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Segelreise um die Welt

Auf hoher See

Zwei Anfänger und ein Schiff, das noch nicht für Ozeanüberquerungen geeignet ist – dennoch wollen Andrea Gemassmer und Lukas Moser bald um die Welt segeln.

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Lukas Moser und Andrea Gemassmer auf ihrem Segelschiff Girasole.

Bild: Lukas Moser

In einem Jahr werden sie sich auf den Weg machen, um den Atlantik zu überqueren. An Deck ihres eigenen Segelboots. „Waghalsig“, „verrückt“ und „ihr spinnt doch“ waren bis vor Kurzem noch die Aussagen von Familie und Freunden zu dem ungewöhnlichen Vorhaben. Heute haben sich die Meinungen etwas geändert. Zwar machen sich immer noch alle Sorgen, aber sie wissen auch, dass sich Andrea Gemassmer und Lukas Moser sowieso nicht mehr davon abbringen lassen. Es ist eben ihr Traum. Ein Traum, der vor weniger als einer Woche begonnen hat.

Ein Paar, ein Segelboot und ein großes Vorhaben

Gestartet in Kroatien, segeln Lukas und Andrea zurzeit auf ihrer Bavaria 44 „Girasole“ durchs Mittelmeer. Die nächsten vier Monate wird das 13,60 Meter lange und 4,30 Meter breite Segelboot ihr Zuhause. So lange sammeln sie im Mittelmeer Erfahrung im Segeln, bis die Weltreise Anfang 2018 losgehen soll.

Bild: Petra Schwienbacher

Wenige Quadratmeter, keine Privatsphäre und eine herausfordernde Zeit stehen dem Paar bevor, aber auch eine Zeit voller neuer Erfahrungen. „Wir wollten immer schon eine Weltreise machen“, sagt Lukas. Geplant war, als Backpacker durch die Welt zu reisen, doch vier Wochen Costa Rica und vier Wochen Kolumbien mit dem Rucksack haben schnell gezeigt, dass das nicht das Richtige für die Goldrainerin und den Naturnser ist. Sie wollen nicht ständig einpacken, auspacken, von einem Hostel zum nächsten. Sie möchten die Welt in ihrem eigenen Zuhause entdecken. Seit sie im Strandurlaub vor vier Jahren durch den Hafen von Elba spazierten, lässt sie der Gedanke an das Abenteuer Segelreise nicht mehr los.

Vor eineinhalb Jahren machen die Quereinsteiger den Bootsführerschein am Bodensee – weil er dort billiger ist – dann einen zweiwöchigen Segel-Crashkurs in Kroatien. Mit einem erfahrenen Regatta-Segler aus Deutschland sind sie zwei Wochen auf See. Es ist ihr erster Segelausflug. So meistern sie die Abschlussprüfung und erhalten nach nur 14 Tagen ihren praktischen Segelschein. Von da an verschlingen sie Bücher übers Segeln, schauen sich YouTube-Videos an, wie die von Sailing SV Delos, die zum Vorbild werden. Und von da an halten sie Ausschau nach einem bezahlbaren Segelboot.

Im Oktober 2016 werden sie in Kroatien fündig. Sie kaufen das 13 Jahre alte Charterboot. Die Aussage von Versicherungen, dass es „nicht geeignet für Ozeanüberquerungen" sei, bringt die beiden nicht von ihrem Plan ab.

Zurzeit segelt das Paar durchs Mittelmeer – ein Urlaub, der vor allem dazu dient, Erfahrungen zu sammeln.

Bild: Lukas Moser

Der Abenteurer und die Organisierte

Andrea und Lukas sind seit über elf Jahren ein Paar. Kennengelernt haben sie sich beim Ausgehen. Als es funkte, war er 15, sie 14. Heute ist er fast 27, sie 26. Sie haben eine Beziehungskrise hinter sich, kennen jede Macke des anderen. Ein Vorteil für die geplante Weltumsegelung, denn „viele Reisen scheitern an der Seemannschaft.“ Andrea ist sich sicher: „Wenn ein frisch verliebtes Paar diese Reise machen würde, wäre das schwierig. Wir haben bereits auf engstem Raum gelebt und wissen wie das ist.“ Lukas lacht: „Und sonst gibt es immer noch ein Beiboot.“

Das Paar lebt seit acht Jahren zusammen. Die beiden wissen, worauf sie sich einlassen. Lukas ist der Abenteurer, Andrea die Organisierte. Sie ist diejenige, die alles überdenkt und dafür sorgt, dass immer ein Plan B im Hinterkopf ist. Bis auf die Reiseroute hat das Paar bereits alles durchdacht.

Zuerst muss das Schiff ozeantauglich gemacht werden. Eine Solaranlage haben sie bereits installiert, Windgenerator und Solaranlage folgen noch. „Auch eine Entsalzungsanlage, um aus Salzwasser Süßwasser zu machen, wäre toll. Das hängt aber von unserem Budget ab“, erklärt Lukas. Durch die Anlage wären sie nicht auf den 300 Liter Wassertank angewiesen – ein Vorteil auf hoher See.

Bis vor ihrer Abfahrt lebten und arbeiteten Andrea und Lukas fünf Jahre lang in der Schweiz. Sie arbeitete dort als Hebamme, er als Servicetechniker für eine Laserfirma. Vor drei Jahren begannen sie, für ihren Traum zu sparen. Sie verkauften ihre Autos, mieteten eine kleinere Wohnung und legten sich regelmäßig etwas auf die Seite.

„Vier bis sechs Wochen auf hoher See wird sicher eine psychische Herausforderung“, sagen die beiden über die Atlantiküberquerung.

Bild: Lukas Moser

Auch kommenden Winter wollen sie nach der ersten kleinen Reise durchs Mittelmeer wieder zum Arbeiten in die Schweiz. Fühlen sich beide im Frühjahr 2018 – wenn die Reise endlich richtig losgehen soll – noch nicht sicher genug, nehmen sie einen Skipper mit an Bord. „Wir sind ja gewissermaßen noch Fahranfänger“, lacht Andrea. Lukas fügt hinzu: „Es ist wie wenn jemand zwei Monate den Führerschein hat, Autofahren kann er zwar, erfahren ist er dadurch aber noch lange nicht.“

„Vier bis sechs Wochen auf hoher See werden sicher eine psychische Herausforderung.“

Und so lassen es die beiden lieber langsam angehen und bleiben jetzt erstmal vier Monate im Mittelmeer. Anfangs immer in Hafennähe, später gehts dann weiter hinaus aufs offene Mehr. Erfahrungen sammeln, die ersten Schlechtwetter-Fahrten erleben.

Von der Südsee bis nach Südostasien

Von der Weltumsegelung ist keine Route fix geplant, außer die klassische Strecke der Atlantikübersegelung – von Kap Verde über Barbados durch den Panamakanal. „Unbedingt sehen wollen wir aber Südostasien und die Südsee“, sind sich Andrea und Lukas einig. Die Atlantiküberquerung bedeutet: Vier bis sechs Wochen auf hoher See und ohne Land in Sicht. „Das wird sicher eine psychische Herausforderung“, sagt Andrea, die auch vor Stürmen im Atlantik Respekt hat. Lukas sieht das etwas gelassener: „Wir müssen eben lernen, was dann zu tun ist. Ausweichen kann man einem Sturm auf dem Meer nicht.“

Die Reise wird ein Abenteuer. Theoretisch haben sich die beiden bestmöglich vorbereitet, alles andere folgt in der Praxis. „Ein gewisses Risiko bleibt immer, aber das sind wir bereit einzugehen“, sagt Lukas. Auch über das Risiko, auf Piraten zu treffen, haben die beiden bereits gesprochen.

„Man kann die gefährdeten Gebiete großräumig umsegeln, das Risiko von Piraten besteht aber immer.“

Laut IMB Piracy Reporting Centre wurden 2016 insgesamt 62 Menschen auf den Weltmeeren in Zusammenhang mit Lösegeldforderungen verschleppt. „Egal mit wem man über die geplante Reise spricht, das Thema Piraten kommt immer“, sagt Andrea. Piraten machen Lukas an der Reise am meisten Angst. Sie sind der Grund, warum er bereits darüber nachgedacht hat, eine Waffe mitzunehmen: „Man kann die gefährdeten Gebiete großräumig umsegeln, das Risiko besteht aber immer.“ Schlussendlich haben sich die beiden gegen eine Waffe entschieden, weil diese die Auflagen auf dem Schiff und die Einreisebestimmungen verkomplizieren würde.

Zwei bis vier Jahre planen die zwei Abenteurer für die große Reise ein. Wer ohne Stress die Welt umsegeln möchte und die Länder kennenlernen möchte, brauche dafür eben einige Jahre. Ob sie am Ende irgendwo in einem anderen Land Fuß fassen, lassen sie sich noch offen. Andrea ist sich aber sicher: „Irgendwann kommen wir bestimmt zurück.“

 

Auf Facebook und auf ihrem VLOG auf YouTube können Interessierte die Reise von Andrea und Lukas ab nächstem Jahr mitverfolgen. Geplant ist auch, ihr Segelboot regelmäßig für Mitreisende zu öffnen. Zwei Doppelbetten sind noch unbelegt.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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