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Künstler hinterm Tresen

Der Cocktail-Choreograf

Manuel Wieser ist Flairbartender. Ein Job, den hierzulande kaum jemand kennt. Im Ausland hat sich der Bozner in der Szene einen Namen gemacht.

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Bild: Manuel Wieser

Manuel Wieser sieht wie ein feuerspeiender Drache aus. In seiner linken und rechten Hand hält er jeweils eine brennende Flasche. Mit seinem Mund spuckt er eine gigantische Flamme in die Luft. Immer wieder lässt er Flaschen über seine Arme und quer über seinen Rücken wandern, um sie schließlich in die Luft zu werfen. Im Flug fängt er die Spirituosen ein und schenkt schließlich nach ein paar Mal „shaken“ einen fertigen Drink in das Cocktailglas.

Der 31-jährige Bozner ist Flairbartender. Ein Job, der hierzulande vielen noch unbekannt ist. Für Manuel ist Flairbartending alles, was nicht „normal“ ist, „das Zuckerle hinter der Bar sozusagen“. Bei Manuel gibt es eine Showeinlage zum Cocktail mit dazu. Egal ob mit Servietten, Bechern, Shakern oder Flaschen, ob mit Feuer oder Eis, die Show kann nicht ausgefallen genug sein. „Trotzdem sollte am Ende immer ein guter Cocktail auf der Bar stehen“, meint Manuel und lacht.

Manuel in Aktion

Bild: Manuel Wieser

Bereits mit 17 Jahren besuchte er in Verona seinen ersten Bar-Kurs. Nach Abschluss der Hotelfachschule Savoy arbeitete er im Casino, beim Après Ski, an Cocktailbars renommierter Hotels, in Clubs, an Strand- und Poolbars, in Cafeterias und Restaurants. „Ich habe so ziemlich alles in der Gastronomie ausprobiert“, sagt der 31-Jährige, „aber die Liebe zur Bar hat mich immer wieder dorthin zurückgeholt.“ 2009 begann er damit, an Flairbartending-Wettbewerben teilzunehmen. Bis zu 70 Teilnehmer messen sich dabei im Mixen der Cocktails. Präsenz zeigen und sich einen Namen in der Szene machen, das war Manuels Ziel. Drei Jahre lang hat der Bozner dafür vier bis fünf Stunden am Tag trainiert. Heute ist er nicht nur stolzer Besitzer verschiedenster Auszeichnungen, sondern belegt auch Platz sechs der Weltrangliste im Flairbartending – und hat eine Schule für Bartender eröffnet.

„Beim Training geht es nicht darum, Bewegungen oder Abläufe zu kopieren, sondern seinen eigenen Stil, seinen eigenen Jam zu entwickeln“, erklärt Manuel. Immer und immer wieder werden einzelne Sequenzen geübt, bis eine fertige Choreographie entsteht. In Manuels Kreisen nennt man die Einzigartigkeit eines jeden Flairbartenders auch „Shadow Test“. „Wenn du dich hinter eine Milchwand stellst und das Publikum nur deinen Schatten sieht, sollte man dich an deinem Stil erkennen“, erklärt der Barkeeper. Als Zirkuskünstler sieht sich Manuel trotzdem nicht. Lieber vergleicht er sich mit Eiskunstläufern. „Beim Wettbewerb muss man in einer gewissen Zeit unter bestimmten Vorgaben und einem gegebenen Schwierigkeitsgrad ein Kunstwerk schaffen“, erklärt er. „Im Gegensatz zu den Sportlern auf dem Eis dürfen wir unsere Kunstwerke nur eben selbst gestalten.“

Am Ende werden nicht nur Geschmack, Aussehen und Aroma von einer Jury bewertet. Auch Schwierigkeitsgrad, Entertainment-Faktor, Taktgefühl, der jeweilige „Jam“ und das Cocktailrezept mit dem fertigen Drink spielen eine Rolle. „Wenn etwas hinunterfällt, rausspritzt oder kaputt geht, kriegt man Abzüge“, erklärt Manuel. Fünf Jahre lang nahm er an Wettbewerben teil, irgendwann fehlte ihm die Zeit zum Trainieren. Manuels Shows gibt es jetzt nur noch auf Bestellung.

Seinen Job in Südtirol auszuüben, scheint für den Bozner heute wie damals undenkbar. Die Barkultur in Südtirol sei zu klein, um als Flairbartender Fuß zu fassen. Darum ist Manuel vor sieben Jahren nach Frankfurt aufgebrochen und noch nicht zurückgekehrt. Auch wenn er schmunzelnd gesteht, sich irgendwann doch wieder in der Heimat sesshaft machen zu wollen. Seine Brötchen verdient er sich in Deutschland mit Shows, dem Konzeptionieren von Cocktailkarten und mit Veranstaltungen. Buchen kann man ihn als Barkeeper oder Showact. Nach Wunsch gestaltet er eine Hauptshow oder mehrere kleine Performances. „Dann gibt es zum Beispiel rote Cocktails bei einer Media Markt Veranstaltung oder pinke Margheritas beim 50er vom Chef“, erzählt Manuel.

Manuel ist Flairbartender

Bild: Manuel Wieser

Im August 2015 eröffnete er die European Bartender School in Berlin, deren Direktor er ist. Hier lernt man in vierwöchigen Kursen die Basis als Barkeeper: Grundwissen zu verschiedenen Spirituosen, den richtigen Umgang mit den Flaschen, einige Tricks und 80 verschiedene Cocktails. Gerade besuchen 21 Schüler die Ausbildung. „Am Ende stehen fünf Prüfungen an und danach hat man ein international anerkanntes Diplom in der Tasche“, erklärt Manuel.

Seine Shows haben Manuel schon von Luxemburg bis nach Brindisi und an die verschiedensten Orte weltweit gebracht. Die verrückteste Party, auf der er jemals gearbeitet hat, war in Zürich. Vier Tage lang war Manuel dort auf einer Afterparty der größten Schmuck- und Uhrenmesse der Welt. „Mein Auftraggeber ist bekannt dafür, die größte Party der Messe zu schmeißen“, erzählt er. Zur Party wurden die geladenen Gäste per Bus gebracht. „Am Eingang gab es Champagner, serviert von einem weißen Einhorn. Danach wurde man zu einem Streichorchester in eine Pyramide geführt. Und schließlich wurden die Gäste in einen Raum gebracht, der im Stil der 50er-Jahre arrangiert war“, erzählt der Flairbartender. In einem aufgebauten Diner servierte Manuel alkoholische Milchshakes. „Die letzte Station war ein großer Partyraum mit einer Studio 54 Bar.” Im Rüschenanzug mischte Manuel dort schwarze Margheritas und blaue und rote Cocktails zum Live-Auftritt von Kool & the Gang. Am Ende lieferte er noch eine eigene Show ab.

Wie viel er an so einem Abend kassiert, will Manuel nicht verraten: „Man munkelt, diese drei Tage hätten den Auftraggeber mehrere Millionen Euro gekostet“, schmunzelt er. Einfach sei der Job jedoch nicht immer. Schließlich sei man als Flairbartender immer noch Entertainer: „Die Kunden interessiert es nicht, ob ich Kopfschmerzen oder einen eingewachsenen Zehennagel habe“, lacht Manuel. Auf die Frage hin, welchen Cocktail er sich selbst am liebsten mixen würde, muss er kurz überlegen: „Ich mixe mir selten einen Cocktail. Viel lieber trinke ich ein Schnäpschen.“

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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