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Straßenzeitung zebra.

Das Nordkorea Afrikas

Oft hat Filmon Estifanos Gile sein Leben riskiert. Der 29-Jährige floh aus Eritrea und lebt heute im Kloster Neustift. Die Straßenzeitung zebra hat ihn porträtiert.

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Bild: zebra, Georg Hofer

Über Eritrea ist nur wenig bekannt: Aber aus keinem anderen Land Afrikas fliehen so viele Menschen. Eritrea wird auch als „Nordkorea Afrikas“ bezeichnet. Oft hat Filmon Estifanos Gile sein Leben riskiert: Der 29-jährige floh über Libyen nach Lampedusa, ging nach Deutschland und war acht Monate im Kirchenasyl in Heidelberg. Er musste nach Italien zurück, weil dort sein erster Fingerabdruck in Europa abgenommen wurde. Seit einem halben Jahr lebt Filmon Estifanos Gile in Kloster Neustift in Vahrn: endlich Freiheit nach einem Leben in Angst, Gefängnis und Flüchtlingscamps.

Jedes Jahr fliehen zehntausende Eritreer vor Terror, Verfolgung und lebenslangem Militärdienst. Die Lage in ihrer Heimat am Horn von Afrika ist kaum zu beschreiben: Es ist ein Leben im Einparteienstaat mit strikter Planwirtschaft. Oppositionelle werden gefoltert, Journalist*innen landen im Gefängnis, scharf kontrollierte Checkpoints machen das Verlassen der Städte unmöglich, die Studienrichtung darf nicht frei gewählt werden. Nur einen Radiosender und eine Tageszeitung gibt es: Die Regierung steuert die Inhalte.

„Wer es lebend nach Europa schafft, will fast immer nach Deutschland. Wessen Fingerabdruck aber in Italien registriert wurde, muss dort sein Asylverfahren abwickeln. So sieht es das Dubliner Abkommen vor. Der Fingerabdruck von Filmon Estifanos Gile wurde im April 2012 in Lampedusa registriert.”

Amnesty International prangert das Regime unter Präsident Isayas Afewerki wegen systematischer Unterdrückung an, wegen des zeitlich unbegrenzten Militärdienstes für Männer und Frauen, wegen religiöser Verfolgung, willkürlicher Verhaftungen und zahlreicher Todesurteile. Jede*r zehnte Eritreer*in verlässt seine Heimat. Vor allem junge Menschen sehen keine Zukunft. Von den 6,7 Millionen Einwohner*innen sind in den vergangenen Jahren 708.000 Menschen geflohen. Prozentuell auf die Einwohnerzahl gerechnet, verlassen aus Eritrea nach Syrien weltweit am zweitmeisten Menschen ihr Land (10,53 Prozent). Wer es lebend nach Europa schafft, will fast immer nach Deutschland. Wessen Fingerabdruck aber in Italien registriert wurde, muss dort sein Asylverfahren abwickeln. So sieht es das Dubliner Abkommen vor. Der Fingerabdruck von Filmon Estifanos Gile wurde im April 2012 in Lampedusa registriert.

Im Juli 1986 wird Filmon in der eritreischen Hauptstadt Asmara als eines von sieben Kindern einer christlich-orthodoxen Familie geboren. Er besucht Grund-, Mittel- und Oberschule. Bevor er zum Examen zugelassen wird, muss er ein sechsmonatiges Militärtraining absolvieren. Das ist einzig in Sawa möglich: Die Stadt liegt 360 Kilometer von Amara entfernt. Nur wer das Training absolviert, kann eine Universität besuchen und bekommt einen Ausweis, der mehrere Jahre gültig ist. Wen die Polizei ohne gültigen Ausweis erwischt, steckt sie ins Gefängnis.

Meeresbiologe statt Zahnarzt

Bild: zebra, Georg Hofer
Nach dem halbjährigen Training maturiert der achtzehnjährige Filmon als Zweitbester seiner Schule. Er möchte Zahnarzt werden. Doch der Staat verweigert das, bietet ihm ein Studium der Meeresbiologie an. Filmon studiert in Massawa, einer Stadt am Meer, und schließt 2007 ab. Er wird dem Ministerium für Meeres- und Hochseefischerei zugeteilt, doch bald wird ihm klar, dass er dort nie eine bezahlte Stelle bekommt. Daraufhin schickt ihn das Bildungsministerium nach Augaro nahe der sudanesischen Grenze. Dort soll er Soldaten in Englisch und Mathematik unterrichten. Da seine Schüler*innen auch Nachtwache schieben müssen, können sie dem Unterricht müdigkeitsbedingt kaum folgen. Auf sein Reklamieren hin wird er zur Arbeit im Steinbruch verdonnert. Er wehrt sich und wird gefoltert, will nach Asmara, um von den Missständen in Augaro zu berichten. Er geht ohne Erlaubnis. In Asmara wird ihm Besserung versprochen. Doch zurück in Augaro setzt es Strafe: Tagelang muss er mittags in der prallen Sonne kubikmetergroße Löcher schaufeln. Nach elf Monaten darf der schließlich gehen. Er hofft, endlich als Lehrer arbeiten zu können. Doch er bekommt keine Stelle, wird nach Augaro zurückbeordert, verweigert das, versteckt sich im elterlichen Haus in Asmara oder außerhalb, wenn die Polizei nach ihm sucht. Die Eltern erhalten einen Warnbrief: Sollte ihr Sohn sich nicht stellen, müssen sie ins Gefängnis. Filmon lässt sich verhaften, harrt drei Wochen mit 300 anderen Menschen im Gefängnis von Asmara aus, wird dann in die Nähe von Augaro verlegt. Nur einmal pro Tag darf er zum Toilettengang raus. Nach zehn Monaten flüchtet er mit zwei weiteren Häftlingen. Sie wollen in den Sudan oder nach Äthiopien. Fünf Tage brauchen die Männer, in zwei wäre es zu schaffen gewesen. Sie gehen im Dunkeln, müssen sich verstecken, verlaufen sich, sind schließlich ohne Wasser und Nahrung.

Das sudanesische Flüchtlingslager „Shegerab“ wird vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen geführt. Endlich dort angekommen, ist Selbstorganisation gefragt: Nur drei Tage bekommen sie etwas zu essen, müssen aber zwei Monate auf die Papiere warten. Das Lager ist überfüllt. Für den Toilettengang ist das Camp zu verlassen. Außerhalb aber versuchen Rashaida, militante Gruppierungen, Menschen in ihre Gewalt zu bringen. Sie bringen die Entführten auf die ägyptische Sinai-Halbinsel, verkaufen deren Organe oder erpressen von den Angehörigen Lösegeld.

„Nach acht Monaten zahlt er einem Schleuser rund 250 Euro. Mitten in der Nacht starten sie mit mehreren Dutzend Menschen auf drei Pickups samt Lebensmitteln und Wasser. Handschuhe, Sonnenbrillen und Mützen sollen vor dem Fahrtwind, der Kälte in der Nacht und der Sonne in der Wüste schützen.”

Filmon geht in die sudanesische Hauptstadt Khartum. Bei verschiedenen Arbeiten versucht er zwischen 2011 und 2012 etwas Geld zu verdienen. Während der Osterfeiertage ist er mit anderen orthodoxen Christen zusammen. Sie werden von der Polizei überrascht und ins Gefängnis gebracht. Christen seien im Sudan nicht willkommen, wird ihnen verständlich gemacht. Filmon muss sich freikaufen. Er denkt an Europa, hört von sinkenden Booten und ertrunkenen Menschen, schwankt zwischen Hoffnung und Angst. Nach acht Monaten zahlt er einem Schleuser rund 250 Euro. Mitten in der Nacht starten sie mit mehreren Dutzend Menschen auf drei Pickups samt Lebensmitteln und Wasser. Handschuhe, Sonnenbrillen und Mützen sollen vor dem Fahrtwind, der Kälte in der Nacht und der Sonne in der Wüste schützen. Sie fahren im Durchschnitt 150 Stundenkilometer. Das Auto versinkt im Sand, sie schaufeln es frei. Die Vorräte gehen zu Ende, die Fahrt auf dem Geländewagen mit offener Tragfläche wird zum Albtraum. Nach sechs Tagen übernehmen libysche Schlepper. Fünf Tage später kommen sie in Bengasi an. Der zweite Todestag des früheren libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi wird begangen, die Kämpfe zwischen seinen Anhängern und Gegnern sind voll im Gang.

13 Stunden im heißen Container

Zwei Monate muss Filmon mit anderen Flüchtlingen in einem Haus warten. Am Morgen bekommen sie Brot und Wasser, am Nachmittag Reis oder Suppe. 120 Menschen zählt er nach kurzer Zeit. Dann werden je 60 Personen in einen LKW verfrachtet. Sie müssen sich in den sengend heißen Containern ruhig verhalten, manche kollabieren. Vor den Kontrollstationen werden sie per Handy gewarnt weder zu husten noch zu niesen. 13 Stunden später kommen sie in einem Bauernhof außerhalb von Tripolis an, der libyschen Hauptstadt am Mittelmeer. Erst ab rund 250 Personen lohne sich die Überfahrt, sagen ihre bewaffneten Aufseher. Acht Wochen harren sie aus. In einem zweistöckigen Holzboot geht es schließlich los: Es ist nur 16 Meter lang, aber 256 Personen müssen darauf Platz finden, unter ihnen 14 Frauen und sieben Kinder. Sie starten um drei Uhr morgens: „Wir fuhren ins Nichts“, erinnert sich Filmon und drückt die Hände an die Schläfen. In der Früh fällt der Motor aus, kann wieder repariert werden, eine Frau will über Bord gehen, der Druck ist immens. Nach 37 Stunden auf dem Meer gibt es erneut Probleme mit dem Motor, aber dieses Mal ist Lampedusa nicht mehr weit. Es ist April 2012.

„Egal, ob ich im Freien oder in den Räumen geschlafen habe, alles hat mich an Eritrea und Libyen erinnert.“

Filmon wird ins Flüchtlingscamp auf der süditalienischen Insel gebracht, bekommt Kleidung, eine Decke und eine Telefonkarte. Das Gelände ist eingezäunt, das Gebäude übervoll. „Egal, ob ich im Freien oder in den Räumen geschlafen habe, alles hat mich an Eritrea und Libyen erinnert“, sagt Filmon. Mehrfach wird er aufgefordert, seinen Fingerabdruck zu hinterlassen. Doch Filmon ist gewarnt, die Situation in Italien sei für Flüchtlinge sehr schwierig, wurde ihm öfters gesagt. Mit anderen versteckt er sich in einem Wagen, um mittels Fähre aufs Festland zu gelangen. Er wird erwischt, kommt zurück ins Lager, wird mit zwei anderen Männern eingesperrt. Essen bekommen sie nicht mehr. Nach vier Tagen gibt Filmon den Fingerabdruck ab. Gleich darauf, nach 40 Tagen auf der süditalienischen Insel, wird er in ein Flüchtlingscamp nach Bari geschickt. Auch dort gibt es ständig Kontrollen, er darf das Gelände nicht ohne Genehmigung verlassen. Seine Ohnmacht wächst, er geht, isst in Essensausgaben, schläft unter der Brücke. Nach einem Monat lernt er einen Eritreer kennen, der ihm Mut zuspricht und sein Handy leiht. Freunde aus Norwegen schicken Geld: Im Jänner 2013 kauft er ein Bahnticket, fährt von Bari nach Mailand, weiter in die Schweiz und durch Stuttgart nach Heidelberg. Vier Monate lebt er dort in einer Flüchtlingsunterkunft, besucht Deutschkurse, erhält medizinische Unterstützung. Der Druck und die Belastungen der vergangenen Jahre haben ihn mürbe gemacht, er bekommt psychologische Unterstützung.

Kirchenasyl in Heidelberg

Dann wird sein in Italien abgegebener Fingerabdruck entdeckt. Er will nicht zurück. Bei den Baptisten in Heidelberg bekommt Filmon Kirchenasyl. Acht Monate lang lebt er mit einem anderen Flüchtling in der Kirche. Hätte er sie verlassen, wäre er festgenommen und zurückgeschoben worden. Freiwillige unterstützen die beiden Männer mit Essen, Kleidung, Deutschkursen, musizieren und machen Yoga mit ihnen. Die Kirchenmitglieder nehmen Kontakt mit Kloster Neustift in Vahrn auf. Die Klosterleitung erklärt sich bereit, Filmon aufzunehmen und beim Asylantrag zu unterstützen. Seit vergangenem Juli lebt Filmon in Neustift. In Italien ist er inzwischen anerkannter Flüchtling und genießt den subsidiären Schutz des Staates. In grundsätzlichen Belangen ist er italienischen Staatsbürger*innen gleichgestellt. 2018 wird er um Verlängerung ansuchen.

Seit Herbst besucht Filmon Estifanos Gile die Berufsfachschule für Metalltechnik „Tschuggmall“ in Brixen. Sein Studientitel als Meeresbiologe wird in Italien nicht anerkannt. Wenn alles gut geht – sprachlich ist es noch schwierig –, ist er in zwei Jahren ausgebildeter Metallfacharbeiter. Ob seine Zukunft dann in Italien oder Deutschland stattfindet, wird sich zeigen. Einmal im Monat ruft Filmon zu Hause an, die Anrufe sind teuer, der Hauptkontakt zu den Angehörigen läuft über Mail. Seine Eltern hat er vor fünfeinhalb Jahren zum letzten Mal gesehen. Solange Isayas Afewerki in Eritrea an der Macht ist, wird Filmon Estifanos Gile nicht mehr zurückkehren können. Andere Eritreer in Südtirol hat er noch nicht kennengelernt, nur wenige leben hier, viele sind im vergangenen Jahr durchgereist. Der 29-Jährige genießt die Kultur, die Freiheit und die freundlichen Menschen: endlich Stabilität.

von Maria Lobis

Der Text erschien erstmals in der 13. Ausgabe von „zebra”, Jänner 2016.

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Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für zwei Euro. Ein Euro davon geht in die Produktion, der andere bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

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