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Ball aus dem Nichts

Torball wird ohne Augenlicht gespielt. Was zählt, ist das Gehör. Auf dem Spielfeld sind deshalb alle gleich – egal ob blinde, sehbeeinträchtigte oder sehende Spieler.

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Bild: Georg Hofer

Von irgendwo ertönt ein schwaches Klingeln. Es folgt ein dumpfer Aufprall. Frauen und Männer springen zur Seite und versuchen den klingelnden Ball zu fangen. Ein Mann wirft sich auf den Boden – gefangen! Das Tor ist sicher. Im gegnerischen Feld macht sich ein anderer bereit, um sich auf den Ball zu stürzen. Dann startet seine Kontrahentin den Gegenangriff: Die junge, blonde Frau wirft den Ball mit einer unglaublichen Präzision ins gegenüberliegende Feld, er schlägt auf und das Glöckchen läutet – im Netz! Begeistert klatscht sie in die Hände und nimmt lachend die blickdichte Skibrille ab. Denn Torball wird ohne Augenlicht gespielt.

Die Spielenden des Torballteams verlassen sich ganz auf ihr Gehör und ihren Tastsinn. Allein das klingelnde Glöckchen im Inneren des Balls und das Geräusch seines Aufpralls weisen ihnen die Richtung. In großen Teilen Europas ist diese Teamsportart bei blinden und sehbeeinträchtigten Menschen beliebt und eine der wenigen Blindensportarten, in der es Wettkämpfe gibt. Auch Sehende sind in Torball-Teams anzutreffen, allerdings überwiegt die Zahl der sehbeeinträchtigten und blinden Spieler*innen. Die Augentabs, so werden die verdunkelten Brillen genannt, gehören zur fixen Ausrüstung aller Spieler*innen. Durch sie wird ihnen das Augenlicht vollständig genommen, sie spielen „blind“. Das Torballteam des Blindenzentrums St. Raphael ist eine der Mannschaften, der diese Sportart besonders gut liegt: Durch Freundschaftsspiele in ganz Europa hat sich das Team einen europaweiten Freundeskreis aufgebaut und bestreitet immer wieder auch Spiele in Bozen. Ganze 42 internationale Torballturniere zwischen jeweils mindestens sechs Nationen wurden in der Landeshauptstadt schon ausgetragen.

Gleichberechtigt aufs Spielfeld

Bozen. Das Torballteam kommt mit einem kleinen Shuttlebus angefahren und biegt in die Einfahrt der Sporthalle ein. Die Luft ist kühl, und es ist schon beinahe dunkel. Die Torballgruppe des Blindenzentrums trifft sich jeden Donnerstagabend in dieser Halle zum Training. Grüßend und plaudernd steigen die Mitglieder aus dem Bus. Die bunt gemischte Gruppe beginnt damit, gemeinsam die Utensilien in die Räumlichkeiten zu bringen; Ältere gesellen sich zu Jugendlichen und die Stimmung ist ausgelassen. Insgesamt spielen bis zu zwanzig Spieler*innen mit: Das jüngste Mitglied ist 15, das älteste 73 Jahre alt. In der Gruppe ist eine junge Frau dabei: Eva Rabanser. Sie hat beim letzten Spiel das entscheidende Tor erzielt. Die 17-Jährige gehört zu den jüngeren Spielerinnen und ist neu im Team, aber davon merkt man nichts. Immer wieder fällt sie aufs Neue durch ihre saubere und schnelle Spieltechnik auf, und das ist bemerkenswert. Denn diese Teamsportart verlangt den Spielenden einiges ab: „Teamarbeit in der Verteidigung, Präzision beim Werfen, Schnelligkeit, Reaktion, Zielsicherheit und das Abschätzen von räumlichen Zusammenhängen sind gefragt“, sagt Nikolaus Fischnaller, der Präsident des Blindenzentrums St. Raphael in Bozen, der am Rand des Spielfeldes wartet, während sich die anderen noch umziehen. „Die Spieler*innen müssen einschätzen können, von wo der Ball kommt und wo genau er im Feld aufschlagen wird – longline oder diagonal“, erklärt er. Das Besondere an der Sportart aber sei, dass Menschen in ganz unterschiedlichen Ausgangssituationen gleichberechtigt mitspielen können. Und darauf komme es schließlich an.

Bild: Sadbhavana Pfaffstaller

Das Team kommt aufs Spielfeld und die einzelnen Spieler*innen nehmen ihre Positionen ein. Das Spiel beginnt. Die Fähigkeit, „blind“ den Ball zu werfen, ohne dass er die Seile berührt, beherrscht vor allem Eva hervorragend: Gekonnt lässt sie den Ball durch die Luft schweben und versenkt ihn; wieder und wieder. Eva ist sehbeeinträchtigt und immer schon eine Sportliebhaberin und begeisterte Reiterin. In der Pause erzählt sie, wie neugierig sie auf diese Sportart war, und warum sie sich dazu entschlossen hat, dem Torball-Team beizutreten: „Diese Gruppe besteht aus sehr netten Leuten, und ich finde, dass wir ein tolles Team abgeben. Ich habe mich gleich sehr wohl gefühlt“, sagt sie und läuft zurück aufs Feld. Die Pause ist vorbei. Sie zieht sich die Brille auf, sammelt sich kurz und wirft den Ball erneut ins gegnerische Feld. Wieder drinnen.

Nebenan am Spielfeldrand steht noch immer Nikolaus Fischnaller. Er ist selbst begeisterter Torballspieler – und das seit fast fünfzig Jahren. Der Sport, so sagt er, unterstütze die Selbständigkeit im täglichen Unterwegssein, zuhause oder auf der Straße und bringe auch gesundheitlich nur Vorteile. „Das kann ich voll und ganz bestätigen“, sagt er mit Nachdruck und nickt. Josef Stockner, der Vizepräsident des Blindenzentrums, hat den Dialog mitgehört und verweist auf die Bedeutung der Gemeinschaft, die bei dieser Sportart entsteht. Und gerade darum geht es den meisten Spieler*innen: Gemeinschaft.

Ein gutes Gehör

So sieht das auch Armin Plaikner. Der 23-Jährige mit den schwarzen Haaren und den breiten, sportlichen Schultern ist ebenfalls sehbeeinträchtigt. Seit über vier Jahren gehört er zum Team. Er fährt in seiner Freizeit auch Rad, geht Langlaufen und spielt Goalball. „Das Glöckchen im Ball erinnert mich immer an das Weihnachtsglöckchen, das bei mir zu Hause geläutet wurde, wenn das Christkind zu Besuch war“, sagt er grinsend. Die Gefahren beim Torball nimmt er gelassen: „Es kann schon sein, dass man mal den Ball abbekommt, aber das ist aushaltbar!“ Die größte „Hetz“ hat er natürlich, wenn der Ball ins gegnerische Tor geht, und dafür sorgt er ziemlich oft persönlich. Es sei denn, seine Gegenspieler*innen hindern ihn daran: so wie die 25-jährige Steineggerin Greta Vieider. Für sie ist der Sport ein Geben und Nehmen: „Torball“, erklärt sie, „ist eine sehr alte Sportart, bei der blinde Menschen die Vorreiter waren.“ Gretas Freunde verfolgen ihre Torballspiele regelmäßig. Ihr Bruder spielt auch mit – ohne Sehbeeinträchtigung. Da ist die Herausforderung, sich nur auf das Gehör zu verlassen, manchmal noch größer.

„Die Konzentration ist das Allerwichtigste – wer müde oder unkonzentriert ist, hat es mit der Orientierung sehr schwer“, sagt Kathrin Joris, eine weitere Spielerin. Sie hat gemeinsam mit der Mittelspielerin Annemarie Innerhofer an der Italienmeisterschaft 2015 teilgenommen. Das Damen-Team unter der Leitung von Trainer Marco Grazioli hat für den SPBG Bozen den Sieg errungen. Das war ein großes Erlebnis. „Um wachsen zu können, braucht ein Mensch Erfolgsmomente“, unterstreicht Nikolaus Fischnaller und gibt zu bedenken, dass einzelne Personen motorische Schwierigkeiten oder kognitive Probleme haben und sich sozial manchmal etwas schwertun. In einer Gruppe, in der alle gleichberechtigt mitspielen können, herrsche mehr Toleranz und eine wärmere Atmosphäre. Jede*r hat eine persönliche und besondere Art des Spielens, und aufgrund der gleichen Basis muss niemand befürchten, im Team zurückzubleiben.

Torball verkörpert Gleichwertigkeit. Und das sei wichtig, meint Fischnaller – für alle Menschen. Daher besucht die Blindensportgruppe immer wieder auch Schulen und erklärt dort diese besondere Sportart. Oftmals werden sie von Klassen eingeladen, in denen es eine*n sehbeeinträchtigte*n Schüler*in gibt. Dann veranstalten sie gemeinsam mit der ganzen Klasse ein Demonstrationsspiel. „Das ist dann immer ein großer Spaß für alle Beteiligten!“, freut sich Fischnaller und wendet sich wieder dem Spielfeld zu. Dort sind Eva und ihre Kolleg*innen wieder voll im Einsatz: Zeitweise agieren sie und die anderen Spielenden so flink, dass man Mühe hat, dem Spielverlauf zu folgen. Denn dafür braucht es mehr als nur einen wachsamen Blick: Es braucht vor allem ein gutes Gehör. Nur wer darüber verfügt, hört das leise Klingeln des Balles, seinen harten Aufprall, das etwas andere Klingeln der Glöckchen am Seil und das Lachen der Spieler*innen, denen man die Begeisterung für ihren Sport förmlich anhört.


Torball: so geht’s

Diese Teamsportart kann von Blinden, Sehbeeinträchtigten und Sehenden gemeinsam gespielt werden. Damit alle die gleichen Chancen haben, tragen alle Spieler*innen sogenannte Augentabs. Der Ball ähnelt einem Fußball und hat eine Besonderheit: ein Glöckchen im Inneren. Durch das Klingeln wissen die Spieler*innen, wo sich der Ball befindet. Gespielt wird auf einem sieben mal 16 Meter großen Feld. Vor dem Tor, das sich über die ganze Spielfeldbreite erstreckt, stehen jeweils drei Feldspieler*innen. Zum Team gehören auch noch einige Ersatzspieler*innen, die bei Bedarf eingewechselt werden können. Drei Matten mit den Maßen ein mal zwei Meter liegen im Mannschaftsraum vor dem Tor und dienen als Orientierungshilfe. In der Mitte des Spielfeldes befindet sich ein neutraler Bereich, der durch drei Seile durchtrennt ist. Die Seile werden im Abstand von zwei Metern und 40 Zentimeter oberhalb des Bodens gespannt. An den Enden der Seile befinden sich Glöckchen, die bei Berührung durch den Ball oder die Spieler*innen klingeln. Dies gilt als Foul. Das Spiel dauert insgesamt zehn Minuten, wobei nach den ersten fünf Minuten eine zweiminütige Pause eingelegt wird. Die mit Knie- und Ellenbogenschützern ausgestatteten Teams haben das Ziel, den Ball unter den drei Seilen hindurch in das gegnerische Tor zu werfen, ohne dabei die Seile zu berühren. Der Schiedsrichter verfolgt das Geschehen sehend und sorgt dafür, dass alle Angriffe und Konter korrekt ablaufen. Das Spiel verläuft sehr schnell und turbulent und erfordert höchste Konzentration, Geschicklichkeit und ein gutes Gehör.

Von Sadbhavana Pfaffstaller

Der Text erschien erstmals in der 26. Ausgabe von „zebra.”, April 2017.

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