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Künstlerin Letizia Werth

Blick für das Fehlerhafte

Letizia Werth sammelt Fotos auf Flohmärkten, zeichnet sie ab oder setzt sie neu zusammen. „Geliehene Impressionen“ nennt die Künstlerin diese Abbildungen eines fremden Lebens.

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Bild: Mia Matthias

Die Wände im Kunstforum Unterland sind strahlend weiß getüncht. Scheinwerfer leuchten dem Besucher beim Eintreten ins Gesicht. An den Wänden hängen Bilder – es sind Letizia Werths Werke. Die 1974 geborene Künstlerin stammt aus Altrei und lebt in Wien. In die österreichische Hauptstadt hat es sie nach der Matura an der Kunstschule in Gröden verschlagen. Sie studierte an der Akademie der bildenden Künste, nach dem Abschluss folgten Einzelausstellungen im In- und Ausland, Förderstipendien in New York und China. In Neumarkt ist ihre Ausstellung „Mountains & Waterfalls“ zu sehen.

Bilder aus der Serie „Mountains“ im Kunstforum Unterland

Bild: Mia Matthias

In der aktuellen Ausstellung zeigt Letizia Werth Tusche-, Grafit- und Bleistiftzeichnungen auf Papier und Leinwand. Die Farbpalette ist reduziert: Schwarz, Weiß, Grau. Vor dem Studium hat sie zwischen Zeichnen und Malen nicht recht unterschieden, erst im Studium setzte sie sich intensiv mit Farben auseinander und studierte Malerei. „Im Laufe der Zeit wurden es immer weniger Farben und heute vermisse ich sie nicht“, sagt sie. Letizia Werth überlegt lange, ehe sie etwas sagt. Das spiegelt sich auch in ihren Bildern wider: Fast alle ihre Arbeiten entstehen als Serien, die über einen längeren Zeitraum hinweg entwickelt werden. Intuitiv geht sie dabei nie vor.

Ihre Bildthemen und Ausdrucksformen reichen von Landschaften über Porträts bis hin zu Videoarbeiten, Performances und ganzen Rauminstallationen. Einen roten Faden erkennt Letizia Werth trotz dieser breiten Palette, denn sie sucht in allen ihren Arbeiten immer nach dem menschlichen Element. Die Künstlerin will ausloten, wie der Mensch sich und seine Umgebung wahrnimmt.

Um das zu verstehen, muss man den Ausgangspunkt ihrer Kunst kennen: Die meisten ihrer Bilder entstehen durch das Abzeichnen von Fotos, die sie auf Flohmärkten findet. Schon zu Studienzeiten war sie davon fasziniert: „Mir ist irgendwann aufgefallen, dass die ‚Standler' vom Flohmarkt oft Fotos und Postkarten zurücklassen. Diese liegen dann am Boden und werden von der Müllabfuhr mitgenommen.“

Letizia Werth sammelte die interessantesten Fotos ein und nutzte sie als Inspirationsquelle. Dieser Herangehensweise ist sie bis heute treu geblieben. Ihre Fundstücke zeichnet sie ab, zerknüllt und verklebt sie oder schneidet sie zu Videos zusammen. Als „geliehene Impressionen“ bezeichnet sie diese Abbildungen eines fremden Lebens.

Aussagestark findet sie vor allem fehlerhafte Aufnahmen, bei denen etwa der Daumen des Fotografen mit auf dem Bild ist oder die Belichtung nicht stimmt. Für Hochglanzfotografie ist in ihrer Sammlung kein Platz. So haben auch ihre Bildserien keine beschönigenden Titel: „Broken Pictures“ oder „Wrinkled Pictures“ sind nur zwei davon. Auch mit sozialkritischen und politisch heiklen Bildern hat sie in ihren Werken schon experimentiert. Für „Lunatic Pictures“ verwendete sie Fotos psychisch kranker Frauen aus dem berüchtigten Pariser Nervenkrankenhaus Salpêtrière, mit Auschwitz und dem Holocaust setzt sie sich in „Four Pictures“ auseinander.

Aktion Bilderflut

Bild: Letizia Werth

Irgendwann war ihre Fotosammlung derart gewachsen, dass sie bei einem Umzug nicht mehr wusste, wohin mit den ganzen Schachteln. „Also habe ich angefangen, ganze Räume mit den Fotos zu füllen, auch aus dem Fenster habe ich sie geworfen.“ Daraus entstand die Aktion „Bilderflut“ aus dem Jahr 2013. Dabei warf sie haufenweise Bilder aus dem dritten Stock des Wiener Ausstellungsgebäudes „Weißes Haus“.

Bei der Erinnerung an ihre Aktion huscht ein lausbübisches Lachen über ihr Gesicht. Werth hat die Aktion mit dem Fenster sichtlich genossen. Dass ein Großteil der Zuschauer die „Bilderflut“ mit den Mengen an Bildern in Verbindung bringen könnte, die uns in den sozialen Netzwerken begegnen, daran habe die Künstlerin ursprünglich nicht gedacht. Werth sagt: „Der Betrachter bringt seinen eigenen Erfahrungshorizont mit und eröffnet mir damit eine vollkommen neue Sichtweise auf meine Arbeiten. Das finde ich schön“.

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