da an die berühmte Brückenfunktion und die Zweisprachigkeit...

… also her mit der gemischtsprachigen Schule und weg mit Trennendem wie dem Proporz?
Das sind heiße Eisen. Man sollte sie vorsichtig angehen, vielleicht etwas weniger polemisch. Es gibt da Für und Wider. 

Die Gründung der Bozner Uni war auch die Erfüllung einer langjährigen Forderung der SH; dennoch gibt es in der Landeshauptstadt bis dato keine Hochschulgruppe der SH. Woran liegt das eigentlich? Und wie ist die Beziehung zu den Studierenden der Uni BZ? 
Es schaut derzeit so aus, dass im Ausschuss der SH der Sitz für die Studierenden der Uni Bozen wieder besetzt werden kann. Sie sind also durchaus vertreten. Aber ich denke, dass vielleicht auch ihrerseits weniger Interesse an der Gründung einer „Außenstelle” der SH bestand, da sie ein eigenes Repräsentationssystem an der Uni haben. Dennoch ist es natürlich wichtig, als SH im Land und besonders in Bozen Präsenz zu zeigen, auch für die Studierenden in Bozen. 

In einem Interview mit BARFUSS stellte dein Vorgänger Benno Elsler einen Nachholbedarf der Hochschulstandorte Südtirols in Sachen Attraktivität für Studierende und Jungakademiker fest. Siehst du das auch so? Wo hapert es?
Ich sehe das auch so. Zum einen gibt es im Vergleich zu traditionsreicheren Unistädten wenig Angebote wirtschaftlicher Art bzw. Ermäßigungen. Zum anderen fehlt ein eingesessenes Studentenleben, das ja viele wollen. Das geringfügige Angebot an außeruniversitären Veranstaltungen in englischer Sprache ist zudem für die Internationalität nicht besonders förderlich. Dazu kommen hohe Lebenshaltungskosten und der Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Hier ist neben den Einheimischen, die Studierenden ihre leerstehenden Wohnungen anbieten sollten, die öffentliche Hand gefragt, für die entsprechende Infrastruktur zu sorgen. Zuletzt fehlt in Südtirol nach wie vor immer wieder das Bewusstsein, dass Studierende – selbst dann, wenn sie nur für das Studium hier sind – das Geistesleben immens ankurbeln und bereichern, andere Lebens- und vielleicht auch Politikvorstellungen mitbringen. Da gibt es noch Vorbehalte, die historisch bedingt sein mögen und damit zusammenhängen, dass es hier nie Universitäten gab. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich die Situation insgesamt schrittweise bessern wird.

Was soll am Ende deiner Amtszeit alles erreicht sein?
Ich will von mir sagen können, dass ich in meiner Amtszeit etwas bewegt habe und vor allem dazu beigetragen habe, den Geist der Partnerschaftlichkeit zwischen den einzelnen Außenstellen der SH zu stärken. Ich will, dass der Vorstand in engerem Kontakt steht mit diesen Außenstellen. Das konkrete Programm werden wir in Kürze gemensam erarbeiten.

Julian Nikolaus Rensi

Der Nachname ist (fast) Programm, hieß es; hyperaktiver Schulbürokrat, hieß es. Tu mal was, heißt es jetzt, wo bleiben die Prüfungen?
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