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Irene Volgger im Gespräch über Tod und Trauer

Dem Leben näherkommen

Der Tod gehört zu uns und doch fällt es schwer, darüber zu sprechen. Irene Volgger von der Caritas-Hospizbewegung über Trauerarbeit und deren Auswirkung auf das eigene Leben.

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Lizenz: CC0
Bild: Ursula Fischer/pixabay.com

Tod, Sterben und Trauer sind heute immer noch Tabuthemen. Niemand will daran denken, dass ein geliebter Mensch sterben könnte. Genauso wenig mag man an den eigenen Tod denken. Lieber verdrängen und nicht darüber sprechen. Das alles führt dazu, dass Menschen sich schwer tun, mit Verlusterfahrungen umzugehen. Trauernde Menschen erfahren kaum Unterstützung und stehen unter dem gesellschaftlichen Druck, die Trauer möglichst schnell zu überwinden, um wieder funktionsfähig zu sein. Genau da setzt die Hospizbewegung der Caritas seit 20 Jahren an. Gemeinsam mit über 200 geschulten ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen begleitet sie nicht nur schwerkranke und sterbende Menschen, sondern auch Menschen während ihres Trauerprozesses.

Irene Volgger, Koordinatorin der Caritas Hospizbewegung in Meran.

Bild: Petra Schwienbacher

2016 fanden insgesamt 8.297 Einzel- und Gruppenbegleitungen, sowie Begleitungen in Strukturen statt. Irene Volgger, Koordinatorin der Hospizbewegung, systemischer Coach und Supervisorin gibt Antworten zu dem umfangreichen Thema Tod.

„Ich habe gedacht, es wird jetzt einfacher, dabei ist es jetzt ganz schwer.“

Warum wird der Tod in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert?
Der Tod ist zwar immer präsent, aber man will ihn nicht wahrhaben. Wir leben heute in einer Zeit, in der jeder fit, jung, gesund und aktiv ist. Das Leben ist bunt und schön und in diesem Turbokapitalismus wird es schwierig, einen Tag, eine Woche oder gar Jahre nicht richtig zu funktionieren. Wie geht man also damit um? Man tabuisiert es und spricht nicht darüber.

Man wird gefragt: Wie geht es dir? Aber man erwartet sich dann die Antwort: „Mir geht es gut.“ Sagt jemand, dass es ihm nicht gut geht oder gar, dass er nach drei Monaten noch in Trauer ist, trifft er häufig auf Unverständnis. Dabei muss man wissen, dass die Trauernden in der Regel nach sechs Monaten zu uns kommen und sagen: „Ich habe gedacht, es wird jetzt einfacher, dabei ist es jetzt ganz schwer.“

Wann brauchen Menschen eine Trauerbegleitung?
80 Prozent der Trauernden brauchen keine Trauerbegleitung. Man darf ihnen auch nicht einreden, dass sie falsch trauern, um damit für lukrative Geschäftemacher eine künstliche Klientel zu schaffen. In der Regel wird die Trauer gut bewältigt, wenn man nicht ständig kritisiert und gut gemeinte Ratschläge gibt, wie: „du musst jetzt loslassen“. 

In der aktuellen Trauerforschung ist man so weit, dass man sagen kann, die Bindung zu einem Menschen kann über den Tod hinaus bestehen. Man kann mit dem Verstorbenen in Verbindung bleiben, aber immer im Wissen, dass er nicht mehr so da sein wird wie er es im Leben war. Man darf auch Gespräche mit dem Verstorbenen führen, das ist ein heilsamer Prozess und auch eine Form der Trauerbewältigung. Für die Umwelt mag dieses Verhalten schwierig sein, aber es ist ganz normal.

Eine besondere Trauersituation ergibt sich bei Angehörigen von Demenz-Erkrankten. Durch die Veränderung ihrer Persönlichkeit kann eine vorweggenommene Trauer beobachtet werden. Dabei sind Angehörige extrem herausgefordert, da sie den Menschen sozusagen zweimal verlieren: Einmal, weil er nicht mehr so ist, wie er im Leben war, und einmal, wenn er verstirbt.

Wie unterschiedlich trauern Menschen?
Grundsätzlich spricht man heute nicht mehr von Trauerphasen, sondern in der Regel von einer akuten Trauer, die bis zu vier Jahre und darüber hinaus andauern kann und grundsätzlich wohl einen Prozess darstellt, der das Leben begleitet. Dabei gilt es darauf zu achten, dass Menschen auch einen erschwerten Trauerverlauf erleben können. Da sollte man auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Die Trauer ist etwas ganz Individuelles. Jeder trauert auf eine andere Art und Weise und jede Trauer ist richtig, deswegen ist das mit den sogenannten Ratschlägen auch so eine Sache.

Verstirbt ein Kind, kann man den Platz in der Schule ruhig für ein Jahr leerlassen und die Klassenkameraden können etwas drauflegen, das sie an das Kind erinnert, so lange bis sie selbst bereit dafür sind, den Platz wieder zu füllen.

Was kann man zu jemanden sagen, der einen geliebten Menschen verloren hat?
Den Trauernden hilft sehr, wenn man mit ihnen über die Verstorbenen spricht, über gemeinsame Erlebnisse zum Beispiel. Was auch ganz hilfreich ist, wenn zum Beispiel in der Nachbarschaft jemand verstirbt: einfach etwas zu essen machen oder einen Kuchen backen und vorbeibringen. Ohne große Worte, einfach zeigen, dass man bei ihnen ist.

Verstirbt ein Kind, kann man den Platz in der Schule ruhig für ein Jahr leerlassen und die Klassenkameraden können etwas drauflegen, das sie an das Kind erinnert, so lange bis sie selbst bereit dafür sind, den Platz wieder zu füllen. Die Berufsschule in Meran hat eine gute Lösung gefunden, dort gibt es eine Stele mit Inschriften der verstorbenen Schüler und Schülerinnen. Eine Erinnerungskultur, die hilfreich ist.

Auch nach Jahren sollte man sich noch an die Verstorbenen zurückerinnern dürfen, um den Angehörigen zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind. So wie man auch mit alten Menschen immer mal wieder über ihre Verstorbenen sprechen sollte, denn ihre Trauer wird oft vergessen. Alte Menschen kann man erzählen lassen wie der Ehepartner vor 20 Jahren war, welche Erlebnisse sie gemeinsam hatten, usw. So kommen sie wieder in das Lebensgefühl von damals rein, was sehr heilsam ist.

Unterlassen sollte man es aber, Menschen, deren Verstorbene auf traumatische Weise verstarben, dazu zu drängen, immer wieder zu erzählen, wie es war, als die geliebte Person verstorben ist. Das sind Momente, die im schlimmsten Fall zu einer Retraumatisierung führen können. 

Oft hilft es am meisten ehrlich zu sagen: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber du kannst dich melden, wenn du etwas brauchst. Und darf ich mich wieder mal bei dir melden?“

Was sind noch Tabu-Sätze, die man zu Hinterbliebenen nicht sagen sollte?
Das wären zum Beispiel Sätze, wie: „Wer weiß, was dir so erspart geblieben ist“, „der Herrgott holt die besten zuerst“ oder wenn ein junges Paar eine Totgeburt hatte: „ihr seid noch jung und könnt noch Kinder haben.“ Solche Sätze höre ich von Trauernden immer wieder. Das sind ganz tiefe Verletzungen, da wäre es besser, einfach still zu sein. Oder auch ehrlich zu sagen: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber du kannst dich melden, wenn du etwas brauchst. Und darf ich mich wieder mal bei dir melden?“

Man sollte auch keine Ratschläge geben, wie: „du musst jetzt wieder mehr ausgehen, das tut dir gut.“ Man könnte hingegen sagen: „Ich war neulich essen, das hat so gut getan“. Dann hört man ja, was die andere Person darauf antwortet.

Wie läuft eine Trauerbegleitung in der Regel ab?
Die Betroffenen wenden sich an uns, wir hören uns ihre Geschichte an und entscheiden dann gemeinsam, wie es weitergeht. Eine Trauerbegleitung läuft immer individuell ab. Es gibt Gruppenbegleitungen und Einzeltreffen, manche wollen sich immer am selben Ort treffen, andere gehen lieber spazieren oder ins Trauercafé. In der Trauergruppe organisiere ich auch Wanderungen, da gehen die betroffenen Männer häufiger mit, weil sie sich mehr im Tun als in Worten ausdrücken können.

„Männer leben ihre Trauer anders als Frauen.“

Trauern Männer anders als Frauen?
Ja, das ist einfach so. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass Frauen sich mehr mitteilen und Männer mehr ins Handeln gehen. Wenn man das als Paar nicht weiß, passiert es häufig, dass man sich gegenseitig Vorwürfe macht, man würde nicht trauern. Er kann das Weinen, Kerzenanzünden und Kuschelnwollen vielleicht nicht mehr aushalten und sie versteht nicht, warum er mehr arbeitet, mehr Sport betreibt und dauernd etwas machen muss. Männer leben ihre Trauer anders als Frauen. Im schlimmsten Fall kann es dazu führen, dass sie nur noch arbeiten und daran auch eine Ehe zerbrechen kann.

Wie können Paare es verkraften, wenn sie ihr Kind verloren haben. Ist es überhaupt möglich, so einen Schicksalsschlag zu verarbeiten?
Das ist ganz schwierig. Ein Kind „hergeben“ zu müssen, ist in der Trauerbewältigung eine der schwierigsten Situationen, weil es normalerweise so ist, dass zuerst die Eltern sterben. Stirbt ein Kind, kommt das „natürliche“ System durcheinander.

Für die Eltern ist nach dem Tod ihres Kindes nichts mehr so wie vorher. Sie müssen in so einer Situation auf sich selbst schauen, auf sich als Paar und falls andere Kinder da sind, auch auf sie. Die Geschwisterkinder haben es meist ganz schwer. Sie verändern sich, sind auch mal unartig oder zornig und können mit dem verstorbenen Kind – das für immer so bleibt, wie es war – in keiner Weise konkurrieren. Zudem stellen sie die eigene Trauer oft zurück, weil sie die Mama und den Tata schützen wollen. Sie wollen die Eltern nicht neuerlich traurig machen. Gleichwohl gilt es zu bedenken, dass vor allem kleine Kinder Sorge haben, dass sie auch die Eltern verlieren könnten und sie alleine zurück bleiben könnten. Existenzangst wird spürbar.

Wenn man offen mit dem Thema Tod umgeht, reden die Kinder sofort darüber. Wenn die Erwachsenen dem Kind aber das Gefühl geben, man spricht nicht darüber, dann ist das Kind auch still.

Sollte man mit ihnen über den Tod des Geschwisterchens sprechen?
Auf jeden Fall. Es soll kein Tabu sein, aber man soll es umgekehrt auch nicht überstrapazieren und sagen, dass sie darüber sprechen müssen. Besser ist es, Rituale einzuführen – etwas für den Friedhof basteln, einen Tisch mit Fotos und Kerzen herrichten oder an Geburtstagen den Kuchen backen, den das verstorbene Geschwisterkind gerne mochte. Ganz wichtig ist auch, dass sie mit den Verstorbenen, egal ob es nun die Oma, der Onkel oder der Bruder ist, sprechen dürfen und das nicht verboten wird.

Generell ist es wichtig, mit den Kindern schon früh über das Thema Tod zu sprechen. Wir von der Caritas Hospizbewegung gehen regelmäßig in Schulen und Kindergärten. Mit dem Projekt „Hospiz macht Schule“, das wir in den Grundschulen gestartet haben, versuchen wir einen Beitrag gegen das Tabu hin zur Bewusstmachung zu leisten. Es hat sich gezeigt, wenn man offen damit umgeht, reden die Kinder sofort über das Thema. Wenn die Erwachsenen dem Kind aber das Gefühl geben, man spricht nicht darüber, dann ist das Kind auch still.

Wie gehen Sie selbst mit dem Thema Tod um, seitdem Sie in der Trauerarbeit tätig sind?
Der Bezug zum Leben ist viel intensiver geworden und das höre ich auch von den Betroffenen. Ganz viele, die ich begleitet habe, sagen: „Ich musste diese Erfahrung machen und kann jetzt sagen, ich bin dem Leben ganz nahe gekommen.“ Gerade durch das Begegnen des Todes ist das Leben viel intensiver und wertvoller. Das Leben ist so kostbar und man fängt an, die kleinen Dinge im Leben mehr wertzuschätzen und sich auch bewusst mit dem Tod auseinanderzusetzen.

Wer sich bewusst damit auseinandersetzt, sollte sich auch mit Themen wie Testament, letzte Wünsche und Patientenverfügung beschäftigen. Die Caritas hat zu diesen Themen die Sammelmappe „Meins für Euch“ erstellt, die in allen Büros der Caritas Hospizbewegung (Bozen, Bruneck, Brixen, Meran und Schlanders) gegen eine freiwillige Spende erhältlich ist.

Neben dem Tod ist auch der Suizid ein Tabuthema. Die Caritas-Hospizbewegung und viele dem Thema nahestehende Organisationen im Land sind gerade dabei, ein Netzwerk zum Thema Suizid aufzubauen. Warum?
Es gibt nicht wenige Suizide in Südtirol – auch von Jugendlichen. Alle, die mit dem Thema Suizid – sei es bei Erwachsenen oder Jugendlichen – in Kontakt kommen, sollen wissen, wo es Hilfe gibt und wie sie damit umgehen sollen, wenn sie spüren, dass bei jemandem der Gedanke da ist.

Vom 17. bis 19. November veranstaltet die Caritas-Hospizbewegung im Bildungshaus Lichtenburg in Nals ein Seminar für trauernde Eltern, die ihr Kind durch Suizid verloren haben. Mit Freya von Stülpnagel als Referentin und Irene Volgger als Kursbegleiterin.
Anmeldung unter: 0471 304372 oder 0473 495631

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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