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Interview mit Tanja Raich

Das Glück vom Muttersein?

In „Jesolo“ wird eine Frau durch ihre Schwangerschaft in klassische Rollenbilder zurückgedrängt. Mit ihrem Debütroman zeigt Tanja Raich, dass unsere Gesellschaft doch nicht so fortschrittlich ist, wie sie es gern wäre.

Andrea ist schwanger von Georg. Dabei wollte sie das gar nicht. Genauso wenig wie zu den Schwiegereltern aufs Land ziehen, einen Kredit für den Ausbau der Wohnung aufnehmen oder ihren geliebten Job als Grafikerin aufgeben. Doch das Kind in ihrem Bauch zwingt Andrea dazu und drückt die selbstbestimmte junge Frau in eine traditionelle Rolle, die sie nie einnehmen wollte.

Ein Schicksal, das viele Frauen teilen würden, sagt die 32-jährige Autorin Tanja Raich. Feministisch ist der Debütroman „Jesolo“ der gebürtigen Meranerin trotzdem nicht. Es ist viel eher ein ambivalenter Text für Männer und Frauen, der daran erinnert, doch einmal darüber nachzudenken, was man mit dem eigenen Leben wirklich anstellen will. 

Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Mit 14 habe ich in der Schule zum ersten Mal ein Gedicht geschrieben. Meine Lehrerin hat mich daraufhin motiviert, weiterzumachen. Mit 16 habe ich die ersten Gedichte in Online-Foren veröffentlicht. Später waren es Kurzgeschichten, die ich in Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert habe. Bis zum ersten Roman war es aber ein langer Prozess.

Was fasziniert dich am Schreiben?
Wie oft habe ich mir gedacht, wozu ich mir das antue. Aber das Schreiben lässt mir einfach keine Ruhe. Hie und da fällt mir ein Satz oder eine Szene ein und dann will ich weitermachen. Das Schreiben an sich macht keinen Spaß, aber das geschrieben Haben auf alle Fälle.

Ist das Bücher schreiben im digitalen Zeitalter denn noch eine gute Art, um auf Probleme aufmerksam zu machen?
Literatur ist dazu da, aufzurütteln. Durch sie wird man an ein Thema herangeführt, mit dem man noch nicht in Berührung gekommen ist, das aber etwas in einem bewegt. Mit einem Sachtext könnte man das nicht erreichen. Das Buch und das gedruckte Wort haben außerdem den Vorteil, dass man vom Schnelllebigen wegkommt, sich hinsetzt und sich auf etwas in Ruhe einlässt. Deshalb wird es in Zukunft wieder an Attraktivität gewinnen. Auch wenn die Lesezeit knapp geworden ist, weil man etwa zum Frühstück eher den Facebook Newsfeed liest als ein Kapitel in einem Buch.

In deinem Debütroman „Jesolo“ erzählst du von Andrea, die durch ihre Schwangerschaft in die traditionelle Frauenrolle gedrängt wird. Beruht die Geschichte auf einer wahren Begebenheit?
Nein, überhaupt nicht. Die Geschichte ist ein Mix aus vielen Dingen – aus Situationen, die ich selbst erfahren habe, Geschichten, die mir erzählt wurden und aus Filmen, Büchern oder Artikeln. Eine Figur ist am Ende eine Mischung aus zehn verschiedenen Menschen.

„Egal, ob es Familie oder Beruf betrifft, ich glaube ab 30 muss man sich einfach entscheiden, wo man hin will.“

Was hat dich dazu bewogen, ausgerechnet über so ein Frauenthema zu schreiben?
Ich wurde selbst ständig mit dem Thema konfrontiert und gefragt, ob ich nicht bald Kinder haben möchte. Viele in meinem Alter werden gerade Eltern, Lebensentscheidungen spitzen sich auf die eine oder andere Weise zu und man muss festlegen, welche Kompromisse man dafür eingeht. Das hat mich einfach interessiert. Egal, ob es Familie oder Beruf betrifft, ich glaube ab 30 muss man sich einfach entscheiden, wo man hin will. Bleibt man ewig in der Studentenbude oder baut man sich ein Haus? Zieht man weg oder bleibt man in der Stadt?

Tanja Raich ist 1986 in Meran geboren und hat Germanistik und Geschichte studiert. ​Die gebürtige Meranerin lebt in Wien und arbeitet dort als Programmleiterin beim Verlag Kremayr und Scheriau.

Kommst du nach 13 Jahren wieder zurück nach Meran oder bleibst du in Wien?
Ich habe nicht vor, zurückzukommen. Eher zieht es mich noch weiter weg, in Richtung Sri Lanka oder Indien. Dorthin, wo man weniger Regeln hat, es etwas chaotischer zugeht und man einfach noch miteinander lebt.

Als Autorin gewann Tanja Raich bereits zahlreiche Preise und Stipendien. Unter anderem belegte sie den 2. Platz beim Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb, war Finalistin beim MDR Literaturpreis und gewann den Exil Literaturpreis 2014.

Wie schwierig war es, mit deinen Texten vom Online-Forum in den Bücherladen zu kommen?
Man braucht viel, viel, viel Sitzfleisch, vor allem am Anfang. Die eigenen Texte in der Schublade zu lassen, ist ein bisschen unbefriedigend. Wenn man das Geschriebene dann einreicht und dauernd Absagen kriegt, steht die Frage im Raum, ob man weitermachen soll oder nicht. Ich wollte mich aber immer weiterentwickeln und mit der Kritik wachsen – so lange, bis es den Menschen gefällt.

Das hat sich ausgezahlt. Wie ist es, wenn der erste Roman nach all den Schreibstunden endlich veröffentlicht wird und sich Medien wie der „Spiegel“ auf einen stürzen?
Nach zweieinhalb Jahren Schreiberei ist es echt der Wahnsinn, ziemlich surreal. Die Vorstellung, dass fremde Menschen in eine Buchhandlung gehen und sich mein Buch kaufen können, finde ich total absurd. Manchmal denke ich mir, das stimmt alles nicht. Doch dann mache ich die Seite im „Spiegel“ wieder auf und es ist wirklich wahr. Wenn die eigenen Texte in die Breite gehen und Menschen plötzlich das Bedürfnis haben, über das, was du schreibst zu diskutieren, das ist schon toll.

Wie reagieren deine Leser auf „Jesolo“?
Unter einigen Rezensionen haben sich die Kommentatoren fast in die Haare gekriegt. Doch nur diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben. Jene, die es gelesen haben, verstehen, dass es ein ambivalenter Text ist. Er zeigt mehrere Seiten. Sowohl Männer als auch Frauen können sich damit identifizieren.

Kennst du denn selbst Paare wie Andi und Georg?
Darauf will ich glaube ich nicht antworten. (lacht) Natürlich, leider. Und das macht mich oft echt traurig. Meistens gehen solche Situationen mit einer Trennung einher, weil einer in der Beziehung immer nachgibt. Das Problem dabei ist hauptsächlich, dass Frauen dort, wo es keine gute Infrastruktur gibt, Kinder kriegen und ihren Job aufgeben müssen. Zumindest für viele Jahre. Der Mann arbeitet weiterhin und die Frau versauert am Ende zuhause mit den Kindern. Da könnte die Politik echt dagegensteuern.

Wie würdest du das denn machen?
Ich würde gratis Betreuungsplätze für alle schaffen, in denen die Eltern ihre Kinder flexibel abgeben können. Große Unternehmen könnten Kindergärten und Kinderkrippen einrichten. Aber wir sind scheinbar immer noch ein bisschen in der Steinzeit. Noch sind das Utopien und es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis so etwas eingeführt wird. In Österreich geht die Politik eher in die Richtung, die Frauen wieder an den Herd zu stellen.

„Sobald es um die Familienplanung geht, ist meistens alles aus.“

Sind Frauen in deinen Augen benachteiligt?
Der Punkt ist: Man entscheidet sich zu zweit, ein Kind zu kriegen. Die Frau muss es zwar austragen, aber eigentlich sind beide gleichermaßen daran beteiligt. Es wäre schön, wenn in Zukunft auch die Väter am Leben der Kinder teilhaben könnten, das wäre natürlich auch in ihrem Interesse.

Ist die Emanzipation ein mieser Trick, um Frauen im Glauben zu lassen, sie wären unabhängig?
Den Frauen wird oft vorgegaukelt, dass ihnen alle Möglichkeiten offen stehen. Als Frau im 21. Jahrhundert macht man sich überhaupt keine Gedanken. Man denkt, man habe die gleichen Rechte, verdiene gleich und hätte die gleichen Karrierechancen wie Männer. Aber sobald es um die Familienplanung geht, ist meistens alles aus. Natürlich ist es schwierig, zu verallgemeinern, weil es alle möglichen Lebenskonzepte gibt. Aber es passiert total oft, dass coole, unabhängige Frauen Kinder kriegen und am Ende durch Kompromisse nicht wirklich freiwillig daheim bleiben und sich in eine Abhängigkeit vom Mann begeben.

Du wirst in diesem Jahr 33. Spürst du den Druck auch schon?
Ja, auf alle Fälle. In der Stadt geht es, aber in Südtirol spitzt sich das immer mehr zu. Entscheidet man sich gegen ein Kind, wird man sofort als karrieresüchtig abgestempelt und so behandelt, als würde man keinen Wert auf Familie legen.

Du auch?
Die Frage beantworte ich am liebsten nicht. (lacht) Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass man erst als vollständige Frau akzeptiert wird, wenn man den Stempel Mutter hat. Bis dahin fehlt einem immer etwas.

Gibt es denn eine Fortsetzung von „Jesolo“? Das Ende lässt vieles offen ...
Nein, um Gottes Willen. Ich bin froh, dass ich nicht mehr ständig über Familie und Kinderplanung reden muss (lacht). Deshalb werde ich dieses Terrain verlassen und mich Richtung Apokalypse auf tropische Inseln bewegen. Der nächste Roman ist schon fast fertig.
 

Termine für die nächsten Lesungen von Tanja Raich:
23. April, 20.00 Uhr, Bibliothek Lana
24. April, 18.00 Uhr, Alter Schlachthof – Brixen

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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