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Biennale in Bozen

Das Schamgefühl der Künstler

In Bozen fand zwischen 1922 und 1942 eine Kunst-Biennale statt. Die Geschichtsschreibung schweigt dazu. Warum? Thea Mittempergher hat nach Antworten gesucht.

Piffrader Relief.jpg

Das Relief von Hans Piffrader am Bozner Gerichtsplatz: Mussolini mit dem Kampfspruch der italienischen Faschisten “Credere, obbedire, combattere”

Lizenz: CC by (bearbeitet)
Bild: "Benito says..." John Shave

In Bozen hat zwischen 1922 und 1942 eine Kunst-Biennale stattgefunden. Thea Mittempergher war erstaunt, als sie dies 2013 zum ersten Mal hörte. Eine Biennale in Bozen? Die 26-Jährige studierte damals an der Universität Trient „beni culturali“ und war auf der Suche nach einem Thema für ihre Bachelorarbeit. Niemand schien etwas über diese Biennalen zu wissen. Deshalb hat sie sich für Monate in Archiven auf die Suche nach Originaldokumenten gemacht und alles zusammengetragen, was sie noch aufspüren konnte.

Dass es in Bozen eine Biennale gab, ist den wenigsten Südtirolern bekannt. Wie bist du auf die Idee gekommen, in deiner Abschlussarbeit diese Phase der Südtiroler Kunstwelt aufzuarbeiten?
Ich habe von den Biennalen selbst lange Zeit nichts gewusst. In Rahmen eines Praktikums in der Kunstgalerie von Neumarkt wurde mir vorgeschlagen, mit Matthias Frei zu sprechen. Matthias Frei war damals der Archivar des Südtiroler Künstlerbundes und hat zu mir gesagt: Schau, bitte bearbeite dieses Thema, ich habe keine Zeit dafür. Das Ganze ist also nicht auf meinem Mist gewachsen (lacht). Ich habe dann mit der Suche nach Material angefangen, da es gar keine Literatur dazu gab – also wirklich gar keine. Ich habe mehrere Monate lang im Stadtarchiv von Bozen nach Originaldokumenten gesucht und dabei jede Menge Rohdokumente gesichtet: von Briefen bis Gemeindedokumenten war alles dabei.

Ein Brief von Tolomei aus dem Stadtarchiv Bozen.

Bild: Thea Mittempergher

Es war also gar nicht so einfach, alle Dokumente zusammenzutragen?
Ja, genau. Der Hauptteil der Arbeit war die Recherche. Die Dokumente waren teilweise maschinengeschrieben, teilweise handgeschrieben, deshalb waren manche nicht gerade im besten Zustand. Das war ein sehr schöner, aber auch anstrengender Teil der Arbeit: Viele Briefe waren persönliche Briefe, bei denen man erst mal verstehen musste, wer hier wem schreibt und in welchem Zusammenhang das steht. Von manchen Jahren gibt es eine gute Menge an Dokumenten, aber von einem Jahrgang fehlt sogar der Katalog – er ist verschwunden oder wurde nicht aufbewahrt.

Wie sahen diese Biennalen in Bozen aus?
Die Biennalen waren zwar keine Biennalen von Venedig, aber es waren gar nicht so unbedeutende Kunstbiennalen im norditalienischen Raum. Es waren berühmte Künstler dabei: Fortunato Depero, Albin Egger-Lienz oder auch Hans Piffrader, den wir beispielsweise vom Relief am Gerichtsgebäude kennen. Alles nicht ganz unwichtige Leute, die in Bozen ausgestellt haben. Und dennoch weiß man heute so gut wie gar nichts darüber. Das war das Spannende und der Kern der Sache: Es ist offensichtlich, dass die Geschichtsschreibung einen Deckel auf die ganze Sache gelegt hat. Weil die Sache einfach zu kritisch war.

Inwiefern?
Ich denke, dass das Kritische darin liegt, dass man deutlich erkennt, wie sehr sich die Kunstwelt dem Faschismus angepasst hat. Die Kunstwelt hat sich zwischen 1922 und 1942 komplett verändert: Da waren die Anfangsjahre des Faschismus, die Italianisierungsmaßnahmen und dann die Jahre der Option und des Krieges. Und all diese Themen wurden so gut wie gar nicht von der Kunstwelt aufgegriffen.

Kommen diese Themen gar nicht vor?
Doch, vereinzelt schon. Aber man liest auch aus den Kunstwerken heraus, dass das entweder ziemlich unterdrückt worden ist, oder dass es einfach tiefe Traumata gegeben hat.

Thea Mittempergher

Bild: Thea Mittempergher

Welche Themen wurden im Laufe der Zeit dann bearbeitet?
In den ersten beiden Ausgaben der Biennale, 1922 und 1924, erkennt man richtig den internationalen Aufschwung der 20er-Jahre. Die ganze Kunstwelt in Europa war im Aufwind und auch in Bozen waren alle Sparten der Kunst und alle Themen vertreten. Ab 1926 hingegen wurde der Faschismus und die Kontrolle immer stärker. Ab diesem Moment hat es immer wieder Wettbewerbe gegeben, die direkt vom faschistischen Staat ausgeschrieben worden sind und die das Thema vorgeschrieben haben. Zum Beispiel Themen wie „Das Zuhören im Radio bei einer Rede von Mussolini“. Und das musste dann im Kunstwerk ausgedrückt werden.

Wie haben die Künstler darauf reagiert?
Es gab zum einen die unterdrückten Künstler, die nichtssagende Landschaftsbilder und bäuerliche Szenen gemalt haben, und dabei sehr diskret waren und damit niemanden angriffen. Und zum anderen gab es jene, die direkt den Wünschen des Regimes gefolgt sind und Büsten von Militärpersönlichkeiten oder Denkmäler geschaffen haben, also symbolisch das Regime unterstützt haben. Man sieht deutlich, dass es hier eine zeitliche Zuspitzung gab: Am Anfang war die Biennale noch sehr frei, im Laufe der Zeit wurde sie immer mehr in eine Richtung gelenkt.

Wie kann man sich diese Biennalen in Bozen konkret vorstellen?
Die Biennale fand alle zwei Jahre statt. Es wurden dafür Künstler eingeladen, ihre Kunstwerke auszustellen, darunter waren Maler, Bildhauer, Grafiker und Architekten. Es gab dann jeweils ein Komitee oder eine Jury, die dann die Künstler und Kunstwerke ausgesucht hat. Es handelte sich dabei meist um 190 bis 200 Werke, was schon eine sehr stattliche Veranstaltung war. In den ersten Jahren kamen relativ wenige Besucher, so um die 4.000 bis 5.000 Eintritte, aber es gab sehr gute Kritik von den Medien. 1926 war die Ausstellung katastrophal, weil sie schon zu stark durch das Regime kontrolliert wurde, weshalb die Biennale 1928 ausfiel. Ab 1930 hat der Staat dann versucht, die Biennale zu pushen: Es kamen dann auch tatsächlich mehr Leute, zuerst um die 20.000, dann um die 30.000. Allerdings war in diesen Jahren aber die Kritik der Medien sehr scharf, insbesondere in den deutschsprachigen Zeitungen wie der „Dolomiten“.

Die Titelseite des Katalogs der Biennalen 1930.

Bild: Thea Mittempergher

War es für die Medien möglich, sich kritisch zu äußern?
Die meiste Kritik war schon eher vorsichtig formuliert und die deutliche Kritik wurde anonym abgedruckt. Die wurde dann auch direkt von Gino Pancheri (segretario del sindacato di Belle Arti della Venezia Tridentina, Anm. d. R.) in der Dolomiten beantwortet. Ein Kommentator kritisierte etwa, dass aus all den Künstlern brave Bauernzeichner geworden seien: „Die Krämpfe haben sich ausgetobt, die “Sensationen” sind “unmodern” geworden und die ungebärdigsten Kunstzigeuner – gemütliche Landhausbewohner.” Pancheri antwortete darauf, dass es bei der Kritik von Kunstwerken dieselbe Seriosität benötige wie bei einer Reportage von einem Sportereignis.

Die Biennale wurde vom Staat also gefördert, um sie als Werkzeug für das Regime zu benutzen.
Ganz genau, das war Propaganda. Klipp und klar.

Warum wurde die Biennale 1942 zum letzten Mal ausgetragen?
Ich denke, dass die Kriegssituation dazu beigetragen hat. Sowohl die Mittel als auch die Organisation fehlte. Außerdem hatte sie einen derartigen negativen Beigeschmack bekommen, dass die Biennale dann nicht mehr interessant war.

Sind die Eintrittszahlen im Laufe der Zeit auch wieder gesunken?
Nein, die Biennale war bis 1940 sehr gut besucht. Es gab einige Vergünstigungen, damit Künstler und Besucher mit den Zügen nach Bozen fahren konnten und dafür nicht viel bezahlen mussten. Es war ja nicht alles schlecht: Dadurch, dass die Biennale dann in die neuen Gebäude im neu gebauten Bozen gezogen ist, war sie in der neuen Architektur – man kann sie ja sehen, wie man will – eingebunden. Das war bestimmt beeindruckend. Die Ausstellungen fanden zu Beginn im Stadttheater Bozen, dann aber in der Cadorna-Straße im Palazzo del Turismo und im Istituto Tecnico Cesare Battisti statt.

Natürlich konnte jeder in seinem Atelier machen, was er wollte, aber es waren sowieso schon schwierige Zeiten: Wenn ein Künstler überleben wollte, musste er sich anpassen.

War die Biennale hauptsächlich eine Südtirol-Sache oder zog sie Besucher und Künstler aus ganz Italien an?
In den Anfangsjahren waren sowohl Künstler aus dem Trentino, als auch aus Südtirol angesprochen. Da gab es dann auch einige Besucher aus den anderen norditalienischen Regionen. Als nach 1930 die Provinzen gegründet wurden, richtete sich die Biennale vorwiegend an Südtiroler Künstler. Ab diesem Zeitpunkt kamen dann auch die Nordtiroler Künstler, die anfangs noch dabei waren, nicht mehr nach Bozen.

Richtete sich die Biennale an eine bestimmte Sprachgruppe?
Nein, es waren ausdrücklich alle Sprachgruppen angesprochen. Dem italienischen Staat war ja bewusst, dass es gute Künstler unter der deutschsprachigen Bevölkerung gab. Außerdem hätte es viel zu wenig italienische Künstler gegeben. Die Kunstszene war in Südtirol sehr stark: Viele Künstler hatten in Wien studiert, kamen aus der Sezession, es waren wichtige Namen darunter. Ab der vierten oder fünften Biennale wurde dann aber ein sindacato degli artisti eingeführt, also eine faschistische Kunstgewerkschaft. Und Künstler, die da eingeschrieben waren, hatten sehr große Vorteile, so dass sich fast alle eingeschrieben haben. Es war zum Beispiel so, dass Künstler beim Verkauf ihres Werkes bei einer Ausstellung 5 Prozent an die Gewerkschaft abgeben musste – als Mitglied. Wenn ein Künstler nicht Mitglied in der Gewerkschaft war, musste er 15 Prozent abgeben. Außerdem konnten die Wettbewerbe während der Biennale nur von Künstlern, die bei der Gewerkschaft waren, gewonnen werden. Es ist nie jemand gezwungen worden, Mitglied zu werden. Wenn man aber als Künstler überleben wollte, war man irgendwie doch wieder gezwungen mitzumachen.

Als Künstler warst du also – wie in anderen Berufen zu der Zeit auch – in einer schwierigen Lage: Du musstest dich der Logik des Regimes unterwerfen, um arbeiten zu können.
Natürlich konnte jeder in seinem Atelier machen, was er wollte, aber es waren sowieso schon schwierige Zeiten: Wenn ein Künstler überleben wollte, musste er sich anpassen. Ich habe Briefe vom Hans Piffrader gelesen, wo man dieses Dilemma genau erkennt. Die jungen Künstler in Südtirol haben an ihre Freunde im Ausland geschrieben: Was soll ich tun? Soll ich nachgeben oder nicht? Beispielsweise das Relief am Gerichtsplatz, welches so stark diskutiert wird: Piffrader hat dutzende Skizzen dafür gemacht, alle wurden ihm abgewiesen. Wieso? Er war sehr expressiv, man hat sehr deutlich die Schmerzen des Krieges aus den Skizzen herauslesen können. Das hat den Faschisten natürlich nicht gepasst. Er hat das Relief so lange verändern müssen, bis das heutige herauskam. Ihm hat dann ein Freund geantwortet: Niemand kann dir deine Heimat nehmen, bleib stark und bleib in Südtirol. Du brauchst die Kunst nicht aufzugeben.

Eigentlich liegt die Biennale in einer Phase, die gut aufgearbeitet wurde und wird. Kannst du dir erklären, warum sie dennoch in Südtirol so unbekannt ist?
Das habe ich mich auch oft gefragt. Ich meine: Ich habe Kunstgeschichte in Trient studiert, nicht in New York. Ich müsste das wissen. Aber es gibt einfach zu wenig Material, Professoren an den Unis müssten das aufarbeiten und Lehrer vielleicht an den Oberschulen behandeln. Ich denke, dass nach 1945 die Wunden einfach so tief waren, dass die Leute gesagt haben: Ok, wir schauen jetzt nach vorne, lassen wir das Ganze hinter uns. Aber dennoch hat man sich ja auch in Deutschland dann mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt und versucht, die Nazizeit aufzuarbeiten. Aber bei uns ist das anders. Manche geschichtlichen Sachen werden schon besprochen, habe ich den Eindruck, aber die Kunstgeschichte gar nicht.

Es wird ja immer wieder kritisiert, dass Italien den Faschismus nicht aufarbeitet. Man könnte aber auch Südtirol vorwerfen, dass es seine eigene Rolle in der Geschichte auch nicht ausreichend aufarbeitet.
Mhm. Vielleicht ist schon auch ein gewisses Schamgefühl vonseiten der Kunstwelt da. Weil Künstler, die in den ersten Jahren supertolle Bilder gemalt haben, nur mehr Landschaftsmalerei oder regimetreue Werke gemacht haben. Aber mit meiner Arbeit habe ich nun ja zumindest einen Teil dieser großen Lücke in der Kunstwelt in Südtirol, die mich schon sehr überrascht hat, aufgearbeitet. Und vielleicht will dann ja mal jemand darüber ein Buch schreiben – und das Thema so noch mehr vertiefen.

 

Mussolini mit Südtiroler Künstlern vor dem legionario morente, mit welchem Raimund Mureda (Moroder) den ersten Preis der Biennalen im Jahr 1938 gewann.

Bild: Thea Mittempergher

Mara Mantinger

gerne unterwegs und ist der Sonne über Südostasien bis nach Deutschland gefolgt. Hat sie in Heidelberg aus den Augen verloren und ihre Uni gefunden. Will hier wie dort das Wer-Was-Wann-Wo-Wie wissen und das Wieso sowieso.
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Jeder fünfte junge Südtiroler ist Akademiker. Für einen akademischen Abschluss muss eine wissenschaftliche Arbeit geschrieben werden. Oft sind das innovative neue Projekte, die in monatelanger Schreib- und Denkarbeit angefertigt werden – um dann in Schubladen und Bücherregalen zu verstauben. Deshalb stellen wir einmal monatlich eine Abschlussarbeit vor. Schreib auch du eine Mail an mara@barfuss.it, wenn du dich in deiner Abschlussarbeit mit Südtirol beschäftigt hast.

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Ein sehr aufschlussreicher Artikel. ...und wir in Südtirol haben ganz andere Probleme mit dem Tribunal, welche mit Geld oder wegen fehlendem Geld nur verdeckt oder nicht verdeckt werdenkönnen. (IRONIE) Für jeden normalen Hausverstand ist die Pimperle-geschichte des Tribunals genauso unverständlich wie die aufwendige und teure Überschreibung des Piffrader Reliefs. Schlage vor, für das anstößige Pimperle auch einen Hannah Arendt – Spruch zu suchen und damit das Tribunal-Pimperle zu verstecken. Mit einem einfachen Leintuch abdecken würde es zwar auch tun, aber dies ist offensichtlich wegen der Denkmalpflege nicht möglich! (IRONIE ENDE)

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