Anzeige
Auf a Glas'l mit Florian Pallua

Junge Anarchisten?

Afzack ist ein Projekt für Jugendliche, das ohne Vorschriften auskommt. Die Betreuer haben keine Erfahrung in der Jugendarbeit, treffen aber den Nerv der Generation.

wiik 2 (96).jpg

Bild: Afzack

Sie halten sich nicht an Regeln und rebellieren gegen Vorschriften – so dachten viele Organisationen über Jugendliche. Mit dem Projekt „Afzack“ wollten sie vor fünf Jahren deshalb nichts zu tun haben. Forum Prävention war mutig genug und startete gemeinsam mit den Organisatoren das Pilotprojekt: 50 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, zusammen in einem Camp in der Schweiz – ohne Verbote, ohne Regeln.

„Was genau Afzack mittlerweile ist, ist schwierig in Worte zu fassen. Es ist eine Art und Weise, eine Einstellung, wie wir mit jungen Leuten umgehen“, erklärt Florian Pallua, Mitbegründer von Afzack. Gestartet ist alles mit Ferienprojekten für Jugendliche im Sommer, dann kamen Veranstaltungen in den Winterferien dazu und schließlich auch an den Wochenenden. Mittlerweile betreut der 28-jährige Pusterer gemeinsam mit anderen auch in seiner Wahlheimat Ritten neue Vorhaben.

Kann man sagen, Afzack ist eine andere Art der Jugendarbeit?
Ja, das hört aber die Jugendarbeit nicht gerne. (lacht) Aus unserer Sicht gibt es viele Unterschiede, aus ihrer Sicht nicht so viele. Auf diese Diskussion gehen wir aber nicht gerne ein, weil die Jugendarbeit sicher manche Dinge besser macht wie wir und umgekehrt. Aber wenn man die Jugendlichen fragt, merkt man, dass wir bei ihnen irgendwie einen Nerv treffen. Für die Zukunft müssen wir es schaffen, einander zu ergänzen. Wir sind gerade erst dabei, Schnittstellen zur Jugendarbeit zu schaffen. Wir Afzack-Betreuer sind Quereinsteiger, die von der Sommeranimation kommen und nicht von der Jugendarbeit.

Afzack-Betreuer Florian Pallua

Bild: Petra Schwienbacher

Wie ist Afzack entstanden?
Wir haben zuerst Ferienangebote für Kinder und dann später für Jugendliche organisiert, betreut und geleitet. Wir haben ziemlich schnell gemerkt, dass wir dabei zu eingeschränkt waren und wollten etwas komplett anderes machen. Wir wollten ein Umfeld schaffen, in dem der Jugendliche aufgehen kann. Für uns konnte das nur funktionieren, wenn wir uns eine Hütte irgendwo im Nirgendwo suchen, wo wir niemandem auf die Nerven gehen. Wir wollten es anfangs nur mal testen und haben dafür Grundmechanismen komplett auf den Kopf gestellt. Ein Paradebeispiel ist das Alkoholverbot.

Warum habt ihr den Jugendlichen über 16 Alkohol erlaubt? Normalerweise ist Alkohol bei solchen Projekten streng verboten …
Wir waren der Meinung, dass das erstens auf Beziehungsebene nicht förderlich ist. Wie soll ich eine Beziehung aufbauen, wenn ich dich kontrolliere? Zudem waren wir der Meinung, wenn wir die Kontrolle weglassen, können wir ein reiferes Level der Zusammenarbeit schaffen. Wir haben uns natürlich schwer getan, einen Träger zu finden, der uns unterstützt. Glücklicherweise haben wir mit dem Forum Prävention jemanden, der uns vertraut. Schwieriger wurde es allerdings, als das Alkoholgesetz ab 18 Jahren eingeführt wurde. Wir wollten den Jugendlichen einen gesunden Umgang mit dem Alkohol lernen. Verbote erhöhen den Reiz lediglich.

Ihr habt für eure Arbeit auch schon negative Kritik bekommen. Wie hört sich die an?
Man hat uns schon Anarchismus vorgeworfen. Afzack ist einfach oft nicht begreifbar. Viele Eltern oder Institutionen können sich nicht vorstellen, dass so etwas funktioniert. Das muss man einfach leben. Auch junge Leute haben manchmal Vorurteile und sagen: Afzack ist eh nur etwas für ganz Coole. Wir sagen immer: Man muss es einfach mal probieren. Deswegen machen wir auch nicht viel Werbung, weil die Jugendlichen ohne Vorurteile bei Afzack mitmachen und ohne Erwartungen zu uns kommen sollen.

Bei der Reise „FRiiKs on the Road” ist Afzack mit einer Gruppe von 18-Jährigen unterwegs. Gestartet wird mit wenig Geld – keiner weiß, wo es hingeht. Die Jugendlichen sollen keine Erwartungen haben, sondern alles auf sich zukommen lassen.

Bild: Afzack

Wie klappt die Arbeit mit Jugendlichen ohne Regeln und Verbote?
Das Wort Regeln ist mit einer falschen Vorstellung verbunden. Natürlich haben wir auch Regeln, aber wir legen keinen Wert auf Struktur und Vorschriften. Wir sind der Meinung, wenn man den Fokus auf die Beziehung legt und eine Atmosphäre ohne gesellschaftliche Zwänge schafft, klappt es auch.
In einer Hütte mit 50 Leuten sagen wir von Anfang an: Es funktioniert nur, wenn wir uns alle gegenseitig helfen. So legt man den Fokus nicht auf Regeln, sondern auf etwas Positives. Dann geht es automatisch, dann muss man nicht sagen: Koch du jetzt und spül jetzt ab. Pubertäre Rebellionsmuster verschwinden einfach, weil sie keinen Sinn mehr haben. Wieso soll ich gegen etwas rebellieren, wenn ich mich wohlfühle?

Würdest du sagen, das ist euer Erfolgsrezept?
Ja. Das ist aber ein Rezept, das immer wieder neu gekocht werden muss. Ich, mein Team und das Umfeld müssen jedes Mal wieder bei Null starten. Erst wenn man sich öffnet und alles ohne Vorurteile auf einen zukommen lässt, kann es funktionieren. Wenn ein Angebot nicht gut ankommt oder etwas mit den Jugendlichen nicht klappt, muss ich mich infrage stellen. Dann muss ich mir Gedanken machen, was ich falsch mache und nicht sagen: Die Jungen interessiert das nicht mehr. Wir haben mit einer Generation von Jugendlichen mehr als fünf Jahre lang supergeil gearbeitet. Jetzt kann ich aber nicht sagen, die 2000er-Jahrgänge interessiert Afzack nicht. Ich muss mir überlegen, wie ich Afzack für sie so gestalten kann, dass es auch für sie geil wird.

Die Jugendlichen sagen, dass sie bei Afzack „endlich sie selbst sein können und die Zeit vergessen”. Was sagst du dazu?
Das ist das Traurige. In einer Gesellschaft, die gut funktioniert, dürften wir diese Marktnische nicht haben. Wenn wir für Jugendliche Angebote schaffen müssen, damit sie endlich so sein können, wie sie sind, und das ohne Zwänge, dann funktioniert etwas nicht. Heute gibt es diese Leistungsgesellschaft, der man entsprechen muss. Jedem muss es gut gehen und wenn es einem nicht gut geht, dann soll man das ja nicht zeigen. Damit tun wir uns selbst nichts Gutes. Die Jugendlichen sollen bei uns einfach mal auf das alles pfeifen.

 

 

So manche Veranstaltungen „klassischer“ Jugendorganisationen sind oft nicht gut besucht. Sollten die sich bei euch eine Scheibe abschneiden?
Die Jugendarbeit bietet oft etwas an, und wenn es nicht genutzt wird, sagen sie: Wir haben es probiert, sie haben es nicht genutzt. Wir machen es anders. Wir schauen uns an, was die Jugendlichen brauchen und entwickeln daraus ein Programm. Es ist uns wichtig, dass wir den Jugendlichen den Ball zuspielen und Projekte auf Vertrauen aufbauen. Und wir geben nicht gleich auf. Damit etwas funktioniert, braucht es Zeit, Begeisterung und Feingefühl.

Was ist aktuell mit Afzack geplant?
Das nächste geplante Projekt ist AFZACK Summer – zum fünfjährigen Jubiläum werden wir zehn Tage lang mit hundert Kids in einer Hütte verbringen. Das wird spannend.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
Anzeige

Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

„Dieser Mann ist Musikgeschichte“

Die Proben für das Musical „I Feel Love“ mit den Hits von Giorgio Moroder laufen auf Hochtouren, Premiere ist im Herbst. BARFUSS hat schon jetzt einen Einblick in das Musical erhalten.
 | 
Poetry Slam-Meister Moritz Anrater

Der Newcomer

Der siebzehnjährige Moritz Anrater ist Südtirols Poetry Slam-Landesmeister 2021. Mit seinem poetischen Rap-Text „Was hinter uns liegt“ wurde er zum Sieger gekürt.
0    
PR-Artikel Raiffeisenverband Südtirol

Viel mehr als eine Bank

Durch die Corona-Krise haben Südtiroler Familien und Betriebe große finanzielle Einbußen erlebt. Viele sind verunsichert und wissen nicht, wie es weitergeht. Genossenschaftsbanken kommt in dieser Situation eine besondere Rolle zu: sie sind besonders nahe am Kunden und ein Anker in unruhigen Zeiten.
0    
Interview mit Verena-Elisabeth Turin

"Ich bin normal, weil ich mich so fühle"

Schiefe Blicke, Hemmungen und Vorurteile: Verena Turin über das Leben mit dem Down-Syndrom und über die Bedeutung von „Normalität“.
0    

Schöne neue Welt

Popmelodien und deutsche Texte: Musiker Martin Perkmann ist mit einem neuen Song zurück. „Schöne neue Welt“ ist voller Hoffnung.
Anzeige