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Film über Guido Zingerle

Das Ungeheuer von Tirol

Mit seinem Namen wurden Kinder geängstigt – jetzt kommt er ins Kino. Regisseur Eric Weglehner und Hauptdarsteller Roland Silbernagl über den schmalen Grat zwischen Gut und Böse.

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„In jede Faser von mir kroch Zingerle hinein, es roch schon nach ihm”, sagt Hauptdarsteller Roland Silbernagl.

Bild: David Hemetsberger

Guido Zingerle ist auf der Flucht. Wochenlang versteckt sich der mehrfache Mörder und Vergewaltiger in den Bergen, bis er schließlich auf einer Almhütte in der Nähe von Mühlbach gestellt wird. „Das Ungeheuer von Tirol“ versetzte Südtirol und Tirol damals in Angst und Schrecken und viele erinnern sich noch heute an den Spruch aus ihrer Kindheit: „Sei brav, suscht hoult die dor Zingerle.“
Der 26-jährige Drehbuchautor und Regisseur Eric Marcus Weglehner hat sich an dieses Thema gewagt und möchte mit dem Film ein Psychogramm Zingerles zeichnen, die Persönlichkeit des Mörders neu ausleuchten.
Das Low-Budget-Filmprojekt wurde im September 2017 in Südtirol und Österreich realisiert – unter anderem auch mit Südtiroler Schauspielern wie Ricardo Angelini als Kommandanten Olivotto, Andreas Hartner als Carabinieri, Eva Kuen in der Rolle eines der Opfer des Zingerle, Peter Mitterrutzner als Richter und Jasmin Mairhofer, die die Kollegin von Ida, der einzigen fiktiven Figur im Film, spielt. Die Hauptrolle hat Weglehner mit Roland Silbernagl besetzt.
BARFUSS trifft beide am Gruberhof in Afing, wo sie bereits an einem neuen gemeinsamen Projekt arbeiten.

Eric Weglehner und Roland Silbernagl – erneut in Südtirol, für ein neues Projekt.

Bild: David Hemetsberger

Herr Weglehner, zuerst „Unter Toten“, jetzt „Zingerle“ … Woher kommt Ihre Faszination für Tod und Leid?
Weglehner: Die Frage kommt oft (lacht); die kann ich auch nicht beantworten. Ich bin begeistert von Freud und seiner Triebtheorie und habe einen Hang zur dunklen Seite im Menschen. „Unter Toten” war eine tolle Produktion und eine super Erfahrung. Ich habe mich sehr über meine erste Auszeichnung gefreut (Mit 24 hat Weglehner das Drehbuch für den Film „Unter Toten – Among the Dead“ geschrieben und Regie geführt. Der Film räumte beim Manchester Film Festival den Preis „Best Student Film“ ; Anm. d. Red.) ab.

In „Zingerle“ versuchen Sie ein Psychogramm Zingerles zu zeichnen und auch den Menschen hinter der „Bestie“ zu zeigen …
Weglehner: Genau. Der Film ist auf jeden Fall nicht als Krimi über Zingerle zu sehen, sondern eine Analyse seines Charakters und geht der Frage nach, inwieweit wir selbstbestimmt oder nicht selbstbestimmt sind. Es geht um menschliche und moralische Schwäche und um Verantwortung und Selbsterkenntnis.
Zingerle hat sich nicht mit seinem Trieb konfrontiert und etwas dagegen unternommen, sondern sich eingeredet, dass er krank sei, um so seine Taten für sich zu rechtfertigen.

Silbernagl: Zingerle redete sich ein, dass irgendetwas passiert sein muss: „Ich bin ein Familienvater, das muss eine Krankheit sein.“ Das wurde ihm dann aber abgesprochen: „Nein, bist du nicht. Du bist dafür verantwortlich.“

Wie schmal war für euch beide der Grat der Darstellung zwischen dem Mörder und Vergewaltiger und dem Menschen und Familienvater?
Weglehner: Für mich war immer klar, dass wir nicht wie bei einem Unterhaltungsfilm den Mörder als Bösen und die anderen als Gute zeigen. Ich habe versucht nach dem Buch „Bestie Mensch“ zu handeln. Fakt war: Zingerle war zu seiner Tochter empathisch und Fakt ist auch: Er hat Frauen in Höhlen vergewaltigt. Beides wird ungeschönt im Film gezeigt. Einige Zuschauer, die den Film schon vorab sehen durften, empfanden das als Provokation, weil sie sogar Empathie für den Zingerle entwickelten.

Silbernagl: Wir versuchen uns immer abzugrenzen, wenn Menschen etwas Schlimmes tun. Wir reden uns ein „das war ein Monster“, um die Tat so weit wie möglich von unserer Menschlichkeit wegzuschieben. Deswegen finde ich den Ansatz von Eric toll, dass er zeigt: Das war zwar ein Monster, aber auch ein Mensch.

Herr Silbernagl, wie herausfordernd war die Rolle eines Menschen im Zwiespalt zwischen Gut und Böse?
Silbernagl: Mich hat die menschliche Psyche schon immer wahnsinnig interessiert, keine Ahnung woher das kommt. Als ich mich auf die Rolle vorbereitet habe, hatte ich Angst, mich voll auf die Psyche von Zingerle einzulassen. Ich wusste aber, wenn ich nicht dieser Charakter werde, sondern ihn nur „spiele“, dann sieht man das auf der Leinwand. Ich war froh als der Dreh vorbei war. Zu manchen Zeiten war ich gefühlt der Zingerle. Es war eine absolut grenzüberschreitende Erfahrung. Auch der Zuschauer wird im Film extrem gefordert.

„Es war die herausfordernste Rolle”, sagt Roland Silbernagl.

Bild: David Hemetsberger

In einem Interview mit salto.bz sagten Sie: „Es gab schlimme Szenen, in denen ich das Gefühl hatte, aus meinem Körper auszutreten, so als hätte Zingerle überhandgenommen. So sehr, wie vielleicht noch nie zuvor, musste ich mich auch damit beschäftigen, die Rolle wieder loszuwerden: In jede Faser von mir kroch Zingerle hinein, es roch schon nach ihm. Wirklich gruselig!“ Wie sind Sie die Rolle wieder losgeworden?
Silbernagl:
Wie ich wieder herausgekommen bin, weiß ich nicht, aber ich denke durch den Abstand nach dem Dreh und durch meine Familie. Ich bin der Überzeugung das Heath Ledger aus dem Joker nicht mehr herausgekommen ist. Er ist die Rolle nicht mehr losgeworden (Heath Ledger starb 2008 im Alter von 28 Jahren an einer Überdosis von Schmerz- und Beruhigungsmitteln. Für seine Rolle als „Joker“ in „The Dark Knight” bekam er mehrere Preise; Anm.d.Red.).
Ich bin seit über 20 Jahren Schauspieler und bin immer wieder aus den Rollen herausgekommen. Nach der Rolle vom Zingerle kann ich das aber verstehen, denn man ist eine andere Persönlichkeit. Ich kann ja nicht als Zingerle weinen und als Schauspieler an meine tote Katze denken. Ich musste mich in die Gedankenwelt dieses Typen begeben. Das war eine der anspruchsvollsten und herausfordernsten Rollen für mich.

Herr Weglehner, hatten Sie von Anfang an Silbernagl für die Hauptrolle im Kopf? Optisch passt das ja nicht ganz so …
Silbernagl: Zingerle war viel kleiner und leichter als ich. Aber muss man die Rolle optisch besetzen?

Weglehner: Julia Rosa Peer, die die Ida Hofer spielt, hat mir den Kontakt von Roland vermittelt. Im ersten Telefonat hat er mir dann sofort klargemacht, dass er bei der Rolle als Zingerle mit vollem Herzblut dabei wäre.

Silbernagl: Ich denke, die Rolle ist nicht so schlecht besetzt, wenn man die Reaktionen der Leute sieht, die den Film schon vorab sehen durften.

Eric Weglehner legte viel Wert auf eine „echte” Darstellung der Szenen. Die Szene der Verhaftung im Film ist eins zu eins dem Originalfoto nachempfunden.

Bild: David Hemetsberger

Ida Hofer, gespielt von Julia Rosa Peer, ist die einzige fiktive Figur im Film. Warum war sie wichtig?
Weglehner: Sie hätte auch wirklich da sein können. Das Foto vom Gefangenen Zingerle gibt es auch im Film, wobei Ida das Foto macht. So ist sie in den Film eingebunden. Dadurch, dass es kein Langfilm ist, war es schwierig, die komplexe Geschichte zu zeigen. Im Endeffekt ist Ida die stellvertretende Heldin für die Opfer. Sie führt Zingerle klar vor Augen, dass er die Verantwortung trägt und sonst niemand. Die Rolle haben wir mit der Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Opfer sexueller Gewalt entwickelt. Wir waren in engem Kontakt, um eine authentische Darstellung zu gewährleisten.

Die Drehorte – teilweise Orinialschauplätze – waren richtig abenteuerlich: die Villgratener Berge, die Patscherkofelbahn, die Höhlen …
Weglehner: Roland und ich waren vor den Dreharbeiten in der echten Höhle am Patscherkofel, wo Helen Munro starb. 70 Meter daneben liegt eine zweite Höhle, die Zingerle teilweise benutzt hat. Sie diente uns als Außenmotiv für die Höhle. Für die Innenaufnahmen haben wir andere Höhlen verwendet. Originalschauplätze waren die Polizeistation und der Verhörraum in Brixen sowie die Gefängniszelle.

Wie schwierig war es, alle Requisiten in die Berge zu bringen?
Silbernagl: Wir haben ein Drehtagebuch auf Facebook gestellt. Dort sieht man, wie anstrengend das war (lacht).

Weglehner: Es war eine gigantische Aufgabe, alles auf 2.500 Meter auf den Patscherkofel zu bringen. Auch die Beschaffung der Requisiten war aufwändig. Wir haben auf Flohmärkten gestöbert, bekamen Requisiten geliehen und von Sammlern geschenkt. Es war eine Odyssee.

Silbernagl: Die Küche vom Zingerle wurde sehr aufwändig in Mühlbach in einem leerstehenden Haus aufgebaut. Die haben wahnsinnige Arbeit geleistet. Obwohl ich vom Fach bin, habe ich anfangs nicht gemerkt, dass das nur eine Kulisse ist.

Es war eine gigantische Aufgabe, alle Requisiten auf die Berge zu bringen.

Bild: David Hemetsberger

Der Film ist im Kasten und jetzt startet die Crowdfunding-Kampagne …
Weglehner: Genau, wir brauchen noch Unterstützung, um den Film in ausgewählte Kinos, auf nationale und internationale Festivals und auf die Bildschirme zu Hause bringen zu können. Einen Teil werden wir aber auch an die Selbsthilfegruppe der Opfer für sexuellen Missbrauch weiterleiten. Als Dankeschön für die finanzielle Unterstützung gibt es für die Förderer eine Vielzahl an Geschenken, beispielsweise das Drehbuch und das Storyboard in gebundener Form, den Soundtrack zum Film, eine Dokumentation über die Dreharbeiten, Einladungen zu einem exklusiven Screening des Films in Salzburg und natürlich den Film selbst.

Ein neues Projekt ist geplant. Könnt ihr darüber schon etwas verraten?
Weglehner: Der Schreibprozess ist im Gange, mehr habe ich noch nicht zu berichten. (grinst) Dieses Mal geht es um Sexualität, Fetischismus, abnormale und normale Sexualität und auch um Liebe. Unser idealisiertes Verständnis für Liebe soll kritisch betrachtet werden.
Die Liebe ist auch so ein Mysterium wie der Tod, deswegen ist das auch so spannend, weil das viel über uns erzählt. Ich versuche, Dinge zu ergründen, aus meiner Komfortzone herauszukommen und diese Themen anderen begreifbar zu machen. Dieser Film wird sicher polarisieren, wie der Zingerle.

Silbernagl: Eric hat eine ganz alte und weise Seele. Das hat mich sehr fasziniert bei unserer Arbeit. Vielleicht macht er irgendwann eine Komödie, wer weiß.

Weglehner: (lacht) Das ist zu schwierig für mich. Da traue ich mich nicht ran.

(Beide lachen)

 

Die Crowdfunding-Kampagne für den Zingerle-Film läuft noch bis zur ersten Januarwoche 2019. Hier geht es zur Kampagne.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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