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Tänzerin Nadia Fiore im Porträt

Auf Zehenspitzen

Tänzerin Nadia Fiore will mit Stars wie Beyoncé und Rihanna auf die Bühne. Nur ihre Angst, ein Artistenvisum und ein Kinderwunsch funken ihr noch dazwischen.

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Bild: Nadia Fiore

Rote Stöckelschuhe, kurzes Adidas-Kleidchen, lasziv offener Mund und ein wackelndes Gesäß zu Hip-Hop mit tiefem Beat. Wenn Nadia Fiore tanzt, erinnern die Szenen an die MTV-Videos und Fernsehauftritte der großen Stars. „Ich bin geboren, um zu tanzen“, sagt die junge Meranerin und wirkt dabei so selbstsicher, dass man gar nicht erst ans Nachhaken denkt. Dabei beschreibt sich Nadia selbst eher als ängstlich. Vor allem neue Herausforderungen stellen die junge Frau immer wieder auf die Probe. Für eine Tanzkarriere hat sie trotzdem den Weg nach New York gewagt.

Schon im Kindersitz auf der Autorückbank hat die kleine Nadia sich im Takt zur Musik bewegt. Mit drei Jahren besuchte sie ihre erste Tanzstunde, mit sieben tanzte sie bereits in der Erwachsenengruppe mit und mit elf legte ihr Startänzer Andy Lemond bei einem Funky-Jazz-Kurs im Rahmen von „Tanz Bozen” eine Karriere als Tänzerin nahe. Die Ballett-Stunden, die für einen solchen Lebensweg Voraussetzung sind, hat Nadia bereits seit Kindheitstagen vor sich hergeschoben. Viel zu zierlich und mädchenhaft war der kecken Tänzerin der klassische Stil. Schließlich musste sie im Oberschulalter gemeinsam mit den Grundschülern im Ballett-Unterricht noch einmal ganz von vorne beginnen.

Der Stil, den Nadia heute tanzt, nennt sich Jazzfunk. „Eine Mischung aus Hip-Hop und Jazz-Elementen“, erklärt die Tänzerin, „in Südtirol kennt man das noch gar nicht.“ Weil ihre Heimat in Sachen Tanzausbildung keine großen Möglichkeiten bot, stand für Nadia schon in jungen Jahren fest, dass sie einmal ins Ausland will. Das Angebot einer weltbekannten Tänzerin, mit nach Los Angeles zu kommen, lehnte sie mit 15 trotzdem dankend ab. Genauso wie das Angebot, die Schule ihrer Tanzlehrerin in Meran zu übernehmen. Ein guter Schulabschluss hatte für Nadia seit jeher Priorität. Schließlich wisse man nie, was man später im Leben einmal machen will. Aufs Tanzen wollte das Mädchen damals aber trotzdem nicht verzichten. Also beschlossen ihre Eltern kurzerhand, die Städtetrips der Familie mit den Workshops berühmter Tanzlehrer zu verbinden. So hat Nadia in Berlin und Köln getanzt, während der Rest ihrer Familie durch die Großstadt bummelte.

„Als Tänzer hat man hier bei uns einfach nicht die Möglichkeit, richtig zu trainieren, geschweige denn, groß rauszukommen.“

Als Nadia 16 war, flog die ganze Familie für einen Monat nach New York. Im Big Apple nahm die Nachwuchstänzerin an einem Intensivprogramm des „Broadway Dance Center” teil. Die Tanzschule gilt als die beste der Welt. Von den bekanntesten Lehrern weltweit werden in sieben Sälen siebzig Kurse am Tag abgehalten. „Man muss sich vorstellen, dass von einem Saal zum anderen oft sogar Stau herrscht“, meint Nadia. Die junge Tänzerin hat Blut geleckt. So zieht es die Familie ein Jahr später noch einmal nach New York. „Als Tänzer hat man hier bei uns einfach nicht die Möglichkeit, richtig zu trainieren, geschweige denn, groß rauszukommen“, meint Nadia und will die italienische Situation gar nicht erst mit der amerikanischen vergleichen. Dennoch findet sie es absurd, dass alle guten europäischen Tänzer in die Staaten auswandern müssen, um ihrer Leidenschaft nachgehen zu können, während die Tanzszene auf dem eigenen Kontinent verkümmert.

Nadia in New York

Bild: Nadia Fiore

Die Zeit bis zu ihrer Matura konnte Nadia mit den verschiedenen Workshops überbrücken. Außerdem hat sie nebenher selbst in der Tanzschule „Swing” in Meran unterrichtet und so ihr choreographisches Gedächtnis weiter verbessert. Im September vergangenen Jahres hat sich die junge Tänzerin schließlich einen Traum erfüllt und ist mit einem hart verdienten Studentenvisum in der Tasche nach New York aufgebrochen. Freund und Familie musste sie schweren Herzens zu Hause lassen, um für sechs Monate an einem 4.000 Euro teuren Intensivprogramm des Broadway Dance Centers teilzunehmen. Trainiert wird dabei durchgehend bis zu 34 Stunden pro Woche. In all den Monaten haben die Tänzer nur eine Woche frei.

Ihre acht Quadratmeter große Wohnung musste sich Nadia in dieser Zeit mit einem anderen Mädchen teilen, die Miete von 1.500 Euro hätten beide sonst nicht stemmen können. „Das war die schönste und auch anstrengendste Zeit in meinem Leben“, resümiert Nadia. Oft musste sie sich morgens für den nächsten Trainingstag aus dem Bett quälen. Doch sobald sie Musik hört, könnte Nadia ewig tanzen. „Sogar nach 34 Stunden war es manchmal noch zu wenig für mich“, sagt sie und lacht schelmisch.

„Es ist wirklich ein hartes Business, in dem man starke Nerven braucht.“

An die amerikanische Art musste die Meranerin sich anfangs erst gewöhnen. Der Wille, bekannt zu werden, treibe die Mittänzer in den amerikanischen Tanzschulen immer wieder dazu an, ihre Krallen auszufahren. Sogar zum Training tauchen sie aufgestylt auf, tragen ihre Schminke in den Pausen nach, ziehen sich während den Stunden um und machen ihre Haare neu. „Klar könnte immer wieder ein Agent beim Training zusehen. Aber für mich war es trotzdem immer nur Training“, meint Nadia.

Ungeschminkt und in Schlabberklamotten wurde Nadia jedoch nicht besonders gerne in den Tanzsälen des Broadway Dance Centers gesehen. Immer wieder sprachen sie die Tanzlehrer auf ihr unscheinbares Auftreten an und warnten sie davor, dass ihr dieses noch zum Verhängnis werden könnte. Talent und harte Arbeit allein würden in Amerika eben nicht zum Erfolg reichen. Auch im späteren Arbeitsleben als Tänzer würde es dazugehören, sich so zu präsentieren, wie es der Kunde will. Auch wenn es nackt ist. „Es ist wirklich ein hartes Business, in dem man starke Nerven braucht“, meint die 20-Jährige.

Getanzt wird überall

Bild: Nadia Fiore

Der Drill auf Perfektion habe in Amerika so manchem das Tanzen bereits verdorben. „Viele können gar nicht mehr Freestylen aus Angst, etwas falsch zu machen“, meint Nadia. In ihren Augen ist es jedoch genau das, worauf es bei einem guten Tänzer ankommt: Mit seinen Bewegungen soll er Geschichten erzählen. „Und die kommen direkt aus dem Herzen, nicht etwa aus einem perfekten Move“, erklärt die Tänzerin.

Mittlerweile ist Nadia wieder zurück in Meran. Die Stadt sieht sie nach ihrer Erfahrung im Ausland mit anderen Augen, schätzt ihre Schönheit, die Ruhe und die saubere Luft. Trotzdem will sie so schnell wie möglich zurück nach New York. „Mit 35 kann ich schließlich keine Tänzerin mehr werden, dann bin ich zu alt“, meint sie. Außerdem will sie früher oder später unbedingt eine eigene Familie gründen. Je länger sie mit ihrer Tanzkarriere warte, desto schwieriger wird es, alles unter einen Hut zu bekommen.

„Die Amerikaner machen es einem wirklich nicht leicht.“

Eine klassische Tanzausbildung hat Nadia nie in Erwägung gezogen. Schließlich zähle Praxis im Alltag als Tänzer viel mehr als Theorie. „Wird man gebucht, muss man schnell lernen und umsetzen können“, erklärt die Tänzerin, „egal ob bei Filmproduktionen, für Werbespots oder auf der Bühne als Background für die Stars.“ Um in Zukunft in New York auch in solchen Feldern arbeiten zu können, müsste Nadia erstmal um ein Artistenvisum ansuchen. Ein Prozedere, das an die 7.000 Euro kostet und sie dazu verpflichtet, bereits 13.000 Euro auf ihrem Konto zu haben. „Die Amerikaner machen es einem wirklich nicht leicht“, resümiert Nadia.

Das Stipendium von 500 Euro, das sie sich vor ein paar Wochen in Köln ertanzt hat, wirkt diesen Summen gegenüber unscheinbar. Während sie von Auftritten mit Beyoncé oder Rihanna träumt, arbeitet sie den Sommer über im Familienbetrieb ihrer Oma. Doch spätestens im Herbst geht es erneut nach New York. Auch, um sich zu beweisen, dass sie vor sich und der Welt keine Angst zu haben braucht.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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