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Auf a Glas'l mit einer Opernregisseurin

Auf den Kopf gestellt

Franziska Guggenbichler hat sich eine schwierige Aufgabe gestellt. Die Regisseurin will junge Menschen für die Oper begeistern. Und glaubt, ein Rezept gefunden zu haben.

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Bild: Franziska Guggenbichler

„Am Klavier fühlte ich mich immer alleine, ich brauchte mehr Leute“, sagt Franziska Guggenbichler über den Ursprung ihrer Opernkarriere. Ihr Weg brachte sie von Eppan über Florenz nach Salzburg und schließlich nach Berlin, wo die 29-Jährige seit sechs Jahren lebt und an verschiedensten Opernprojekten arbeitet. Dabei bringt sie klassische Stücke am liebsten in neue Formen, wie sie im Skype-Interview erzählt.

Franziska, du bist 29 und schon Opernregisseurin. Wie kommt man zu diesem Beruf?
Mit sechs Jahren hat mein Papa mir ein Klavier gekauft und ich bin in die Fußstapfen meiner Oma getreten, die auch Klavier gespielt hat. Mit 14 habe ich begonnen, am Konservatorium Klavier zu studieren. Irgendwie ist das dann immer parallel weitergelaufen. Nach der Oberschule habe ich Klavier und Philosophie in Florenz studiert und dann mit Kommunikationswissenschaften in Salzburg begonnen. Beides habe ich 2010 abgeschlossen. Danach bin ich nach Berlin aufgebrochen.

Nach einer „krassen“ Aufnahmeprüfung hat Franziska Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik „Hans Eisler“ studiert und ihr drittes Studium im vergangenen Jahr abgeschlossen.

Wie läuft ein solches Regiestudium denn ab?
Es ist sehr anstrengend, weil man einen dichten Stundenplan hat und viel liefern muss. Man darf in keiner der Stunden fehlen. Aber es ist toll, weil man von Anfang an Regieprojekte macht. Wenn man mit dem Studium fertig ist, stellt man sich aber auch die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Gehe ich als Regieassistentin in ein Opernhaus oder bleibe ich auf der experimentellen Schiene und versuche, mich in der freien Szene durchzuboxen?

Was war deine erste Inszenierung?
Die war an der Hochschule im Studienraum. Doch dann habe ich relativ schnell den schulischen Rahmen verlassen und habe in einer alten Fabrikhalle, einem verlassenen Haus und schließlich in einer Diskothek inszeniert.

Ist das Verlassen der bekannten Form also eine Art Markenzeichen für dich geworden?
Ja, das kann man eigentlich schon sagen. Mich interessiert es vor allem auch, Leute anzusprechen, die normalerweise nicht in die Oper gehen. Wenn man andere Räume bespielt, holt man sich auch ein anderes Publikum. Musiktheater kann sehr aktuell und modern sein. Dafür muss es aber eben aus dem klassischen Raum ausbrechen.

Immer wieder fragt sich Franziska, wie sie die großen Opern und aktuelle Inszenierungen, die sie in Berlin im Überfluss zu sehen bekommt, irgendwann zurück in die Heimat bringen kann.

Wie machst du Oper für Leute zugänglich, die so etwas nicht so oft sehen?
In erster Linie verlasse ich dafür den Raum. Dann muss ich ein Medium finden, das auch ein jüngeres Publikum anspricht. Seit einem Jahr arbeite ich daher mit einer Kollegin am Format cinemacantabile. Zusammen produzieren wir Opernfilme, die wir live aufführen. In diesem Jahr haben wir in Schweden einen Film zu Don Giovanni gedreht, den wir in Berlin als Stummfilm aufgeführt haben, während ein Pianist und zwei Sänger die Oper vor der Leinwand synchronisiert haben. Weil jeder Sänger diese klassischen Arien im Studium lernt, kann ich diesen Film ganz flexibel auch in kleinere Ortschaften bringen. Don Giovanni ist hier derselbe geblieben, doch ich habe das Format geändert. Das zeigt meine Position ziemlich gut, denke ich.

Und woher kommen dir die Ideen für solche Projekte?
Darüber habe ich in letzter Zeit oft nachgedacht. Ich bin zum Schluss gekommen, dass es die Empörung ist. Wenn ich mich über etwas im Stoff wirklich ärgere, setze ich mich dafür ein, fange Feuer und kämpfe dann dafür. (lacht)

Den Film in Schweden hast du während einer Künstlerresidenz im vergangenen Sommer gedreht. Nebenher hast du dort auch Flüchtlingshilfe geleistet ...
Gleich nach meiner Ankunft hat sich jemand bei mir gemeldet, der mich gefragt hat, ob ich Lust hätte, ein Chorprojekt mit jungen Geflüchteten in diesem Dorf in Schweden zu leiten. Zwei Mal die Woche habe ich für drei Stunden zwanzig Kinder aus Afghanistan, Afrika und Syrien unterrichtet. Sie hatten zu der Zeit gerade eine Summer School besucht, damit der Eintritt in die Schule nach den Ferien leichter fällt. In dem kleinen Dorf, so groß vielleicht wie mein Heimatdorf Eppan, waren 750 Flüchtlingskinder in privaten Häusern, Wohngemeinschaften und Heimen untergebracht. Jeder Tag war für sie durchgeplant. Wie die Schweden das alles organisiert haben und wie die Willkommenskultur dort war, das war einfach der Wahnsinn.

Was unterscheidet die Flüchtlingshilfe dort von der unseren?
Mit der Südtiroler Flüchtlingshilfe kenne ich mich nicht sehr gut aus. Ich denke, dass in Schweden die Struktur der Organisationen ausschlaggebend für die gute Flüchtlingshilfe ist. Außerdem hat man dort einen anderen Umgang mit dem Thema Migration. Man hat viel mehr Erfahrung damit. In Schweden kommt es einem so vor, als würde man vierzig Jahre in die Zukunft blicken. Die Gesellschaft dort ist bereits jetzt viel durchmischter. Allein meine Arbeitgeber hatten alle Migrationshintergrund.

Auch in Südtirol arbeitest du an verschiedenen Workshops mit Kindern. Wie funktioniert das?
Genau, das mache ich sehr gerne – vor allem weil diese kleinen Menschen so ehrlich sind. In Berlin habe ich bereits zwei Kinderopern produziert. Und in Südtirol habe ich immer das Gefühl, dass Kinder eine sehr gute musikalische Vorbildung haben. Im letzten Jahr habe ich mit einer Gruppe in fünf Tagen eine Oper produziert. Unglaublich.

Findest du es schade, dass solche Talente für eine Ausbildung ins Ausland gehen müssen?
Ich denke, es ist unweigerlich und wichtig ins Ausland zu gehen, wenn man sich in der Musikwelt bewegt. Auf der anderen Seite finde ich es schade, dass man so talentierte junge Südtiroler hat, die ins Ausland gehen und nicht mehr zurückkommen, weil ein Wiedereinstieg daheim recht schwierig ist.

„Zuhause in Südtirol muss ich vielleicht kleiner denken und den Regieberuf weiter stecken.“

Wie sieht das bei dir aus?
Südtirol hat Potenzial, wir müssen nur endlich einmal etwas daraus machen. Es sollte auch Südtiroler Produktionen geben, die den Anspruch haben, auf den großen Bühnen gespielt zu werden. Ich komme auf jeden Fall wieder zurück nach Südtirol. Berlin ist toll und inspirierend, aber ich möchte einfach wieder heim. Auch wenn ich vielleicht kleiner denken und den Regieberuf hier weiter stecken muss, wird es Ende des Jahres wohl soweit sein.

Auf welche Projekte von dir dürfen wir Südtiroler uns ab nächstem Jahr freuen?
Sicherlich eine Runde Opernstummfilm am 27. Mai im Lanserhaus in Eppan. Und vielleicht ist auch schon bald ein Regiedebüt in Südtirol möglich. (schmunzelt)

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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