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Poetry Slammerin Ania Viero

Aus Liebe zum Wort

Ania Vieros Muttersprache ist Italienisch. Die 22-jährige Slammerin aus Bozen brennt aber für die deutsche Sprache und hat darin ihre große Leidenschaft entdeckt.

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Bild: Felix Blasinger

Mit großen Schritten und verschmitztem Lächeln betritt Ania Viero die Bühne. Keine fünf Sekunden nachdem die junge Frau mit Kurzhaarschnitt und runder Professorenbrille vorzutragen beginnt, hat sie das Publikum schon für sich gewonnen. Die Worte schießen aus Anias Mund, die Performance des Textes, der im Stil der Quizshow „Wer wird Millionär“ das Thema Zweisprachigkeit in Südtirol behandelt, trifft voll ins Schwarze. Das Publikum hängt an Anias Lippen, wenn sie von der fiktiven Figur Mario Rossi erzählt, den die Zuhörer bereits aus ihrem ersten vorgetragenen Text kennen. Er muss sich bei der Südtirol-Edition der Quizshow unter anderem der Frage stellen: „Wie fluchen Südtiroler am liebsten? a) oschpelemukkn, b) jatz schlogs zwölfe, c) Taiffl! oder d) auf Italienisch.“ Die Performance kommt an, die Lacher des Publikums sind der Slammerin sicher.

Der Lohn für diesen perfekten Auftritt am 1. Juni auf Schloss Maretsch kommt kurz darauf: Ania Viero gewinnt den Südtiroler Landesmeistertitel im Poetry Slam 2018 – als Südtirolerin italienischer Muttersprache, die auf Deutsch slammt.

Dein Auftritt bei der Landesmeisterschaft 2018?
„Ich habe gespürt, dass das Publikum mich verstanden hat. Das ist das Beste, was man erreichen kann: sprachlich und auch persönlich verstanden und akzeptiert zu werden. Ich war extrem glücklich.“

Ania Viero in Innsbruck

Bild: Julia Tapfer
„Manchmal frage ich mich schon: Ist Leiden die Voraussetzung für Leidenschaft? Bei der deutschen Sprache: eindeutig ja!“, sagt Ania Viero laut lachend. Ein paar Monate nach dem preiswürdigen Auftritt sitzt die 22-jährige Boznerin im Garten des Treibhauses, dem Kulturhotspot für die alternative Szene aller Generationen in der Innsbrucker Angerzellgasse. Sie studiert im fünften Semester in der Alpenhauptstadt Deutsch und Geschichte auf Lehramt, worin sich ein weiteres Mal die ungewöhnliche Liebe zur deutschen Sprache manifestiert: Die Italienerin slammt nicht nur auf Deutsch, sie will auch Deutschlehrerin werden.

Dabei war Deutsch in der Schule lange nicht ihr Lieblingsfach. Ihr hat eine Verbindung dazu gefehlt. Ohne eine persönliche Beziehung zu einem Fachgebiet aber kann keine Anziehung entstehen, meint Ania. Die Entscheidung, das vierte Oberschuljahr in Deutschland zu absolvieren und danach in Südtirol in eine deutschsprachige Oberschule einzusteigen und zu maturieren, war die richtige. Ania lernte schnell, aber für ihr eigenes Gefühl nicht schnell genug. „Am Anfang war es oft frustrierend“, erinnert sich die junge Frau, die es liebt zu philosophieren und sich in theoretischen Überlegungen zu verlieren: „Ich hatte so viele Gedanken, die ich nicht ausdrücken konnte“, erklärt Ania. Schon als Jugendliche war sie aber so wissensdurstig wie heute und saugte alle neuen Vokabeln auf, um sich besser ausdrücken zu können. So entstand eine tiefe Verbindung zur Sprache, die Ania heute gerne als platonische Liebe beschreibt.

Deine Ideen?
„Ich werde von neuen Ideen regelrecht überfallen. Wenn ich denke, muss ich rausgehen und mich bewegen. Da spüre ich richtig die Spannung in mir, die Idee überwältigt mich.“

Beobachtet man Ania beim Sprechen über ihre Liebe zur Sprache, ist nicht zu verkennen, wie sehr sie am Analytischen Gefallen findet. Auch beim ungezwungenen Gespräch ist sie stets fokussiert und darauf bedacht, die richtigen Worte zu finden. Sie formuliert ihre Sätze überlegt – ist dabei aber alles andere als ruhig. Sie gestikuliert ausschweifend. Man kann den Gedanken in ihrem Kopf beinahe beim Tanzen zuschauen, wenn sie mit Begeisterung in den Augen von ihrer Sprachleidenschaft erzählt. Wenn sie ihren Ausführungen Nachdruck verleihen will, ballt sie die Faust. Ania liebt die innere Logik des Deutschen, durch das Studium würde vieles noch klarer, erklärt sie. Grammatikalische Regeln eröffnen ihre Sinnhaftigkeit, Wortbedeutungen ihre Herkunft.

Für die Antwort auf die Frage, welche drei Begriffe sie am besten beschreiben würden, überlegt Ania lange. Dann meint sie: Denken, Leidenschaft und Entfaltung. „Das Denken hat mich sehr geprägt, aber ich habe gelernt, mein Herz zu öffnen und kreativ zu sein. Ich will mich immer weiterentwickeln.“ Anias Durst nach Wissen und Theorie stillt sie an der Universität, ihre zweite Seite – eine kreative und durchaus intime – kann sie seit etwas mehr als zwei Jahren beim Slammen ausleben.

Dein Slam-Stil?
„Ich möchte immer eine neue Struktur finden, wodurch ich mich ausdrücken kann. Es soll etwas Neues sein, das so noch nicht auf die Bühne gebracht wurde.“

Das erste Mal stand Ania in ihrem ersten Studiensemester auf der Slambühne in der Innsbrucker Kulturbackstube „Die Bäckerei”. Es erforderte Mut, auf der ältesten Slambühne Österreichs zu debütieren. Aber Ania war sich schon nach ihrem ersten Slam als Zuschauerin sicher: „Das will ich machen.“ Auch wenn ihr Deutsch damals noch nicht so ausgereift war wie heute, ihr italienischer Akzent noch deutlicher hörbar – die willensstarke Frau zögerte nicht, sondern betrat die Bühne und spürte sofort, dass dies das Richtige für sie ist: „Slam ist Energie. Es ist fast wie eine Therapie, man kann die Worte erbrechen und der ganzen Welt und vor allem sich selbst zeigen, was man kann“, erklärt Ania. Wenn sie auf der Bühne steht, fühlt sie eine innere Verwirklichung – etwas sehr Persönliches: „Das Slammen gehört mir, es ist fast schon egoistisch“, überlegt sie weiter. Damit, dass sie nach nicht einmal einem Dutzend Slamauftritten bereits den Landesmeistertitel 2018 in Südtirol holen würde, hat sie nicht gerechnet.

Ania liebt die Spannung, die ihr der Slam gibt. Es sei eine positive Spannung, die sie aber wie Leidenschaften im Allgemeinen auch als etwas Gefährliches empfindet: „Sie geben einem extrem viel, aber man muss auch lernen, sie zu zügeln. Das ist für mich manchmal etwas schwierig, weil ich immer alles geben will.“ So macht Ania derzeit einen Spagat zwischen ihren beiden Leidenschaften, dem Slam und der Uni. Ein drittes Thema, für das Ania brennt, ist die Zweisprachigkeit in Südtirol. Dafür will sie sich auch in Zukunft verstärkt einsetzen, denn die habe ihr selbst so viel ermöglicht. „Ich liebe Südtirol, es ist wirklich mein Zuhause, hier konnte ich mich entfalten“, schwärmt Ania.

Poetry-Slam als Kunst?
„Ich habe mich nie gefragt, ob das Kunst ist, was ich mache. Ich finde, das muss nicht ich entscheiden, das können die anderen tun.“

Als perfektionistisch will sich die Wortakrobatin nicht bezeichnen. Zwar gebe sie immer alles, aber das müsse dann nicht perfekt sein. Perfektion gebe es ohnehin nicht. Viel wichtiger ist es Ania, sich selbst zu erreichen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Das hat sie auch bei ihrer Studienwahl gemacht. Einige ihrer italienischsprachigen Freunde denken wahrscheinlich, sie sei verrückt, als Italienerin an einer deutschsprachigen Uni Deutsch zu studieren. Das Niveau ist hoch, ihre Kommilitonen sind Muttersprachler – aber Ania ist überzeugt, dass es sich lohnt, für ihre Leidenschaft zu kämpfen. Früher zweifelte sie oft an sich, heute versucht sie, mehr auf ihr Bauchgefühl zu hören und sagt sich: „Du musst einfach ehrlich mit dir selbst sein. Basta mit diesen Zweifeln! Wenn es das ist, was du möchtest, dann mach es!“

Ende Oktober stand Ania auf der Ö-Slam-Bühne in Klagenfurt. Obwohl sie bei den Österreichischen Meisterschaften nicht über die Vorrunde hinauskam, war es eine unbezahlbare Erfahrung für die Slammerin, die sich stets weiterentwickeln will: „Es war unglaublich! Wunderbare Leute und ein sehr hohes Niveau.“ Nun fiebert sie schon ihrem nächsten Auftritt entgegen: bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam vom 6. bis 10. November 2018 in Zürich.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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