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Interview mit Irene Girkinger

Das Theater und das Virus

VBB-Intendantin Irene Girkinger über die Wiederaufnahme des Theaterbetriebs und wie ihn die Pandemie verändert hat.

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Irene Girkinger

Bild: Irene Girkinger

Irene Girkinger, geboren 1977 in Linz, ist seit der Spielzeit 2012 Intendantin der Vereinigten Bühnen Bozen (VBB). Sie studierte Romanistik und Kulturmanagement und arbeitete am Schauspielhaus Salzburg, am Theater Phönix Linz, bei den Salzburger Festspielen und am Wiener Volkstheater.

Wann dürfen die Vereinigten Bühnen Bozen wieder öffnen?
Laut Dekret des Ministerpräsidenten dürfen die Theater am 15. Juni wieder ihre Tätigkeit aufnehmen, auf und hinter der Bühne, mit bis zu  200 Personen im Zuschauerraum, im Freien bis zu 1000. Das Südtiroler Landesgesetz erlaubt uns seit seinem Inkrafttreten Anfang Mai kulturelle Tätigkeiten, wir dürfen in der Werkstatt und der Schneiderei arbeiten, um Produktionen vorzubereiten. Mit den Beschlüssen der Landesregierung vom 26. Mai sind auch in Südtirol ab sofort Veranstaltungen unter bestimmten Sicherheitsvorgaben möglich. Wir werden vor der Sommerpause jedoch nicht mehr im Theater spielen, sondern planen im Juni Interventionen im öffentlichen Raum. Und wir bereiten die Produktionen des Herbsts vor, denn wir haben als eigenproduzierender Betrieb gewisse Vorlaufzeiten.

Wie hätten wir den Lockdown überstanden ohne Bücher, Filme, Musik?

Wie geht es der Südtiroler Kulturszene? Sie ist offensichtlich nicht systemrelevant, wie wir in den vergangenen Monaten erfahren konnten.
Nicht nur in Südtirol kommt die Kultur fast zuletzt. Die Kultur wird leider noch immer nicht als Wirtschaftsfaktor betrachtet, da fehlen Lobbying und das Bekenntnis der Politik. Die Umwegrentabilität beträgt allein in Österreich 9 Milliarden Euro. Florenz sagt, wenn keine Touristen mehr die Stadt besuchen, kann sich diese nicht mal mehr die Straßenbeleuchtung leisten.
Wir haben 200 Künstlerinnen und Künstler im Jahr hier, die hier leben und die Stadt und das Land beleben, die Menschen gehen ins Theater, gehen davor vielleicht etwas essen, danach was trinken und so weiter. 
Aber auch die Kulturbetriebe müssen sich mehr um den wirtschaftlichen Faktor kümmern. In der Kultur ist Geld eben Mittel zum Zweck, es geht nicht ums Geldverdienen. Und es geht um Bewusstseinsstärkung. Wie hätten wir den Lockdown überstanden ohne Bücher, Filme, Musik?

Wie ist die wirtschaftliche Lage der Kultur?
Der Einnahmenverlust ist für alle Kulturschaffenden ein großes Problem. Wir müssen mit weniger Kosten planen, aber das ist zum Beispiel bei uns mit fixen Angestellten nicht so einfach, und man möchte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten. Wir haben eine große Produktion, das Musical „I feel love“, auf nächste Saison verschoben. Aber auch die öffentlichen Beiträge werden zurückgehen, wir haben manche Projekte deshalb abgesagt. Es ist eine große Rechenarbeit. 

Die Stimmung ist aber nicht schlecht, nennen wir es positiv angespannt.

Die Kulturwelt ist stark international vernetzt. Wie kann man überhaupt planen, wenn die Grenzen zu sind?
Der Kulturbetrieb lebt vom Austausch über alle Grenzen hinweg. Ein Teil der künstlerischen Teams könnte derzeit nicht einreisen. Es schaut aber gut aus, dass sich das über den Sommer beruhigt.

Wie geht es den kleinen Theatern im Land, wie ist die Stimmung?
Die Stimmung ist überall eine Mischung aus Erschöpfung und Lust, wieder zu starten. Aber wenn man nur vor einem Drittel des Saals spielen kann, fehlen Einnahmen. Die Stimmung ist aber nicht schlecht, nennen wir es positiv angespannt.

Wie fühlt es sich an, wenn Bars aufsperren dürfen, Theater aber nicht?
Ich halte nichts davon, sich gegenseitig auszuspielen. Das Problem ist der geschlossene Raum, ich verstehe, dass es da andere Parameter geben muss. Im Restaurant weiß ich, neben wem ich sitze, im Theater nicht. Aber wenn die Gastronomie Indoor-Tische haben darf, kann man diese Abstandsregel auch aufs Theater übertragen, dann lassen wir halt jeden zweiten Platz frei.

Wie ändert die Pandemie das Theater?
Die Begegnung von Menschen, von der die Kultur lebt, wird neu definiert. Es ist eine Herausforderung, weil die Begegnung momentan eher ein Unwohlsein hervorruft, uns allen aber diese Begegnungen sehr fehlen, dieses gemeinsame und unmittelbare Erleben. Darin liegt die Kraft des Theaters, diese müssen wir uns kreativ „zurückerobern“. Der Wert der Kultur wird sich hoffentlich weiter steigern, weil wir sehen, was wir an ihr haben oder eben nicht haben, wenn sie fehlt. 
Wir werden im Juni ein Projekt mit unterschiedlichen künstlerischen Interventionen starten, in Kooperation mit anderen Kulturorganisationen im Land, das sich auch mit der geänderten Situation im Vorstellungsbetrieb befasst. Wir werden den öffentlichen Raum bespielen und uns wieder ins Gedächtnis der Menschen rufen.

Auch das Angstmachen muss aufhören.

Wir erleben in Südtirol die Pandemie gespalten: Die italienischsprachigen Südtiroler schauen mehr nach Italien, wo die Situation sehr schlimm war, die deutschsprachigen eher nach Norden, wo man entspannter durch diese Zeit ging. Sie sind Österreicherin, wie erlebten Sie diese Wochen?
Ich schaue in beide Richtungen. Am Anfang, und immer noch, sehr stark nach Italien, ich bin auch mit Kolleginnen und Kollegen an italienischen Theatern im ständigem Kontakt. Ich musste mich am Anfang an diese Rigidität gewöhnen, dieses Regieren mit Dekreten, habe es aber respektiert, weil es ja anfangs schlimm aussah. Ein Problem dabei war und ist aber, dass hinsichtlich der Infektionszahlen ganz wenig zwischen den Regionen differenziert wurde, auch von Seiten der Medien. Viele meiner Freunde und Bekannten in Österreich und Deutschland dachten, bei uns in Südtirol sei auch der totale Wahnsinn ausgebrochen.
Parallel dazu bin ich auch mit meinen Kolleginnen und Kollegen an den österreichischen Landestheatern in Kontakt und wir haben gemeinsame Maßnahmenpapiere erarbeitet, die ich auch der Südtiroler Kulturpolitik übermittelt habe.
Wichtig ist nun generell, aus diesem in ganz Europa  vorherrschenden nationalen Denken wieder herauszukommen. Wir sind gerade in Südtirol der Link zwischen zwei Kulturräumen, wir müssen jeglichen nationalistischen Tendenzen den Riegel vorschieben. Diese  waren vielleicht anfangs nötig, um die Pandemie einzugrenzen, aber es ist nun höchste Zeit, sie wieder aufzulösen. Auch das Angstmachen muss aufhören.

Vielleicht lernen wir daraus
Ich finde es gut, wie die Landesregierung und vor allem der Landeshauptmann mit der Situation umgegangen sind, auch in der Kommunikation. Das war sicher nicht einfach, zwischen all diesen Fronten. Sie haben versucht, für Südtirol das Beste zu erreichen. Das Landesgesetz war schon sehr mutig.

Was ist für den Herbst geplant?
Wir werden ab Mitte Juni unseren Spielplan für die neue Saison präsentieren. Noch warten wir ab, weil sich alle zwei Wochen alles ändert. Fix ist, dass das Giorgio-Moroder-Musical „I feel love“ erst im April 2021 kommt, und es wird eine Blasmusikoper mit der Bürgerkapelle Gries geben, anlässlich ihres 200-Jahr-Jubiläums.
 

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