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Das Garten-Experiment

Vor fünf Jahren startete Heinz Dellago sein Urban-Gardening-Projekt in Brixen. Seitdem baut er seine Lebensmittel mitten in der Stadt selbst an.

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Bild: Maria Lobis

Begonnen haben sie mit zehn mal zehn Metern. Und mit Kartoffeln. Inzwischen ist die bebaute Fläche doppelt so groß. Sie rissen die Hecken aus, gruben den zugewucherten Boden um, entfernten die Steine und legten eine Wasserleitung. In der nunmehr fünften Gartensaison beackern der gebürtige Grödner Heinz Dellago und der Brixner Konrad Stockner in Stufels in Brixen ein Stück unbebautes Land. Luftlinie ist der Grund, den ihnen ein Villanderer Bauunternehmer kostenlos und vorübergehend zur Verfügung gestellt hat, nur 100 Meter von der Altstadt entfernt. Der 48-jährige Ingenieur Dellago ist dankbar für die Erfahrung und froh für den Ausgleich, den er beim Garteln bekommt, für das Gemüse, das er für seine sechsköpfige Familie erntet, und für die Bäume, auf denen seine jüngste Tochter herumklettert.

Aber das Grundstück wird nicht mehr lange zur Verfügung stehen. Dann wollen beide anderswo weitermachen mit dem Urban Gardening. So nennt sich die kleinräumige gärtnerische Nutzung von Flächen innerhalb von Siedlungsgebieten. Es geht dabei um umweltschonende Produktion und bewussten Konsum von landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Haben Heinz Dellago und Konrad Stockner im ersten Jahr nur Kartoffeln angebaut, so kamen im zweiten Sommer Zwiebeln, Porree, Kopfsalat, Ronen, Kohlrabi, Zucchini, Tomaten, Peperoni, Melanzani, Karotten, Himbeeren, Kohl und Rüben dazu – und drei weitere Familien. Auch Roggen, Weizen und Buchweizen bauen sie an. Das Garbenbinden und Schobermachen haben ihnen Freundinnen beigebracht, die es von ihren Eltern gelernt haben. Mit selbst gefertigten Flegeln dreschen sie das Getreide, in einer Windmühle in Gröden winden sie es.

„Was gibt es Faszinierenderes, als für seine Nahrung selbst zu sorgen, die Lebensmittel selbst zu pflanzen, sie wachsen zu sehen, zu verarbeiten und zu essen?“

Bild: Maria Lobis
Heinz Dellago schätzt den Roggen und Buchweizen, den hochgezüchteten Weizen weniger. Hat er die Körner anfangs bei einer befreundeten Familie gemahlen, besitzt er inzwischen selbst eine Mühle. Seine Augen leuchten, wenn er von der selbstgemachten Pizza erzählt, von den Schlutzern und vom Brot: „Was gibt es Faszinierenderes, als für seine Nahrung selbst zu sorgen, die Lebensmittel selbst zu pflanzen, sie wachsen zu sehen, zu verarbeiten und zu essen?“, fragt er. Beim Einkaufen schaut er genau, Geschmacksverstärker finden sich in allen Fertigprodukten. Längst verzichtet er darauf. Er ist Mitglied einer GAS-Gruppe (Gruppo d’acquisto solidale) und kauft im Rahmen einer Einkaufsgemeinschaft direkt von den Produzenten ein, was seine Familie sonst noch braucht: Saisonal, bio und regional soll es sein. Der Familien-Speiseplan im Winter sei eintönig, räumt Heinz Dellago ein: Kraut, in Sand eingelagerte Karotten und Rote Bete, Zwiebeln, eingewecktes Gemüse und immer wieder Kartoffeln kommen auf den Tisch. Manchmal konfrontiert ihn seine Familie mit dem Vorwurf des kargen Lebens. Dann zitiert er – manchmal schon etwas zu fanatisch, wie seine Frau meint – aus dem Buch „Homo comfort“ von Stefano Boni, der überzeugt ist, dass die Welt untergeht, weil der Mensch zu bequem geworden ist. Dem Thema Bier stellt sich Heinz Dellago als nächstes. Gerste hat er im Acker eines Onkels in Barbian gesät. Aus 20 Kilo Gerste kann er 50 Liter Bier brauen, Hopfen wächst im Garten in Stufels. Er möchte verstehen, wie das mit dem Keimen und Melzen geht und sucht nach Gleichgesinnten.

Ein Auto hat der Ingenieur nie besessen. Das sei früher schwierig gewesen, sagt Heinz Dellago, dafür habe man vor 20 Jahren Idealist sein müssen. Auch wegen des verbesserten Zugangs zu öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Familie nach Brixen gezogen. Es passt gut zu Heinz Dellago, dass er im Amt für Mobilität Fahrpläne erstellt und den „Südtirol-Takt“ mit aufgebaut hat. Nichts liebt er mehr, als am Wochenende den Bus zu nehmen, mit den Schiern oder Bergschuhen irgendwo in einen Berg einzusteigen, den Gipfel zu überqueren und in einem anderen Ort anzukommen, wo er mit öffentlichen Verkehrsmitten zurückfährt, ohne an ein geparktes Auto denken zu müssen.

von Maria Lobis

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