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Obdachlos in Südtirol

Auf der Schattenseite

Erkrankt, missbraucht oder von der Familie verlassen. Hinter den Obdachlosen auf Südtirols Straßen stecken bewegte Geschichten.

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Dusan und sein Hund Toby im Bozner Bahnhofspark.

Bild: Matthias Mayr

Dietmar* ist 59 Jahre alt. Rotes Jackett, Jeans, graue Haare, gepflegter Bart. Und obdachlos. Der Mann aus dem Westen Südtirols zog nach seiner Scheidung vor 15 Jahren in die Provinz Verona und arbeitete im technischen Verkauf von Industrieprodukten. 
Dann erkrankte er an Diabetes, bekam Probleme bei der Arbeit und verlor seine Wohnung und damit den Wohnsitz. „Und wenn man ohne Wohnsitz ist, dann hat man richtig Probleme“, weiß Dietmar aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Bis Juli vergangenen Jahres war Dietmars Welt in Ordnung. Dann brach alles zusammen. „Es ist wahnsinnig schwer, mit der Situation fertig zu werden“, sagt er. „Ich hätte nie geglaubt, dass mir so etwas passieren kann. Dass ich von jemandem abhängig bin, der mir zu essen gibt und einen Platz zum Schlafen.“ Er wandte sich an die Caritas in Verona, die ihn nach einigen Monaten nach Bozen vermittelte. Hier wurde er im Haus der Gastfreundschaft der Caritas in der Bozner Trientstraße aufgenommen, bekam einen Wohnsitz und konnte sich um seine gesundheitlichen Probleme kümmern. „Ich möchte gesund werden und dann irgendwo neu anfangen“, sagt Dietmar. Die Krankheit habe seine Muskeln aufgefressen, erzählt er. Er hat 18 Kilo abgenommen und brauchte ärztliche Hilfe. Im Bozner Krankenhaus fühlte er sich nicht wirklich gut aufgehoben. „Der Arzt widmete mir gerade mal drei Minuten. Er sagte, ich solle einfach einen Teller Nudeln mehr essen.“
Eine bezahlte Arbeit hat Dietmar nicht, und trotz Matura fürchtet er, auch keine mehr zu finden. Wegen seiner Vorgeschichte und wegen seines Alters. Also arbeitet er als Freiwilliger: vormittags bei einem Verein, nachmittags in der Mensa der Caritas. 

Drei Menschen, drei Geschichten

Schicksale wie das von Dietmar gibt es viele, und jedes ist verschieden. Da ist Sandra* aus dem Norden Südtirols. Sie ist 45 und lebt seit fast 20 Jahren auf der Straße – obwohl sie eine Wohnung hat. Aber dort hält sie es nie lange aus, sagt sie. Sie muss ausbrechen aus der Enge und streift durch Bozen.
Ich treffe sie im Bahnhofspark beim Camper von Volontarius und sie erzählt mir ihre Geschichte. Schon früh kam ihr Leben durcheinander. Sie wurde vergewaltigt, da war sie nicht einmal volljährig. In jungen Jahren bekam sie zwei Kinder und erfuhr in ihrer Beziehung immer wieder Gewalt. Sie trennte sich, bekam dann noch zwei Kinder mit einem anderen Mann. Sandra trinkt und wird in zwei Wochen eine Entziehungskur beginnen. Sie will einen Psychologen. Es ist vermutlich nicht die erste Entziehungskur und nicht die erste psychologische Behandlung. Sandra möchte einmal ein Buch über ihr Leben schreiben.

Auch Dušan möchte seine Geschichte einmal in einem Buch erzählen. Im Gegensatz zu Sandra und Dietmar ist er der klassische Landstreicher. Mit seinem Fahrrad und seinem Hund Toby hat er schon 20.000 Kilometer quer durch Europa zurückgelegt. Vor einigen Jahren waren dem Slowaken Frau und Kind abgehauen. „Was tu ich da noch hier?“, habe er sich gefragt. Er stieg aufs Rad und fuhr los. Tschechien, Österreich, Italien, Frankreich, Portugal, Spanien sind nur einige Stationen. Bei den Iberern hat er leidlich spanisch gelernt, also kann ich mich mit ihm unterhalten. Auf seinem Rad transportiert er alles, was er besitzt. Vorne eine Kiste mit seinen Habseligkeiten, hinten ein Korb für den Hund, Ersatzreifen, ein Zelt. Der Hund kann ein paar Kunststücke, aber heute hat er keine Lust. Dafür knurrt Toby jeden an, der dem Fahrrad zu nahe kommt: Er bewacht sein Territorium. 
Als Dušan und Toby einmal in Italien Station machten, haben ihm ein paar Jungs eine Facebookseite eingerichtet. Den Sommer will er in Bozen bleiben, mal sehen, wohin es ihn danach verschlägt.

Hoffnung auf einen Neuanfang

Dietmar hat die Welt schon gesehen, will aber trotzdem nicht in Südtirol bleiben. Von seinen Verwandten und Freunden weiß ohnehin keiner, dass er wieder hier ist. Er versteckt sich vor ihnen, will nicht, dass sie von seiner Obdachlosigkeit wissen. Mittlerweile fühlt er sich wieder besser und macht einen – den Umständen entsprechend – zufriedenen Eindruck. Die Kraft in Armen und Beinen fehle noch, aber es gehe aufwärts. Er ist dankbar, im Haus Aufnahme gefunden zu haben. Er weiß es zu schätzen, sagt er, Recht darauf habe man keines. Und er ist nicht verbittert: „Ich habe Fehler gemacht, ich muss niemandem die Schuld geben.“ Dietmar hat sich seine Hoffnungen und Träume bewahrt. Er sehnt sich nach einem Haus am Wasser, weiß wie ein Zuckerwürfel, mit blauen Jalousien, einem Atelier und einem Segelschiff davor. Er will Arbeit und eine Partnerschaft. Noch ist er aber in Bozen, und bringt jeden Tag frische Blumen ins Haus der Gastfreundschaft.

* richtiger Name der Redaktion bekannt

Matthias Mayr

überzeugter Heimkehrer, solange man ihm seinen Reisepass nicht abnimmt. Salurner, Maschggramensch, mag es barfuß, warm und sonnig.
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Weil die Leute leider über solche Menschen viel zu schnell urteilen und sie manchmal auch beleidigen, ist es wichtig, Themen wie das der Obdachlosigkeit aus dem Blickwinkel der Betroffenen zu schildern. Dadurch wird allen klar, dass so ein schlimmer Zustand immer aus leidvollen Erfahrungen resultiert.

Ich habe Dušan und Toby 2012 in Sevilla getroffen. Gibt es immer noch diese Kalender die man kaufen kann, mit einem Bild von Toby?

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